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Die Wahrheit · 1899-11-03 · Heft 34 (3.11.1899) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 34 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 34. Wir dürfen aber nicht immer nur von der Hilfe und Rettung sprechen, die von Außen, von dritter Seite uns zu Theil werden soll, und ich verkenne gewiss nicht die unermessliche Tragweite, welche einem pflichtbewussten, das Recht und Gesetz wahrenden Eingriffe der Staatsgewalt beizumeffen ist, auf welche wir gleich allen anderen Staatsbürgern unter allen Umständen angewiesen bleiben. Wenn aber dem gegenüber die von uns angenommene Resolution mit dem bedrückenden Geständnisse beginnt, dass die seit fünfzehn Jahren und länger in Oesterreich gegen uns betriebene Hetze, die dem Rechte entsprechende Repression nicht gefunden hat, und wenn wir hiezu die Mittheilung des Herrn Vorsitzenden in's Auge fassen, dass bereits vor zehn Jahren der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde in einem Memorandum an die Negierung Alles vorher gesagt hat, wie es seither auch wirklich gekommen ist, dann drängt sich nothwendig die Frage hervor: Was haben wir Juden selbst und aus eigener Kraft gethan, um die Erfüllung dieser düsteren Borhersagung zu verhüten oder einzuschränkend Ich muss bei diesem feierlichen Anlässe mahnend und warnend aussprechen: Die österreichische Judenschaft hat ihre Pflicht durchaus nicht erfüllt. Genau fünf Jahre sind es her, dass ich Gelegenheit hatte, in einem größeren Kreise jüdischer Vertrauensmänner aus Wien in mehrfachen Berathungen ein umfassendes Programm der Abwehrthätigkeit zu entwickeln, welches sich der beifälligsten Zustimmung erfreute. Und was ist aus diesem freudig acclamirten Programme geworden? Bis auf das Rechtsschutzbureau, welches ich damals in dem Vereine der „Oest. isr. Union" einrichtete, und welches seither so gut und recht weiterarbeitet, als es eben die vorhandenen Mittel und — Kräfte gestatten, ist dieses Programm unerfüllt geblieben bis aus den heutigen Tag, weil die Männer und die Geldmittel fehlten, welche zu seiner Verwirklichung unerlässlich waren und sind. Und nach fünf drangsalvollen und schreckensreicben Jahren, nach Raub und Plünderung, die an unseren Glaubensgenossen verbrochen werden, nach gewaltsamer Vertreibung vieler aus ihren Heimstätten, nach wirthschaftlicher Vernichtung einer Unzahl derselben im Wege der Boycottirung und gewerblichen Ausschließung, heute in der Zeit, wo der Frevel der Blutbeschuldigung durch die Lande schreitet, Angst und Entsetzen verbreitend, Schrecken und Vernichtung zurücklassend, — heute kommen wir abermals, arg verspätet zwar, aber vielleicht noch nicht zu spät auf den eindringlichen Ruf der Abwehr zurück, der Abwehr aus eigener Kraft neben der staatlichen Hilfe, auf die wir ein legitimes Recht besitzen, neben welcher aber Selbsthilfe und Selbstvertheidigung unsere oberste Pflicht ist und bleiben muss.- Vielleicht, meine Herren, dass das Märchen der jüdischen Solidarität, welches man so gerne gegen uns ausspielt, zur Wahrheit und praktischen Wirklichkeit wird; heute klagen und seufzen wir unter dem empfindlichen Mangel dieses Zusammengehörigkeitsgefühles und dieses Zusammenschlusses; heute fehlen noch, so wie in diesem Kreise, so in den Reihen der Kämpfenden jene Mächtigen und Großen unseres Stammes, weil sie Schweigen und Duldung als Panacee betrachten, trotzdem diese Theorie bis — „Holleschau und Wsetin" geführt hat; heute erlahmen die Schwachen und Dürftigen, weil ihnen vom Centrum weder gutes Beispiel, noch Mittel und Kraft zugeführt werden, — vielleicht, sage ich, wird der heute geschaffene Zusammenschluss jenes Selbstbewusstsein aufrütteln und jene Solidarität herbeiführen, deren wir ach so dringend bedürfen, sollen wir nicht einzeln, sei es in Unehre und Mißachtung, sei es in wirthschaftlicher Roth und Armuth verkommen. — — Redner weist auf unsere deutschen Glaubensbrüder hin, denen es gelungen ist, kraft ihrer systematischen Selbstthätigkeit, kraft einer rationellen Theilung der Arbeit und kraft unermüdlicher ffnancieller Opferfreudigkeit den Erfolg zu erzielen, dass der Antisemitismus im Deutschen Reiche wesentlich zurückgedrängt wurde. Bezüglich der Organisation der Abwehr sei mir anzudeuten gestattet, dass diese Thütigkeit — repressiv und prohibitiv — die Schaffung eines weitaus mächtigeren und cretionsfähigeren Rechtsschutzbureaus, eine umfassende und unermüdliche publicistische und literarische Propaganda, eine unermüdliche Controle und Ueberwachung der feindseligen Zeitungen und Publicationen, eine nicht erlahmende Behandlung der antisemitischen Reden und sonstigen Actionen, eine unablässige mächtige Förderung des jüdischen Vereins- und Versammlungswesens, eine continuirliche Thütigkeit der Belehrung in eigenen, wie in den anderen Kreisen, eine successive Beeinflussung und sachgemäße Belehrung jener anderen Kreise der Intelligenz, in welcher nicht blinder Fanatismus, vielmehr nur Jrrthum und Verführung vorherrschen, eine rationelle Inanspruchnahme des Petitionsrechtes nach verschiedenen Richtungen hin und viele andere Bestrebungen und Actionen zum Inhalte hätte, deren Aufzählung, wie bemerkt, sich dem Umfange meiner heutigen Erörterung und noch mehr einer vorzeitigen Veröffentlichung naturgemäß entzieht. Nicht minder jedoch ist auch das wirthschaftliche Gebiet in den Kreis dieser groß angelegten Abwehrthätigkeit einzubeziehen, da die Förderung und Unterstützung der so überaus zahlreichen wirthschaftlich elenden Elemente in Zeiten ihr allgemeinen Drangsalirung umso unerlässlicher erscheint, als gerade diese schwächsten und wehrlosesten Mitglieder unserer Gemeinschaft die Verbrechen und Ausschreitungen des Antisemitismus am bittersten und schmerzlichsten zu fühlen und zu empfinden bekommen. Eine derartige Action braucht wohl große Geldmittel, aber sollten wir etwa fürchten müssen, dieser unerlässlichen Kampfesausrüstung nicht theilhaft werden zu können, sollten wirklich die Geldmittel aus unserem Kreise dort versagen, wo es sich um Rettung der vitalsten jüdischen Interessen handelt, während diese Geldmittel stets unerschöpflich zu finden sind, lvo es sich um andere öffentliche Widmungen und Gelegenheiten handelt? Wenn, geehrte Versammlung, unsere Aufgabe nicht nur darin bestehen soll, Geschehenes zu beklagen und in seinen Wirkungen thunlichst zu bessern, vielmehr auch bevorstehendem Uebel rechtzeitig zu begegnen, so gestatten Sie mir noch die Erwähnung zweier meiner Ansicht nach sehr erheblicher Momente. Redner verweist auf die traurigen Verhältnisse der jüdischen Arbeiterschaft in Bvryslnw. Für den 20. Februar 1900 ist die Einführung der neuen bergpolizeilichen Vorschriften geplant, wodurch neuerdings die plötzliche Erwerbs- und Brodlosigkeit mehrerer hundert jüdischer Familien bevorsteht, eine Katastrophe, die wir nicht abwarten, deren Wirkungen wir nicht beheben können, deren Eintritt vielmehr vorzubeugen, als dringendes nicht nur jüdisches, sondern allgemeines Interesse erscheint. Das zweite Moment bezieht sich auf die Förderung der palästinischen Colonisationsbestrebungen, welche seit jeher dem Judenthum als heilige Pflicht gelten und welche auch im Laufe der letzten Jahrzehnte zu überaus erfreulichen und günstigen Resultaten geführt haben. Mit jedem einzelnen Colonisten, der in das heilige Land entsendet wird, mit ihm und mit seiner Familie wird nicht nur die wirthschaftliche Aufrichtung verbunden, sondern auch ein Stück lebenden Judenthums für alle Zeiten und Generationen gerettet. Ich überantworte diese Erörterungen der Würdigung des Bundes mit dem innigen Wunsche, dass es unserer solidarischen Vereinigung nach innen und außen beschieden sein möge, in ausdauernder und sieghafter Arbeit, im Wege muthigcr Abwehr und energischer Selbsthilfe dem Tage uahezukommen, an welchem endlich die Sonne der Gerechtigkeit und des Friedens gleichmäßig leuchtet über alle Bewohner unseres österreichischen Vaterlandes." Ueber Vorschlag des Cultusvorstehers Schneider, Baden, werden zu Cassarevisoren gewählt die Herren: S. Heit, Wien, Di-. König, Floridsdorf, Dr. Marc. Spitzer, Wien. Zu Schiedsrichtern die Herren: Jeiteles, Teltscher, Wolf Wasservogel, Gottlieb Taußig, Dr. Ehrmann, Max Fleischer, Dr. Meitner, Langer, Rosner, Dr. Zins, Dr. Fialla, Dr. Gelbhaus, Gottlieb

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