Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 35 (11.11.1899)
- Date
- 1899-11-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3063008--00503-3067016- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nedactio» u. Administration: Wien, Ul\, Novaragasse 27. K. k. österr. Postsparcassa Check-Conto Nr. 846.251. Inserate 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. v® fi (Sy * t i* p * t* ( t* ** » f a f naöhangrge Zeitschrift fttt Mische Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis. Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig.fl. 3.— Für Lultusbeainte: Ganzjährig.fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Nr. 35. Wrrn> 11. November 18W. Inhalt: Betrachtungen über die Juden. — Regungen im ungarischen Judenthume. — Die Excesse in Mähren. — Nur immer höflich sein. — Jonathan Eibenschütz. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Feuilleton: Heimweh. — Der Vorsängerdienst der Israeliten nach seiner geschichtlichen Entwicklung — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Publicationen des „Oesterr.-ung. Cantoren-Vereines. — Spenden-Ausweis. — Feuilleton: Der Nihilist. Letmchtllngen über die Jude». In der traurigen Flucht der Erscheinungen, welche die ebenso beklagenswerthe als verderbliche antisemitische Bewegung in letzter Zeit namentlich in Oesterreich gezeitigt hat, gewährt es erfreulichen Trost, aus ernsten Gelehrtenkreisen eine aufrichtig warnende Stimme gegen die Unnatürlichkeit ilnd Unmoralität des Antisemitismus zu vernehmen. Dr. Eduard Reich, Director und Vicepräsident der berühmten Ludovica-Carolina-Akademie in Halle — nebenbei bemerkt, ein Oesterreicher von Geburt und Arier reinster Race — ein Mann, der sein ganzes Leben der Wissenschaft opferte, nur das eine Ziel vor Augen, der Menschheit zu dienen und die Wahrheit zu erforschen, widmet in seinem soeben erschienenen Werke*) ein Capitel den „Betrachtungen über die Inden", in welchem er zu folgenden beachtenswerthen Conclusionen gelangt: „Man versichert von allen Seiten, das Ende des neunzehnten Jahrhunderts drücke den Charakter der Humanität aus und bekunde eine noch nicht dagewesene Civilisation. An solcher Versicherung ist mancherlei Wahres, aber wohl hüte man sich, dieselbe gänzlich wahr zu nennen. Stiergefechte in Spanien, die unerhörte Grausamkeit der Spanier gegen die Thiere im Allgemeinen, der Fluch und Abscheu der Vivisection, die Härte der Eigenthumsgesetze und die Strenge ihrer Vollziehung, die Verfolgung Andersdenkender und Andersglaubender in so manchem Lande, dessen Regierung und Bevölkerung sich gesittet nennen, diese und tausend Erscheinungen der bedeutsamsten Art, unter denen Krieg und Alkoholismus keineswegs zu den unbedeutenden gehören, weisen auf die große Mangelhaftigkeit und Einseitigkeit der Civilisation und belehren uns darüber, dass letztere noch weit davon entfernt sei, von Religion, Philosophie und Hygieine *) „Gedanken und Betrachtungen über mancherlei Dinge in der Welt und Angelegenheiten des Menschen." (Druck und Verlag von F. W. Becker, königl. Hofbuchdrucker, Arnsberg 1899.) durchdrungen zu sein, noch lange nicht die Kraft besitze, auch den gebildeten Menschen aus dem Sumpfe der Barbarei herauszuziehen. Dass dem wirklich sich so verhält, beweist die Thatsache der gegenwärtig von angeblich höchst gesitteten Völkern ausgeübten Verfolgung der Juden. Kein Mensch von wirklicher religiöser und intellectueller hygieinischer und socialer Erziehung kann vermögend sein, Verfolgung auszuüben zunächst gegen seinen Mitbruder. Dem normalen Menschen insbesondere, wenn er die Religion der Liebe bekennt, müssen Hass und Verfolgung der Mitwesen als Abscheu und Verbrechen Vorkommen. Wer verfolgt, kann nicht naturgemäß entwickelt, sondern muss entartet seilt, und als Rückschlag auf den menschlichen Typus der barbarischen Zeitalter sich erweisen; ein solches Individuum, eine solche Mehrheit verdient als Abart des Verbrecherthums aufgefasst zu werden. Wer verfolgt, tritt alle Humanität, Philosophie und Religion mit Füßen, und wer ganz besonders geistig hochentwickelte Racen mit ausgebildetem Gemüthsleben verfolgt, ist entweder ein dummer oder berechnender Teufel. Es werden in unserer überaus erleuchteten Zeit vieler Orts die Juden gehetzt. Wer sind die Juden? Ein gebildetes, persönlich auskrystallisirtes Volk mit warmem Familienleben und einer Zahl sehr guter moralischer Eigenschaften, darunter Mäßigkeit, Vorsicht, wissenschaftliches Interesse und Sinn für Kunst. Selbstmord und Verbrechen sind bei den Juden selten und, bei allem Festhalten an den Ueberlieferungen ihrer Religion und Race, sind selbe dem Fortschritt zugethan. Wie alle Völker, haben auch die Juden ihre Schattenseiten, und haben davon umsomehr, je mehr sie als Auswürflinge behandelt, gekränkt, gehetzt und geschädigt werden. Tausend andere Völker Hütten die Leiden, mit welchen das christliche Europa die Juden heimsuchte, nicht überdauert, wären entartet zu Grunde gegangen. Dass die Juden wider st anden, siegreich sich