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Die Wahrheit · 1899-11-03 · Heft 34 (3.11.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 34 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 34. zu verwerfen brauchen — unter Umständen selbst persönliche Prahlerei für angemessen hält und ssprit äs sorp? und Patriotismus sind collective Prahlerei, die Wenige zu tadeln sich erkühnen dürften. Sogar der eminente Sociologe Herbert Spencer wird patriotisch-prahlerisch wie Einer, gerade indem er darstellt, wie jede Classen-Neigung das Urtheil verwirrt. Es würde den Juden nicht einfallen, mit jüdischen Errungenschaften zu renommiren, wenn die antisemitischen Blätter ihnen solche nicht, außer auf verpöntem Felde völlig absprächen. Sie würden nie das individuelle Verdienst eines Juden als „jüdische Auszeichnung" hinstellen, wenn die Herren Judenhetzer nicht jede von einem Juden begangene Verfehlung als „jüdisches Verbrechen" bezeichneten. So lange diese die Lüge wiederholen, dass der Jude parasitisch, dass er nur für den Schacher geeignet ist, so lange müssen sie sichs gefallen lassen, dass wir in gesperrten Buchstaben veröffentlichen, dass ein Jude unter Schwierigkeiten, die sein christlicher College nicht zu überwinden hatte, zum Unterofficier avancirte, dass ein jüdischer Staatsminister sich die dankbare Verehrung eines Landes erworben hat. Gemeinde- und Vereinsbote. Wien. Bezugnehmend auf unsere Ausführungen an leitender Stelle in der vorigen Nummer.unseres Blattes, constatiren wir mit Vergnügen, dass Herr Cultusvorsteher vr. Heinrich Sieger, wie er uns brieflich mittheilte, bereits am 20. October eine Berichtigung an das „Deutsche Volksblatt" gesandt hat. Diese Berichtigung ist auch faktisch im „Deutschen Volksblatt" in der Nummer vom 22. October veröffentlicht worden. Wie«. Bekanntlich wurde von Seite der antisemitischen Partei gegen den Oberrabbiner vr. Güdemann die Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet, dass er in seiner, in der bekannten Protestversammlung gehaltenen Rede die Einrichtungen und Gebräuche der katholischen Kirche herabgewürdigt habe. Die Staatsanwaltschaft hat nun vor einigen Tagen wegen Grundlosigkeit der Anzeige das Verfahren eingestellt. Wie«. Der „Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien," besichtigte am Freitag, den 27. October, in einer Anzahl von circa 100 Herren die technischen Einrichtungen des Etablissements der „Neuen Freien Presse", wobei der Druckereileiter-Stellvertreter, Herr Herrmann, den Cicerone machte. Den Besuchern wurde zuerst das praktische Setzen in der Text- und in der Jnseraten-Abtheilung, sowie auf den neuen Monoline-Setzmaschinen gezeigt, wobei sich viele der Besucher eine gegossene Zeile aus der Zeilengießmaschine als Andenken erbaten. Sodann wurde den Besuchern das Schließen der Formen gezeigt, worauf dieselben in die Stereotypie geleitet wurden, wo gerade — das Abendblatt clichirt wurde. Die Herren nahmen sowohl die Trocken-, als die Gussstereotypie in Augenschein und sahen später dem Drucken des Abendblattes zu. Der Obmann des Vereines, Herr Brod, dankte schließlich in einer feierlichen Ansprache sowohl dem anwesenden Chefredacteur, Herrn vr. Eduard Bacher, für die freundliche Einladung, als auch Herrn Herrmann für die Führung und Erläuterung des Gesehenen und schloss mit Worten der Anerkennung für die „Neue Freie Presse". Wie«. Samstag, den 28. October fand in der Restauration Rosner, II., Praterstraße, eine zahlreich besuchte General-Versammlung des Kranken- und Unterstützungsvereines „Montefiore" unter dem Vorsitze des Obmannes Josef Pollak statt, in welcher beschlossen wurde, ein VereinSbethaus zu errichten. Wie«. Auf Anregung des Herrn Banquiers S. Fischer biüete sich ein Verein unter dem Namen „Adaß Jeschurun", dessen Streben darauf gerichtet ist, der Jugend ein ausgiebigeres Wissen als durch die officiellen zwei wöchentlichen Religionsstunden möglich ist, zu vermitteln. Namentlich sollen Gebet-Uebersetzung, Raschi rc eingehend gelehrt werden. Man trägt sich auch mit der Absicht, einen tüchtigen, gesetzestreuen Rabbiner zu berufen, der die frommen Elemente im neunten Bezirke sammeln solle. Ein Anfang ist bereits gemacht. Während der hohen Festtage fand im Hause des Herrn Jsid. Frommer (Sobieskygesse) ein dem Religionsgesetze und der Ueberlieferung entsprechender Gottesdienst statt. Endlich wird auch beabsichtigt, an der Colonisation in Palästina und Syrien Mitzuwirken. Die Statuten dieses Vereines erhielten bereits dieser Tage die Genehmigung des Cultusvorstandes, sowie auch der Staatsbehörde. Der Mitgliedsbeitrag beträgt jährlich fl. 3'—. Derselbe wird in vierteljährlichen Raten erhoben. Budapest. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde hot vor einiger Zeit an die Stadtverwaltung das Ersuchen gerichtet, ihm zum Bau eines Krankenhauses eine Baustelle zu mäßigem Preis zu überlassen. Der Magistrat hat diesem Ersuchen entsprochen und den Preis auf fl. 3.50 für den Quadratmeter festgesetzt. Im Stadrath, wo die Genehmigung zum Verkauf der betreffenden Baustelle zur Berathung stand, wurde von einigen Mitgliedern der Antrag gestellt, in Anbetracht des guten Zwecks den Preis um einen Gulden pro Quadratmeter herabzusetzen. Der Antrag ist einstimmig angenommen worden. Der Magistrat bewilligte weiters dem hiesigen Bikur Cholim-Verein und dem jüdischen Ackerbau- und Handwerker-Verein Unterstützungen und der Altofener Cultusgemeinde einen größeren Beitrag zur Restaurirung ihrer Synagoge. Diese Haltung des Budapester Stadtraths sticht sehr vortheilhaft ab von dem Vorgehen der entsprechenden Behörden in Wien, die allen jüdischen Einrichtungen, auch den ausschließlich Humanitären, die schwersten Hindernisse in den Weg legen. Budapest. Auf dem ältesten Friedhofe der hiesigen Chewra Kadischa, dessen Todte demnächst exhumirt werden, ruhen mehrere Personen, die an dem ungarischen Freiheitskampfe theilgenommen haben und entweder hingerichtet wurden oder im Kerker gestorben sind. Die Chewra hat beschlossen, diese Leichen auf Kosten des Vereins exhumiren und auf dem neuen Friedhofe in einem gemeinsamen Grabe beisetzen zu lassen. Ein Gedenkstein wird die Namen der Helden verewigen. Frankfurt a. M. In einer kürzlich unter dem Vorsitze des Herrn Charles L. Hallgarten in den Räumen der „Frankfurt- Loge" stattgehabten Delegirten-Versammlung wurde ein „Süddeutscher Verband israelitischer Hilfsvereine und Gemeinden" constituirt, welcher sich die Aufgabe stellt, durch einheitliche Regelung des Unterstützungswesens den Wanderbettel zu bekämpfen und nach Möglichkeit zu beseitigen. Der Verband soll dahin wirken, dass jede Gemeinde für ihre Armen Sorge trage, dass für jüdische Ortsarme, zu deren Unterstützung die communale Armenpflege verpflichtet ist, diese in Anspruch genommen werde, soweit dies ohne Nachtheil für die jüdischen Armen geschehen kann, dass nach Möglichkeit Arbeitsnachmeisstellen errichtet werden, dass alle israelitischen Wohlthätigkeitsvereine einer Gemeinde mit einander in beständige Verbindung treten und vereint alle Schritte thun, um den Hausbettel zu verhindern. Aus der Provinz Hessen-Nassau und dem Großherzogthum Hessen waren ungefähr 50 Delegirte, welche ca. 20 Vereine und Gemeinden vertraten, erschienen. Die Statuten wurden berathen und zunächst mit einer probeweisen Giltigkeit auf ein Jahr angenommen. Den Vorstand bildeten die Herren vr. Rothfels-Cassel, Heimerdinger-Wiesbaden, Mayer- Mainz, Stahl-Friedberg, Straus-Wiesbaden, Strauß-Gelnhausen, Sinzheimer-Worms, Hallgarten, Hirschler, Wertheimer, Metzger und vr. Walter aus Frankfurt a. M. Die hiesige jüdische Gemeinde, welche durch mehrere ihrer Vorstandsmitglieder vertreten war, nimmt an dem Zustandekommen des Verbandes den regsten Antheil und hat nach Schluss der Berathungen die sämmtlichen Delegirten zu einem opulenten Diner eingeladen, welches sich durch Vorzüglichkeit und Mannigfaltigkeit der gereichten Genüsse auszeichnete.

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