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Die Wahrheit · 1899-11-03 · Heft 34 (3.11.1899) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 34 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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„Wahrheit." Nr. 34. Seite 10. von dem Wirken seines großen Lehrers, zeichnete die Verdienste des Herrn Heinrich Berger um Talmud-Thora und sonstige jüdische Institutionen und schilderte beide Männer als Männer der That. Nach der eindrucksvollen Gedenkrede recitirte Cantor Weinstein das „81 inol6 raehamim". Wien. Der Sohn des bekannten Bauunternehmers Herrn Wünsch wurde Samstag, den 21. October, im Brigittenauer Bethause als Barmizwah zur Thora gerufen und trug mit vieler Verve die Haphtara vor. Im Ellernhause fanden sich nach dem Gottesdienste der Vorstand und die Functionäre des Tempels und zahlreiche Freunde zum Barmizwahfeste ein. Der Consirmand überraschte durch eine schöne, von echt jüdischem Geiste durchwehte Rede, die sowohl ihm als auch seinem Lehrer, Herrn Dr. Bernstein, Ehre und Anerkennung eintrug. Wien. Sonntag, den 5. November, findet im Leopoldstädter Tempel die Trauung des Fräulein Etty Fried mann, Tochter des Herrn Lector M. Friedmann, mit Herrn W. Borisewitz statt. Wien. In der Sitzung des österreichischen Reichsrathes vom 24. October haben die antisemitischen Abgeordneten Prochazka und Genossen folgenden Antrag gestellt: „In Erwägung, dass die Einwanderung der Juden nach Oesterreich immer größere Dimensionen annimmt; in Erwägung, dass das Judenthum auf die Sitten und Gebräuche des einheimischen Volkes einen verderbenbringenden Einfluss ausübt; in fernerer Erwägung, dass viele blühende, einst nur von Christen betriebene gewerbliche Berufe und Geschäftszweige sich jetzt ausschließlich in jüdischen Händen befinden und der gute Ruf der österreichischen Industrie durch die Erzeugung von Schund- und Pofelwaare im Jnlande und Auslände schwer geschädigt wurde; in weiterer Erwägung, dass das Judenthum durch die Macht der in seinem Besitze befindlichen, durch und durch corrupten Presse stets die öffentliche Meinung zu verfälschen sucht und immer nur bedacht ist, zum Schaden der christlichen Bevölkerung die Interessen des Judenthums zu fördern; in schließlicher Erwägung, dass wir ohnehin schon genügend Juden in Oesterreich besitzen, stellen die gefertigten Abgeordneten den Antrag, das hohe Haus möge beschließen: Die hohe Regierung wird anfgefordert, unverzüglich einen Gesetzentwurf einzubringen, durch welchen die Einwanderung ausländischer Inden nach Oesterreich auf das Strengste verboten wird. Dieser Antrag ist einem aus dem ganzen Hause zu wählenden 24gliedrigen, nur aus Ariern bestehenden Ausschüsse zuzuweisen." Wien. Die als ausgezeichnet bekannten Selchwaaren des Koscher- Selchwaaren-Fabrikanten Jacob T heu mann haben auch in der Kochkunst- Ausstellung die wohlverdiente Anerkennung gefunden, indem der Erzeuger von der Jury mit dem höchsten Preise, dem Ehrendiplom und der großen Medaille mit der goldenen Palme, ausgezeichnet wurde. Wie«. Die von der in Prag seit 30 Jahren bestehenden Firma Simou Berg in der Kochkunst-Ausstellung ausgestellten Prager Koscher-Selchwaaren wurden durch die Verleihung der großen Medaille mit der goldenen Palme ausgezeichnet. Die Firma besitzt seit April d. I. auch in Wien, I., Franz Josefs-O-uai Nr. 3, eine Niederlage. Boskowitz. Trotz des bisherigen friedlichen Verkehres zwischen den hiesigen Israeliten und Christen kam es hier dennoch anlässlich der Aufhebung der Sprachenverordnungen zu ernsten Demonstrationen und fielen denselben massenhafte Fensterscheiben der jüdischen Bewohner zum Opfer. Die Unruhen dauerten circa drei Tage und Nächte und gelang es der aus 26 Mann bestehenden Gendarmerie-Abtheilung, die Ruhe einigermaßen herzustellen. Jglau, 30. October. In der Nacht vom Sonntag auf Montag sind in Polna an fast allen Häusern, in denen Inden wohnen, die Fensterscheiben eingeschlagcn und die Nahmen heransgerissen worden. Täglich werden dort Hetzschriften und Placate aufreizenden Inhaltes verbreitet. Hollefchru. Der Kaufmann Albert Gratzer, der anlässlich der Judenhetzen und Plünderungen in Holleschau um sein ganzes bewegliches Eigenthnm kam, hat gegen die Stadtgcmeinde Hollcschau zu Händen des Bürgermeisters Pokorny die Klage aus Zahlung eines Schadenersatzes von 15.000 Gulden erhoben. Begründet wird dieser Anspruch damit, dass die Geschäftslocalitäten sich in der inneren Stadt befanden und die Gemeinde verpflichtet war, für die Sicherheit des Eigenthums zu sorgen. Wäre rechtzeitig Militär requirirt worden, hätten die Excesse verhindert werden können. Die Klage wurde beim Kreisgericht Ungarisch-Hradisch eingebracht. Lemberg. Wieder hat der unerbittliche Tod einen nuferer Leute entrissen. Dr. Weiß, der am 12. v. M. im 56. Jahre seines segensreichen Lebens plötzlich verschied, war eine Zierde unserer Gemeinde. Als langjähriger Advocat. vereinigte der Verblichene hervorragendes juridisches Wissen mit Seelenadel und seltener Bescheidenheit. Als Cultusrath zog er sich die Achtung seiner Collegen und der ganzen Gemeinde zu. Selbst vermögenslos, gab er an Arme einen bedeutenden Theil seines Einkommens, und gab cs keine wohltyütige Action, an der sich nicht dieser edle, gelle Mann betheiligte. Der imposante Leicheuzug, an dem sich nicht nur alle Schichten der Gemeinde, sondern auch hohe Beamten betheiligten, ergaben den Beweis der besonderen Beliebtheit und Hochschätzung des so jäh Verblichenen. An seiner Bahre sprachen Rabbiner Dr. Caro, Dr. Emil Byk, Cultusgemeinde-Präsident, im Namen des Cultusrathes und Herr M. S. Goldbaum im Nanien eines großen humanitären Vereines. Tiefgerührt verließen Alle den Friedhof, bedauerten und beklagten den ungeheueren Verlust. — Sein Andenken sei gesegnet für alle Zeiten. Friede seiner Asche. ZI. Frankfurt a. Di., 25. October. Nach den zahlreichen Glückwünschen und Telegrammen, die zu der Feier der silbernen Hochzeit unseres hochverehrten Obercantors Herrn I. Großkopf einliefen, dürfte es die Freunde und Collegen desselben, namentlich in Oesterreich, wo er viele Jahre gewirkt hat, interessiren, über den Verlaus der Feier einen Bericht zu erhalten. Schon am Vorabend des Festes, das am 4. October stallfand, überraschten mehrere Gesangvereine unter der Leitung des Musikdirectors Aschaffenburg das Jubelpaar mit einem Ständchen (Hymnus aus „Josef")- Am Festtage füllten von Morgens bis spät in die Nacht die Besuche der Gratulanten das Haus; über dreihundert Briefe und hundert Depeschen wünschten dem Jubelpaare Glück und Segen; schöne und sinnige Geschenke in Gold und Silber legten Zeugnis ab von der Beliebtheit, die sich der Jubilar in der verhältnismäßig kurzen Zeit seines Wirkens an hiesiger Gemeinde zu erringen verstanden hat: Es war eine Art Familienfeier der ganzen Gemeinde. Die Glocke schlug vier Uhr Morgens, als die Freunde des Jubelpaares mit dem Wunsche schieden, dass es ihm auch vergönnt sein möge, das Fest der goldenen Hochzeit zu feiern, dass der Herr Obercantor noch lange die Gemeinde durch seine erhebenden Gesänge erbauen möge. Elberfeld. Am Donnerstag, den 19. October, hat Herr Cantor Zivi über das Thema: „Ursprung und Entwickelung der S y n ag o g e n - M u s i k" im Mendelssohn - Verein einen einstündigen Bortrag gehalten, der von Publicum und Presse sehr beifällig ausgenommen worden ist. So äußert sich Herr Musikdirektor Rauchenecker in den „Neuesten Nachrichten" wie folgt: „Vorgestern Abends hielt Herr Hermann Zivi von hier im Hotel „Central" einen Vortrag über „Ursprung und Entwickelung der Synagogen-Musik". Der Vortragende legte im Verlaufe desselben ein reiches musikalisches Wissen an den Tag, das uns mit dem Wunsche und der angenehmen Hoffnung erfüllt, dass Herr Zivi, der auch ein ausgezeichneter Sänger ist, seine großen Kenntnisse und Fähigkeiten fortan nicht allein der Synagoge, sondern auch ben sonstigen musikalischen Unternehmungen Elberfelds zugute kommen lassen werde. In Bezug aus den Vortrag verbreitete sich der Redner zunächst über die griechische Musik der fünf vorchristlichen Jahrhunderte, soweit dieselben durch die Ausgrabungen zu Tralles und Delphi mit Hilfe der altgriechischen Notenschrift (Simeiographie) entziffert werden konnte, und machte für die Meinung Propaganda, dass die ganze Musik des Alterthums für unser modern geschultes Ohr so gut und so viel wie keine sei. Trotzdem habe diese Musik Bedeutung gewonnen, nämlich insofern, als sie in ihrer Eigenschaft als Octavenmusik die Basis des ambrosianischen Kirchengesanges (Odai pneumatikai, carmina ex improviso) bilde und von hier aus wieder zu neuen Forschungen und zu der Erfindung des gregorianffchen Kircheugesanges (Hymnoi, cantus planus) geführt habe. Auck diesem cantus plauus heraus habe sich die Kirchenmusik, und mit, respective neben ihr, auch die Synagogenmusik entwickelt. Beide seien auf einen Ursprung zurückzuführen und beide Hütten sich in den verschiedenen Ländern verschieden gestaltet. Darum sei der Synagogengesang in Deutschland ein anderer als in Russland und Polen, und da wieder anders als in Italien und im Orient. An dem Zeitalter der Mehrstimmigkeit habe auch die Synagogenmusik theilgenommen; was

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