Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 34 (3.11.1899)
- Date
- 1899-11-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. Die Wahrheit. Seite 5. Neichsraths-Abgeordneter Hofrath Kareis: Es gibt eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden. Heute müsse ein Jeder seine Stimme erheben und energisch fordern, dass mit der bisherigen Duldung schmachvoller Zustände ein Ende gemacht werde. Die Erscheinungen der letzten Tage lassen sich kaum vergleichen mit irgend einer Zeit in der Geschichte. Wenn im finsteren Mittelalter Judenverfolgungen vorkamen, so braucht, man sich darüber nicht zu wundern, dass aber im Jahrhunderte, das auf naturwissenschaftlichem Gebiete so gewaltige Fortschritte verzeichnet, so wenig Kenntnis des menschlichen Charakters und der Menschengemeinschaften vorhanden ist, das sollte man nicht denken. Nebst Frankreich, fuhr der Redner fort, ist Oesterreich der närrischeste Staat in Europa, und er habe während des Dreyfns- Processes immer befürchtet, dass die Judenhetze, wenn sie dort aufhört, bei uns in Oesterreich aufangen werde. Er beantragt schließlich, dass die vom Präsidium des Bundes vorgeschlagene Resolution der Negierung überreicht und wärmstens empfohlen werde. Er klage wohl nicht gerne an, aber müsse gestehen, dass die Negierung viel hätte thun können, aber nichts gethan hat, um dem hetzerischen Treiben der Gegner Einhalt zu thun und die Excesse gegen die Juden zu verhüten. So sei es im Jahre 1889 gewesen und so auch jetzt. Hofrath Kareis warnt jedoch davor, mit dieser Resolution an die Vertretungskörper heranzutreten, das würde nur unnöthige Judendebatten und böse Stimmungen erzeugen. Dr. Rosenbacher, Prag, bedauert, dass nur die Anwesenden die Rede der Bundes-Präsidenten gehört haben. Wenn auch die Abwesenden davon Kenntnis nehmen könnten, würden gewiss alle Gemeinden dadurch veranlasst werden, sofort dem Bunde beizutreten. Er beantragt daher die Rede in Druck zu legen und allgemein zu verbreiten. Herr Sigmund Mayer, Wien, beantragt, die jüdischen Abgeordneten zur Ausarbeitung und Einbringung eines Gesetzentwurfes aufzufordern, wonach Gemeinden, Land und Staat für die durch Excesse, Plünderungen und Brandlegungen entstehenden Schäden haftbar gemacht werden sollten. Reichsraths - Abgeordneter David Tittinger, Czernowitz, schließt sich diesem Anträge an, wünscht aber eine Aenderung in der Fassung desselben. Es möge nicht den jüdischen Abgeordneten ein imperatives Mandat nach dieser Richtung hin ertheilt werden, was schon aus dem Grunde undurchführbar sei, dass blos elf jüdische Abgeordnete im Abgeordnetenhause sitzen, während zur Einbringung eines Antrages zumindest zwanzig Unterschriften nölhig sind, vielmehr sollten die jüdischen Abgeordneten auch in den Kreisen der übrigen Abgeordneten für einen derartigen Gesetzentwurf Anhänger werben und denselben nicht blos als ein jüdisches Interesse, sondern als eine allgemeine Forderung der Gerechtigkeit kennzeichnen. Dr. Ascher, Wien, spricht dem Anträge Mayer jede praktische Bedeutung ab; er würde einfach in irgend einer Commission begraben werden. Der Antrag Hütte blos einen demonstrativen Zweck, und das nütze auch nicht viel. Da der Minister des Innern in der Interpellations-Beantwortung den an Hab und Gut beschädigten Juden Genugthnung zu leisten versprochen hat, plaidirt er für Ablehnung des Antrages. Antragsteller Sigmund Mayer stimmt dem Amendement Tittinger's zu. Gemeinderath Lucian Brunner unterstützt gleichfalls den Sinn des Antrages. Man dürfe wohl nicht glauben, dass der Antrag heute eingebracht und morgen bereits bewilligt sein werde, aber er habe eine andere praktische Bedeutung. Man soll sich endlich einmal abgewöhnen lernen, dass der Jude dulden müsse, ohne zu reden. Nur, wer sich rührt, finde heute Beachtung. Es seien früher genug Fehler nach der Richtung gemacht worden, dass die Juden und andere politische Parteien dem Treiben der Antisemiten mit verschränkten Armen zusahen, die Folgen davon seien Nachod und Holleschau gewesen. Wenn man schon die Juden todtschlägt, so sollen wir uns wenigstens dagegen wahren. Man nennt die Bewegung, eine politische, aber Diebstahl ist kein politisches Princip. Auf die Bemerkung deS Hofrath Kareis reflectirend, man möge nicht unnöthige Judendebatten Hervorrufen, fragt der Redner, ob es denn für einen Juden eine schönere und dankbarere Aufgabe gebe, als für das Judenthum dort einzutreten, wo es mit Unrecht angegriffen wird. Er sehne sich geradezu nach einer solchen Debatte, da man hier Gelegenheit habe, den bösen und lügnerischen Anschuldigungen auf den Grund zu kommen. Wer das Herz am rechten Flecke hat, darf einer solchen Debatte nicht ausweichen, und er bittet darum den Abgeordneten Kareis, nicht zu zittern, sondern mit beiden Händen die Gelegenheit zu ergreifen, die Gemeinheit der Gegner in das rechte Licht stellen zu können. Hierauf wird die vom Präsidium vorgeschlagene Resolution einstimmig angenommen und der Antrag Mayer dem Ausschüsse zur weiteren Behandlung zugewiesen. Die Wahl des Bundesausschusses erfolgt über Antrag des Herrn S. Heit per Acclamation. Als gewühlt erschienen: Bernhard Biller, Graz, Di-. Emil Byk, Lemberg, I. Ph. Glesinger, Teschen, Dr. Moriz Güdemann, Wien, Ignaz Hahn, Linz, Dr. Alois Hilf, Mühr.-Ostrau, Dr. Leon Horovitz, Krakau, Heinrich Klinger, Wien, Dr. Gustav Kohn, Wien, Gustav Lederer, Jamnitz, Adolf Levit, Pilsen, Dr. Moriz Lichtenstern, Prag, Wilhelm Pappenheim, Wien, Dr. Arnold Rosenbacher, Prag, Dr. Theodor Sonnenschein, Troppau, Dr. Alfred Stern, Wien, Dr. Benno Straucher, Czernowitz, David Tittinger, Czernowitz. Zum nächsten Punkte der Tagesordnung „Angelegenheit Polua" spricht Rabbiner Dr. Rosenmann, Floridsdorf. Nicht die Sprachenverordnungen, sondern eine Niederbeugung des Rechtes haben die Excesse gegen die Juden verursacht. Die Versammlung solle protestiren gegen die Connivenz der Regierung gegenüber der antisemitischen Partei und die Regierung auffordern, die antisemitische Bewegung in die Schranken des Gesetzes zu verweisen. Reichsraths-Abgeordneter Tittinger ist überzeugt, dass sich gewiss die jüdischen Abgeordneten an der nächste Woche stattfindenden Debatte über die Interpellations-Beantwortung des Minister des Innern betreffs der Excesse in Mähren betheiligen werden, aber da bei solchen Debatten mit allgemeinen Phrasen nichts erreicht wird, ersucht er, dass man den Abgeordneten concrete Details zur Verfügung stelle. Mit einem ausreichenden Materiale werde auch leicht der Beweis erbracht werden können, dass nicht die Sprachenverordnungen, sondern die antisemitischen Hetzereien die Excesse gegen die Juden hervorgerufen haben. Dr. Hermann Fialla: Hochgeehrte Versammlung! Nach der soeben vollzogenen Constituirung des allgemeinen Oesterreichischen Israelitischen Bundes ist es mir ein Bedürfnis, ja eine angenehme Pflicht, uns und die österreichische Judenschaft zu dieser Neuschöpfung wärmstens zu beglückwünschen und jenen Männern, welche sich um dieses Werk vielfach und verdienstlich bemüht haben, an dieser Geburts- und Weihestelle desselben den aufrichtigsten Dank auszusprechen. Ich bin zu dieser Aeußerung anerkennenden Dankes vielleicht umsomehr berufen, als ich in meiner Eigenschaft als Präsident des Politischen Volksvereines derjenige war, der anlässlich der Neuwahl des Vorstandes der Wiener Cultusgemeinde im Jahre 1896 in meinem damaligen Wahlprogramme die Forderung der Bildung eines österreichischen israelitischen Gemeindebundes aufstell le und seither consequent festgehalten habe. — — — Nach Hinweis auf die Hindernisse, die sich der Gründung des Bundes in seiner ursprünglich geplanten Form entgegenstellten kommt Redner zu der Besprechung der für die Erreichung der Bundeszwecke erforderlichen Maßnahmen. Unbeschadet des Werthes und der Wichtigkeit aller auf das jüdische Gemeinde-Verwaltungs- und Unterrichtswesen bezüglichen Aufgaben, erscheint Angesichts der dunkeln und stürmischen Zeiten, in welchen wir um unsere Existenz kämpfen, die Quintessenz der Bundeszwecke in dem Punkt 7 des ersten Paragraphen ausgedrückt, „welcher den Rechtsschutz gegen rechtswidrige Angriffe gegen Juden und Judenthum in einer den Gesetzen entsprechenden Weise" a ls die universelle, die Gefammtheit der österreichischen Judenscha ft umfassende Aufgabe erkennen lässt. —-