Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 35 (11.11.1899)
- Date
- 1899-11-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Nr. 35. Seite 4. belsaupteten, zeugt für die Thatsache ihrer höheren Artung, ihrer vollkommeneren persönlichen Ausbildung und sagt uns, dass Festhalten an der Religion dasgroßeBewahrnngsmitteldes Menschen, der Race sei. Im Mittelalter waren die Mauren in Spanien Träger einer herrlichen Civilisation, ohne dieses edle Volk wären die geistigen Errungenschaften des classischen Alterthums für Europa verloren gegangen, der Welttheil läge möglicher Weise noch heute in den Fesseln der Barbarei und Amerika wäre vielleicht nicht entdeckt worden. Und wer waren die besten Mitarbeiter der Mauren? Juden. Unter dem Einfluss der Achtung und Freiheit, welche dieselben im Reiche der Mauren genossen,-- entwickelten sich bei ihnen sehr gute Eigenschaften, und aus der großen arabischen und hebräischen Literatur jenes glänzenden Zeitalters lassen gewichtvolle gerechte Zeugen sich hören zu Gunsten der Vortrefflichkeit einer so bedeutenden Menge jüdischer Geistesarbeiter und sonstiger Bethätigten. Der Niedertracht Spaniens verdankt die herrliche maurische Civilisation ihre Vernichtung, die Inquisition ihre Entstehung und die hebräische Race ihre grausamste Verfolgung. Fanatismus und Geldgier, Neid und Hass sind überall giftige P e st, und wenn die Oberen und Leitenden von derselben ergriffen werden, wird alles Volk hingerissen und übertrifft bald seine Vorbilder in Unthaten. Die Juden sahen sich immer mehr bedroht, eingeengt, verfolgt im christlichen Europa, sie hielten zusammen und setzen der Gewalt ihrer brutalen und perfiden Verfolger — ihrer Henker — Schlauheit und List entgegen. Wären die Staaten Europas human und wahrhaft christlich gesinnt gewesen, so hätten sie den Juden dieselben Freiheiten und Rechte gewährt, welche die Mauren ihnen gaben, und das hebräische Volk beschützt. Wären verschiedene Nationen Europas in Wahrheit gesittet, so sähen sie in den Juden kräftige Mitarbeiter am Werke der Civilisation und Humanität und reichten ihnen die Bruderhand. Aus der Existenz des Antisemitismus ergibt sich der logische Schluss: auf die Existenz großartiger Ba.rbarei und Bestialität innerhalb der heutigen Cult ur Völker, auf die Thatsgche schlechter, falscher Erziehung, auf das Herrschen verworrener, inhumaner Politik, aus das Verhängnis der verderblichen Wirkung eines naturwidrigen nationalökonomischen und socialen Systems, auf das Ucbel einer elenden materialistischen Weltanschauung, welche die niederen Leidenschaften loskettet, endlich auf Mangel harmonischer Bildung, welche veredelt, und einer Religion, welche erhebt und vervollkommnet. Es ist leicht zu sagen, weshalb unter solchen Umständen die Juden gehetzt werden. Ihr geistiger Wasserspiegel steht über jenem ihrer Verfolger, und ihre Activität übertrifft diejenige ihrer Widersacher. Steigen die Letzteren zu höherer Erkenntnis, wahrer Religion und wirklicher Gesundheit empor, so ist der Antisemitismus zu Ende. Antisemit sein bedeutet: entartet und barbarisch sein. Der Mensch des höheren Typus ist dem Nächsten sympathisch ergeben, demnach frei von Hass gegen die Mitmenschen, sonach auch kein Verfolger. Innerhalb einer höheren Civilisation kann nur die Rede sein vom Mensche n, und niemals kann in Betrachtung kommen die Kategorie der Race, der Confession, der bürgerlichen Meinung, der Profession; in einer solchen Gesittung kann kein Individuum durch Hass und Hetze der Juden sich brandmarken. Dies Alles spreche ich aus absolut parteilos und absolut ohne jedes irdische Interesse. Mein Blut ist das der romanischen und slavischen Race. Seit dem vierten Jahrhundert datirt meine Familie; niemals kam das Blut der Israeliten in unsere Adern. Meine Vorfahren kämpften und opferten sich für die Reformation von Jan Huss und Martin Luther. Ich schreibe keinem Juden zu Liebe, sondern einzig und allein, weil meine Seele sich empört über die Gräuel, den Frevel, das Verbrechen der Verfolgung, der Hetze der Juden, unserer Mitmenschen, und weil ich es fürheilige Pflicht halte, meiuer Ueberzeuguug Ausdruck zu geben." -_ Regungen im ungarischen Iudenthllme. Während die Lage in Oesterreich trostlos erscheint und unsere Glaubensgenossen dort alle ihre Kräfte zur Abwehr des Antisemitismus anspannen müssen, können wir uns hierzulande ganz und gar den jüdischen Angelegenheiten widmen, weil wir von außen nicht gestört werden und von feindlichen Ueberfällen nichts zu fürchten haben. Das Einvernehmen mit den übrigen Confessionen ist ein leidlich erträgliches. Die sogenannten Volksparteilichen, die anfänglich den versteckten Antisemitismus predigten, sind im Niedergange begriffen und dem gemeinen Pöbel mundet die Lockspeise nicht mehr, er lässt sich daher nicht so leicht wieder in's Garn fangen. Zudem hat der Jude seine Sprache vollkommen erlernt, er fühlt sich nicht nur als Ungar, sondern er ist es auch mit Leib und Seele. Die Spuren der früheren Feindseligkeit sind ganz verwischt, und kaum wagt ein blöder Wirrkopf einen Angriff auf unsere Confession, so wird er sofort niedergedonnert. Somit kann es uns nicht Wunder nehmen, dass der Zionismus, der auch in Ungarn seine Fühler ausstrecken wollte, hier keinen gedeihlichen Boden stndet. Wir fühlen zwar mit unseren bedrängten Brüdern, wir sind auch bereit, ihnen nach Kräften beizustehen, sind sie ja unsere Stammesgenosscn, und chas Weh, das ihnen widerfährt, nagt auch an unserem Herzen; doch darum dem Zionismus zu huldigen, der nichts Anderes anstrebt, als den Inden von dem Boden, mit dem er innig verwachsen ist, loszureißen, das ist mehr als thöricht, das wäre unverzeihliche Sünde. Jüngst haben einige Hitzkopfe es versucht, in der Hauptstadt für den Zionismus Propaganda zu machen. Wie verlockend auch der Aufruf erklang zur Gründung eines Vereines, wie schön gemeißelt die Statuten auch Vorlagen, der Zionismus konnte dennoch hier nicht Fuß fassen. Und so scheint er im Keime erstickt worden zu sein, bevor er noch Unheil gestiftet hatte. Der ungarische Jude hat für derlei Passionen keinen Sinn, man fordere von ihm den gebührenden Obolus, er reicht ihn hin, wenn damit die gefährdete Stellung seiner Glaubensbrüder erleichtert wird, aber seinem Vaterlande untreu zu werden, das seine Religion erst in neuester Zeit recipirt hat, das ist ein thörichtes Verlangen, das er unter allen Umständen ausschlägt.*) *) Der geehrte Autor scheint über das zionistische Programm nicht gut informirt zu sein, denn zur Steuer der Wahrheit müssen wir constatiren, dass es keinem einzigen Zionisten, selbst den Verfechtern des sogenannten „Judenstaates" jemals eingefallen ist, die Juden zur Untreue gegen ihr Vaterland zu verleiten. (Die Red.)