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Die Wahrheit · 1899-11-03 · Heft 34 (3.11.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 34 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 34. Die Wahrheit. Seite 7. Bettelheim, kaiserl. Rath Anninger, Dr. Klemperer, sämmtliche in Wien, ferner Karpfen-Krems, Schnabl-Pohrlitz, Weigl-Anssig, Dr. Funk-Boskowitz. Dr. Kahn, Wien, will das Hauptgewicht der Organisation in eine energische Abwehrthätigkeit verlegt wissen. Wenn Dr. Fialla mit Neid nach Deutschland blicke, dass dort der Antisemitismus geringer sei, so sei das nicht richtig. In Deutschland hat er nur nicht so gewaltsame Formen angenommen. Wenn sie im Deutschen Reiche solche Czechen hätten, wie wir, dann wären die dortigen Erscheinungen nicht minder traurig. D'e weiteren politischen Ausführungen des Redners werden durch die Bemerkung des Vorsitzenden abgeschnitten, dass der Bund sich statutarisch von der Erörterung politischer und nationaler Fragen fern halten müsse, Dr. Kahn schließt mit der Aufforderung an den Bund, nichts zu unterlassen, was geeignet sei, das jüdische Bewusstsein zu heben. Der Präsident der Wiener Cultusgemeinde, kaiserl. Rath Heinr. Klinger, gibt die Versicherung, dass der Vorstand der Cultusgemeinde der Schöpfung des Bundes vollauf zugethan und auch bisher nicht müßig gewesen sei. Wie heute die Wiener Cultusgemeinde von mehreren Rednern gewissermaßen als die Vorhut des österreichischen Judenthums bezeichnet wurde, so habe auch der Vorstand jederzeit nicht nur die Interessen der Wiener Cultusgemeinde, sondern die des gesummten Judenthums im Auge behalten und werde auch in Zukunft nach jeder Richtung die Interessen des Bundes zu fördern suchen. Dr. Marcell Hoffmann, Wien: Wir haben bisher erfahren, dass Proteste und Eingaben an die Ministerien keinen Erfolg haben, darum müssen wir selbst zur Abwehr schreiten. Aber wir sollen uns wehren in Formen, die unser würdig sind. Man hat bisher nur im höhnischen Sinne von „Judenschutztruppen" gesprochen, aber wenn von tausend Juden, die z. B. in irgend einer Gemeinde sind, dreihundert statt in den Keller zu flüchten, auf die Straße hinaustreten würden, mit kräftiger Faust — Nothwehr ist ja auch gesetzlich gestattet — dann würden wohl die Plünderer Respect bekommen und ein nächstes Mal das Plündern unterlassen. Wir müssen den sittlichen Mannesmuth in uns aufrühren, dann werden wir auch bei unseren Gegnern die nöthige Achtung finden. Di-. Funk-Boskowitz lenkt die Aufmerksamkeit des Bundes ailf die Wanderbettler und bittet um Abhilfe dieses Uebelstandes. Herr Alfred Gach, Przibram ersucht, dass der Bund mit den Juden in czechischen Gemeinden czechisch verkehren möge. So seien ihnen deutsche Broschüren gegen die Bluthetze zugesandt worden, die vom Volke nicht gelesen werden können. Vorsitzender Dr. Stern bemerkt hierauf, dass die Bundesleitung nicht wissen könne, in welcher Sprache eine Gemeinde verkehrt. Wenn diesbezügliche Wünsche beim Bunde angemeldet werden, werden sie gewiss Berücksichtigung finden, da der Bund nach den statutarischen Bestimmungen die politischen und nationalen Divergenzen, wie sie bei den Glaubensgenossen bestehen, vollkommen bei Seite lässt. Herr Pappenheim, Wien, theilt mit, dass die „Jewish- Colonisation" im Vereine mit der „Allianz" 40 Boryslawer Familien nach Amerika expedirt habe, damit sie sich dort eine neue Existenz gründen, mtb auch für Holleschau sei eine Hilfsaction eingeleitet. Dr. Zaloezer-Kimpolung bittet den Vorsitzenden, die Anwerbungen der Gemeinden zu Bundesmitgliedern nicht von Wien aus, sondern von den Hauptstädten der Kronländer zu veranlassen, da die Gemeinden mit den Letzteren in engerer Fühlung sind. Der Vorsitzende verspricht die Berücksichtigung dieser Anregungen und schließt hierauf, da die Tagesordnung erledigt erscheint, mit einem eindringlichen Appell an die Anwesenden und Abwesenden, die Bundeszwecke zu fördern, um '/„9 Uhr Abends die Versammlung. Unr immer höflich sein! Wir erhalten folgende Zuschrift: „Sehr geehrter Herr Redacteur! Am 28. August d. I., als unser gewesener Rabbiner, Se. Ehrwürden Herr Dr. Kahan, uns verlassen sollte, um dem Rufe nach Znaim zu folgen, ließ ich durch denselben den Rector der Wiener Rabbiner-Seminars, Herrn Di-. Schwarz, anfragen, ob er uns nicht aus seiner Lehranstalt einen geeigneten Nachfolger empfehlen könnte. Als Leiter einer theologischen Anstalt sollte doch der genannte Herr Rector die Gelegenheit freudig ergreifen, einen seiner Schutzbefohlenen gut unterzubringen. Aber wie es scheint, bildet Herr Rector Schwarz seine Zöglinge nicht für jüdische Gemeinden, sondern vielleicht für die Zulukaffern aus, denn auf jene höfliche Anfrage ist nicht einmal eine Antwort erfolgt! Was soll man sich von einem solchen Benehmen des Bildners unserer religiösen Leiter denkend Für die Aufnahme obiger Zeilen bestens dankend, zeichne hochachtungsvoll sl» H - ^osef Pollak Cultusvorsteher. Waid Hofen a. d. Thaya, 25. October 1899. Die Eristeiyfmge -er Indenheit. Mit Bezugnahme auf die unter obigem Titel in Nr. 32 unseres Blattes reproducirten Ausführungen, sehen wir uns veranlasst, das nachfolgende, an die „Berl. Jsr. W." gerichtete Schreiben des Herrn O. H. C a v e n d i s h aus London zu veröffentlichen : Sehr geehrte Redaction! Herr Dr. Ernst Tuch hat in dem Artikel „Die Existenzfrage des Judenthums" mehrere Behauptungen aufgestellt, die mir anfechtbar erscheinen, und Ansichten ausgesprochen, von denen ich nicht glaube, dass sie allgemein getheilt werden sollten. Ob die wirthschaftlichen Theorien des Herrn Dr. Tuch richtig sind und sich verwirklichen lassen, habe ich nicht untersucht, erlaube mir auch kein Urtheil darüber. Seine Bemerkungen aber über die Haltung der jüdischen Blätter und über jüdische Renommage halte ich für durchaus ungerechtfertigt. Herr Dr. Tuch unterschätzt, wie mir scheint, den Kleinhandel des Lebens, und doch möchte er Kleinhändel nur mit Kanonen ausfechten. Das ist ein viel zu heroischer Standpunkt. Um mit Macaulay zu reden: „Der Mann, der nur Goldstücke in der Tasche zu tragen geruht, muss in Geldverlegenheit sein, wenn er eine Cigarre kaufen oder ein Glas Bier trinken will." Der Antisemitismus ist die verkörperte Feigheit, der Duldung den Muth zum Verbrechen verleiht, und dem vorzubeugen ist Pflicht der jüdischen Organe, jede seiner Anfechtungen ernsthaft zu bekämpfen, jede noch so lächerliche Lüge unermüdlich festzunageln und an den Pranger zu bringen. Herr Dr. Tuch spottet über das „gepriesene jüdische Herz", das doch nicht im Stande gewesen, der wirthschaftlichen Noth der Juden wirksame Abhilfe zn leisten. Ist denn völlige Austilgung aller wirthschaftlichen Noth je einem anderen Volk gelungen? Das jüdische Herz aber lindert mit beispiellosen Opfern unermüdlich die Noth, die gerade der Antisemitismus verursacht, verschärft und immer wieder erneuert. Was „jüdische Renommage" im Allgemeinen betrifft, so möchte ich Herrn Dr. Tuch doch erinnern, dass der größte der Apostel — dessen Autorität wir nur in Sachen der Theologie

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