Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-11-03 · Heft 34 (3.11.1899) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 34 (3.11.1899)
Date
1899-11-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3063007--00491-3067003
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 34. Schoße des Ausschusses, und thatsächlich haben auch derartige Vorberathungen im Vorstande bereits stattgefunden. Alles dies aber muss heute zurücktreten vor der einen Angelegenheit, die uns beschäftigt und deren Bedeutung auch in unserer Berathung durch die Verquickung mit anderen, wenn auch noch so bedeutenden Fragen nicht abgeschwächt werden darf. Es hat die Protestversammlung in Wien stattgefunden, deren Glanzpunkt die Ihnen Allen wohlbekannte Rede des hochverehrten Herrn Obberrabiner Di-. Güdemann war, eine Rede, der wir nicht allein Wort für Wort beipflichtcn, sondern auf Grund deren zugleich unser Aller Solidarität mit dem hochverehrten Sprecher wir heute hier bekunden. Es haben ferner vor und nach der Wiener Versammlung viele andere Gemeinden derartige Protest-Versammlungen abgehalten, deren Anzahl und Inhalt wir nicht einmal wissen, da keineswegs von allen Gemeinden, welche Versammlungen abhielten, dies in die Oeffentlichkeit gedrungen ist. Alle diese Kundgebungen, so werthvoll sie sind, so nothwendig sie waren, waren aber doch immer nur Aeußerungen einzelner, wenn auch noch so bedeutender Gemeinden, ihrer Vorstände und Corporationen. Heute aber soll hier eine Versammlung von Juden zu Worte kommen, welche im Sinne meiner obigen Ausführungen mehr oder weniger schon dermalen die österreichische Judenschaft als solche repräsentirt, und für diese Versammlung wird Ihnen nun folgende Resolution vorgeschlagen:. Resolution. „Die seit fünfzehn Jahren und länger in Oesterreich betriebene Hetze gegen unsere Glaubensgenossen hat die dem positiven und dem natürlichen Rechte entsprechende Repression nicht gefunden. Eine Million österreichischer Staatsbürger jüdischen Glaubens war all' die Jahre hindurch fortwährend Beschuldigungen, Beschimpfungen und Schmähungen, auch materiellen Schädigungen und sonstigen schweren Angriffen auf den verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens, des socialen und geschäftlichen Verkehres ausgesetzt. Die Fortentwicklung zeigt, dass dieser feindseligen Bewegung, welche sofort bei ihrem Auftreten mit leichten Mitteln hätte eingedämmt werden können, nichts Anderes, als der durch den culturellen Fortschritt längst überwunden geglaubte, jedoch zu neuem Leben erweckte Religionshass mit allen seinen Begleiterscheinungen zu Grunde liegt. Erscheint es doch kaum fassbar, was Alles in unsere, seit Jahrtausenden bestehende Religion — die Mutterreligion des Christenthums — hineingedichtet, welche Fälschungen, welche Ungereimtheiten herausgelesen, welche niemals bestandenen Traditionen erfunden, welche, tausend und tausend Mal widersprochenen und widerlegten Lügen immer wieder von Neuem vorgebracht werden. Nun ist auch die schmachvollste, gefährlichste und dabei allerdümmste Lüge, die „Blutlüge", wieder zu neuem Leben erweckt worden. Sie durfte, so unglaublich dies am Schluffe des neunzehnten Jahrhunderts erscheinen mag, in einem österreichischen Gerichtssaale ungeahndet vorgebracht werden. Sie bildet heute eine stehende Rubrik in gewissen Journalen, ohne dass dagegen die erforderliche Repression geübt wird. „Ritualmord" ist heute ein so geläufiges Schlagwort geworden, wie es in vergangenen Jahrhunderten Hexerei und Zauberei waren. Die Folgen dieses unheilvollen Treibens sind mit blutigem Griffel in °der österreichischen Culturgeschichte der Gegenwart eingetragen. ~ All' dem gegenüber erhebt nun der zum^rrsten Male zu ordentlicher Tagung zusammengetretene „Allgemeine Oesterreichisch- Jsraelitische Bund" seine warnende Stimme. Hundertfünfzig israelitische Cultusgemeinden in Oesterreich, die große Zahl österreichischer Israeliten, welche vermöge ihrer öffentlichen und Vertrauensstellungen als Repräsentanten der österreichischen Judenschaft zu erscheinen sich wohl berechtigt fühlen dürfen, wenden sich an die maßgebenden Factoren im Staate, an die österreichische Regierung, an die staatlichen und autonomen Verwaltungen, an die öffentlichen Vertretungskörper und überhaupt an alle anständigen, rechtlich denkenden Kreise der Bevölkerung aller Konfessionen, mit der dringenden Mahnung, jenem verhetzenden, unheilvollen Treiben mit alle Energie entgegenzutreten; es nicht weiter zu dulden, dass eine Million österreichischer Staatsbürger um ihres Glaubens willen geächtet werde, es nicht zu dulden^ dass am Schluffe des neunzehnten Jahrhunderts unser Vaterland Oesterreich unter der glorreichen Negierung unseres unendlich gütigen, weisen, erhabenen Monarchen Kaiser Franz Joseph I. der Schauplatz einer schmachvollen religiösen Verfolgung werde." Der Redner schildert in bewegten Worten die unausgesetzten Anstrengungen des Wiener israelitischen Cultusvorstandes in Sachen der Abwehr im Laufe des letzten Jahrzehntes. Vor mehr als zehn Jahren, führte er aus, wurde seitens des Wiener Cultusvorstandes der Negierung eine Denkschrift überreicht, in der die jetzigen Ereignisse vorhergesagt wurden. Besondere Divination gehörte auch nicht hiezu. Die Drohungen von der „gewaltsamen Abwicklung auf der Straße", vom „Sturm auf die Juden", haben ihre Früchte getragen, die Leidenschaften breiter Massen wurden in zügelloser Weise entfesselt, und schließlich zeigte es sich, was eine bedauerliche Verrohung zu leisten vermag. Der Vorsitzende gedachte noch all' der Vorstellungen und Audienzen, die Angesichts der bedenklichen Erscheinungen ein energisches Einschreiten der Behörden verlangten, wenngleich nicht immer mit dem gewünschten Erfolg. Die Wiener Gemeinde, die größte des Reiches, war sich ihrer Aufgabe als Vorhut unter den Gemeinden wohl bewusst und stets bemüht, ihr gerecht zu werden. Wo aber einem Einzelnen zu leisten die Kraft erlahmt, sollen und wollen wir Alle zusammen und gemeinsam eintreten. Redner würdigte die Bedeutung eines sich über ganz Oesterreich erstreckenden Bundes und gab der Erwartung Ausdruck, dass auch die Besitzenden sich den Abwehrbestrebnngen ihrer schwer leidenden Volksgenossen anschließen werden, und erinnerte sie an das Wort, welche Mordechai an die Königin Esther in der Zeit der Roth entboten hat: „Bilde Dir nicht ein, wenn Du in dieser gefahrvollen Zeit Deinem Volke Dich entziehest, so wird die Rettung von anderwärts kommen, Du aber und Dein Vaterhaus wird zu Grunde gehen. Wer aber weiß, ob nicht gerade Du für das Rettungswerk in dieser Zeit bist erkoren." Hierauf ergriff Rabbiner Di-. Schmiedl das Wort, als einer der ältesten Rabbiner Oesterreichs, der zudem auch in jener Gemeinde, aus welcher in den letzten Tagen so schreckliche Nachrichten gekommen sind, vor Jahren amtirt hat. Redner weist die Berechtigung des Ausspruches nach: „Es gibt nichts Neues unter der -Sonne I" Zur Zeit des Maimonides wandten sich viele Gemeinden aus Aemen, die unter grausamen Judenverfolgungen zu leiden hatten, an diesen großen Gelehrten mit der Bitte, er möchte ihnen rathen, was sie Angesichts der allseitigen Bedrückungen thun sollten. Das Antwortschreiben des Maimonides nimmt einen Ehrenplatz in der jüdischen Literatur ein, und eine Stelle in demselben lautet: „Hören, Dulden, Schweigen!" Das war auch lange Zeit die Devise unseres Stammes. Jetzt haben sich die Anschauungen geändert, und die Juden sind zur Ueberzeugung gelangt, dass man nicht mehr schweigend dulden dürfe. Dieser Ueberzeugung entsprang der heute zur Constituirung tagende „Allgemeine österreichisch-israelitische Bund". Allein es kam schon in früheren Jahren einmal zur Gründung eines Gemeindebundes, der aber nur auf dem Papier blieb. Möge nun der neue Bund zu wirklichem Leben ersprießen. Das walte Gott! Der Vorsitzende lässt die eingelangten Entschuldigungen zur Verlesung bringen, unter anderen von den Reichsraths-Abgeordneten Dr. Byk und Dr. Straucher, was von der Versammlung mit lebhaftem Bedauern zur Kenntnis genommen wird; weiters betont er, dass viele Vorsteher aus Böhmen und Mähren ihr Fernbleiben damit entschuldigen, dass sie in Folge drohender Excesse nicht vom Hause fortkommen können.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.