Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 35 (11.11.1899)
- Date
- 1899-11-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 35. nicht abgeleugnet werden. Den Dank für diese Haltung der Juden quittirte nun Abgeordneter Türk damit, dass er die jüdische Religion wohl vom Vorwurfe des Nitualmordes sreisprach. es aber nicht für ausgeschlossen hielt, dass einzelne Secten bestehen können, welche thatsächlich Blut für solche Zwecke benöthigen. Gegen die Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens! Nur immer höflich sein. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! Ich ersuche Sie höslichst, die nachstehende Erklärung in die nächste Nummer Ihrer Wochenschrift „Die Wahrheit" aufzunehmen. Hochachtungvoll A. Schwarz. Ich constatire hiermit, dass bis zum heutigen Tage von keiner Seite eine schriftliche Anfrage über die Besetzung des Rabbinates in Waidhofen a. d. Thaya an mich gelangt ist. Wien, den 6. November 1899. Prof. Di'. A. Schwarz, Rector der israel.-theolog. Lehranstalt. Jonathan Eibenschitz. Von vr. M. L. Ster«. (Fortsetzung.) In Metz hat Eibenschitz natürlich wieder alle Welt bezaubert. Als er nach Fürth berufen worden war, wohin er gerne wegen Herausgabe seiner Werke gegangen wäre, bewog ihn das Flehen der Metzer Gemeinde, die erklärte, ihn nicht missen zu können, zum Bleiben. Ganz besonders hat er sich da als Jurist in Ausübung der jüdischen Gerichtsbarkeit ausgezeichnet. Dazu gewann er da noch einen neuen Ruhmestitel als Kabbalist ganz unverdient, wie wir zu zeigen gedenken. In Metz hat er die so berühmten Reden des „Jaroth Dewasch" gehalten. Diese Predigten bedürfen für die Beurtheilung einer gewissen Scheidung. Einerseits strotzen sie von Gelehrsamkeit, sind sie wissenschaftlich, tiefsinnig, eindrucksvoll, warm, innig, voll treffender und einschlagender Texte, ein wahrer Citatenschatz und höchst anregend auch noch für den Prediger unserer Zeit. Andererseits aber enthält der „Jaroth Dewasch" geradezu im Uebermaße jene berüchtigte Thora (Auslegungsart), nach welcher die biblischen Personen, Frauen, Knechte, Krieger, Fürsten nicht anders im Wechselgespräche erscheinen, als etwa später die Tanaiten im Lehrhause zu Jabneh oder die Pilpulisten in der Preßburger Schiurstube. Ganz ungetrübt scheint R. Jonathan auch das Metzer Rabbinat nicht abgelaufen zu sein. War er ja Vater und er hatte neben vortrefflichen Kindern auch schlechte. In Gesellschaft dieser soll ein leichtsinniger junger Mann das väterliche Erbe vergeudet haben, wodurch auch über Eibenschitz übles Gerede entstand. Die Geschichte muss allerdings nicht sehr beglückend für den großen Vater gewesen sein, aber er verdient doch darob eher unsere Theilnahme, als unsere Verhöhnung. In Anbetracht dieser peinlichen Situation muss es ihm zweifach willkommen gewesen sein, als Rabbiner in die drei vereinigten Gemeinden Altona, Hamburg, Wandsberg (A. H. U.) zu kommen. 1750, im Alter von 60 Jahren, trifft er in Altona, seinem neuen Rabbinatssitze ein. Wieder thront der Eibenschitzer auf einem der angesehensten Rabbinate, wieder ist er von tausenden Schülern umwogt, selbst von dem strengen, hochangesehenen Jacob Emden anerkannt. Er ist auf dem Schauplatze der großen Schlusskatastrophe angelangt. Wie ein Feuerlärm in der Nacht die Schlafenden aufschreckt, so erscholl plötzlich eines Tages in Altona und weithin in den jüdischen Gauen der Schreckensruf: Rabbi Jonathan Eibenschitz, die Säule der Thora, der größte Lehrer seiner Zeit, dessen Schüler schon hunderte bedeutende Rabbinatssitze eingenommen hatten, Eibenschitz, der bewunderte Moralprediger, der Kabbalist, der Heilige war stets und ist doch nur ein Ketzer, ein Sabbathianer l ist als solcher nunmehr endgiltig entlarvt! Die Ceder des Libanon ist von Flammen verzehrt! Eibenschitz hatte nämlich schon früher, aber zumeist in Altona wunderwirkende Amulete ausgetheilt. Unsere Modernen verurtheilen ihn schon um dieser Amuletenaustheilung willen an und für sich. Ein ehrlicher Eibenschitz hätte daran nicht glauben und den Glauben daran nicht unterstützen dürfen. Doch diese Aufklärung pflegt etwas voreilig im Urtheil zu sein. Wenn der Weise spricht: Im Verlaufe der Tage geräth alles in Vergessenheit, so hätte er mit ebensolchem Rechte sagen können: Im Verlaufe der Tage kommt alles wieder hervor. In unserer Zeit ist wieder die Suggestion das geheimnisvolle Palliativmittel, durch welches selbst wissenschaftliche Capacitäten allerlei Krankheiten heilen wollen. Was heute Suggestion ist, war damals Amulet. Wer hätte, wäre er noch so nüchtern, einem angstvollen Menschen der darauf seine letzte Hoffnung setzte, daran seinen Lebensmuth aufrichtete, ein solch' kleines Amulet vermögen, oder den letzten rettenden Glauben zu zerstören, den Muth gehabt. Und sei es nur der Glaube daran, der wirkte, sieh', auch der Glaube kann Berge versetzen. Chatam Sofer war gewiss ein geschworener Feind aller Mystik: „Du 1i chelek benistoroth“, ich will von Mystischem nichts wissen, war sein Leibwort. Er hasste Wunderkuren, praktische Kabbalah, und dennoch, ob es wahr ist, kann ich nicht verbürgen, rühmte sich mir selbst gegenüber einst ein Greis, er sei im Besitze eines Amuletes vom Chatham Sofer. Ihn hatte das Vertrauen, der Glauben des Geängstigten gerührt. So weit hätte es also, nimmt man die so vielen Großen (Wallenstein, Napoleon, ja Goethe u. s. w.) anhaftenden Schwächen in Betracht mit den Amuleten an und für sich gute Wege. Ein solches Amulet jedoch, welches Eibenschitz einer Kranken gegeben hatte, kam einst dem R. Jakob Emden, dem Sohne jenes Chacham Zewi, der als Kabbalist dem Eibenschitz weit überlegen war, in die Hände, und was fand sein scharfer Blick sofort in diesem Amuleted Es lautet übersetzt: „O Gott Israels, der Du in der Zierde Deiner Macht wohnst, sende durch das Verdienst Deines Knechtes, Sabbathi Zewi, Heilung dieser Kranken, damit Dein Name und der Name des Messias Sabbathi Zewi in der Welt geheiligt werde." Noch mehr, Emden brauchte nur den Schlüssel Al-Basch, Al-Bam Aik, Bachr zu geben, und Jeder war damit befähigt, das geheimnisvolle Buchstabengewirr zu enträthseln, dasselbe aus dem Amulete klar und unzweideutig herauszulesen. Ja, es wurden noch andere etwa 20 solche Amulete aus Metz und Altoya aufgetrieben, die sich Alle von derselben Art zeigten. Fünf davon machten besonderen Lärm, da sie von Eibenschitz als die seinigen anerkannt wurden, und die gerade am offenkundigsten Sabbathi Zewi's Namen trugen. (Fortsetzung folgt.)