Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 33 (21.10.1899)
- Date
- 1899-10-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Hesterr.-ungcrr. Kantoren-Aeitung. Nr. 53. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". (9- Jahrg. Der erste Priester-Ornat im Talmud. Eine culturhistorische Studie vvn vr. Dav. Leimdörfer, Prediger zu Hamburg. (Schluss.) Heißt das nicht so viel als: Mosis erster Priesteramts-Ornat war kein eigentlich priesterliches und kein gewöhnliches Kleidungsstück, weder bei den Priesterkleidern, noch bei den Kleidern der Gewöhnlichen fehlte der Saum — denn der Saum und die Naht sind Zeichen der Haltbarkeit; hier aber sollte der Gedanke platzgreifen: Mosis Kleid trägt nicht den Stempel eines Gewandes, das erhalten bleiben soll, sondern es bildet eine Ausnahme, ein Novum, dessen sich kein Anderer bedienen darf, weder ein Priester, noch ein Laie. Niemals soll es wieder in Gebrauch kommen, weder bei Priestern, noch bei Anderen in derselben Form und Gestalt. Alles hat seine Norm, seine Form, seine Vorschrift und die Maßgabe seiner Bestimmung, dieses aber, womit der Lehrer der Priesterschaft, ohne Priester zu sein, ausgezeichnet worden, bildet eine Ausnahme nur für eine einzige kurze Zeit, die ein Muster nöthig hatte, das noch nicht vorhanden war. Sein Kleid sollte sich nicht erhalten und als solches nicht gelten, nicht ihm, nicht Ahron, nicht Anderen! Es sollte eben verschieden — „meschane“ — sein von anderen Gewändern, die im menschlichen Gebrauche stehen. Hiermit ist nicht nur auf die Ausnahmstellung des großen Vorbildners für Priester und Gesammtheit hingewiesen, sondern ein neuer ethischer Gedanke muthet uns hier an. Was Moses als geistiger Urheber des Priesterthums in Israel trägt, ist kein Kleidungsstück, ist nicht „dabar schetithkajem“, ein als Gewand geltendes, bleibendes und dazu allgefertigtes Gewebe — nein, es ist nur ein Stoff, der lose, ungefertigt herabwallt, um, der Würde des Momentes entsprechend, der Verhüllung des Alltagsmenschen zu dienen, es ist kein Kleid, das eine Bedeutung hätte, und wodurch etwa sein Träger etwas Besonderes würde. Es mögen in der profanen Welt Sprüche wie: „Kleider machen Leute" Geltung haben. Im Heiligthnme Gottes nie und nimmer. Der Mann Moses ist ein Gottesmann, höher stehend als alle Hohepriester, ohne ein gefertigtes Kleid zu tragen, denn nicht das Kleid macht den Priester und Führer, sondern das, was sich erhält: der Geist, das Können, das Leisten und Wirken. Staub und Moder, Motte und Wurm zersetzen und zerfetzen die schönsten Hüllen, unter denen redliche und unredliche Priesterherzen geschlagen; die Geschichte urtheilt nach Schöpfungen des Geistes und des Herzens, und also wird es allezeit bleiben. Die Propheten, Psalmisten und spätern Sänger der Synagoge haben diesem Gedanken oftmals eindrucksvolle Worte und Bilder geliehen. Jesajas redet in seinen Tröstungen von dem „Mantel der Gerechtigkeit", womit Gott Israel bekleidet („meil zedakah“), der Psalmist lässt den Weltenregenten sich „mit Macht gürten und mit Hoheit umhüllen" („geath labesch“); ein anderer Poet meint, Gott bekleidet sich mit dem „Panzer Gerechtigkeit" („wajilbasch zedakah kaschirjon“); ein berühmter liturgischer Dichter nennt den allgerechten Vergelter als „angezogen im Efoth der Vergeltung" („neepat nekamah"), und das Heil: eine Krone des Heils („kitroh jeschuahk‘). Der Messias erscheint dem prophetischen Dichter gegürtet mit dem Gürtel deS Rechtes und des Glaubens („zedek. .. emunah... esor“). So oft die Gesetzesrolle in den heiligen Schrein gelegt wird, wird in den Gotteshäusern Israels das alte Wort wiederholt: „kohanecha jilbeschu zedek, Deine Priester kleiden sich in Tugend". — Alle diese Citate wollen den Gedanken der vorliegenden Abhandlung, sowie seine ethischen Ziele beleuchten. Die Träger der gottesdienstlichen Amtsgewänder mögen die letzteren als Stoffe betrachten, die sich nicht erhalten, und an Mosis erstem Priesterornate lernen: Nicht das Kleid macht den Priester, Gelehrten, Führer oder Cultusbeamten, sondern sein Wissen und sein Können, das Beispiel einer edlen priefterlichen Lebensführung, des Strebens nach Wahrheit, Reinheit, uneigennütziger Redlichkeit, inniger Religiosität und der Befestigung der heiligsten Ideale. Sie sind unsterblich, wie der Geist Mosis, unseres größten Propheten und vorbildlichen Gottesdieners für alle gesitteten Völker und religiösen Menschen. * * * Nach Beendigung dieser Abhandlung tauchte in meiner Seele die Frage auf: Hat die talmudische Tradition über den ersten gottesdienstlichen Ornat Moses' nicht doch irgend einen Anhalt oder eine Anlehnung in der Bibel? Ein Blick auf den Prophethen-Abschnitt zur Perikope 8ehmini (Leviticus 9—11), aus Samuel, II. Cap., 6, belehrte mich, dass ein ähnlicher priesterloser Zustand anlässlich einer öffentlichen Feierlichkeit in David's Regierungszeit vorwaltete. Da ereignete es sich, dass ein Nichtpriester, David, Priesterdienfte verrichtete, als die Bundeslade aus dem Hause des Obed Edom ha Gritti in die Davidsstadt gebracht worden war. Es heißt daselbst: „Es geschah, als da die Träger der Lade des Ewigen sechs Schritte vorüberzogen, da opferte er Ochs und Mastvieh. Und David tanzte mit aller Kraft vor Gott und David war „ehagur“ gegürtet, „Efod bad“ in einem „L innenkleid e". In diesem leinenen Gewände sah daS^Volk den König „Oloth usehelamim“ Ganz- und Friedensopfer darbringen, und „nachdem David vollendet hatte, das Brand- und die Freudenopfer darzubringen, ^a.jebaraoh et haam besehem Adonai Zebaoth, bei segnete er das Volk im Namen deS Herrn Zebaoth" (ibidem 2, Sam. 6.). Wir sehen wie bei Moses einen Nichtpriester bei einer religiösen Feierlichkeit priesterlich fungiren, und diese priesterliche Function vollführen in einem weißen Linnen kleide, das mit einem Gürtel an David's Körper befestigt ward. Aber nicht nur diese für unsere Frage bedeutsame Bibelstelle mochte den talmudischen Interpreten im Tractate Aboda Sara vorgeschwebt haben, sondern auch eine ähnliche im ersten Samuelbuche, Cap. I., 19 und 20. Da lesen wir: „Und Samuel hielt Dienst vor dem Angesichte Gottes, er mar ein Knabe, ehagur efod bad“, umgürtet mit einem priesterlichen Kleide aus Linnen. „Und einen kleinen Ueberrock (meil) fertigte ihm seine Mutter an und brachte es ihm von Jahr zu Jahr, wenn sie mit ihrem Manne hinaufzog, um zu opfern das jährliche Opfer." Dieses steht unmittelbar nach der Schilderung der unreligiösen Gebahrung der Söhne des Hohepriesters Eli, die Gott nicht erkannt hatten und der „Ainehat Adonai„das vorgeschriebene Gottesopfer entweiht hatten". Die Sprossen des altbiblischen Priesterstammes aus dem Hause Ahron's haben ohne Zweifel den Gottesdienst in den vorgeschriebenen Gewändern der Priester, „bigdi keinmal verrichtet. Aber was frommt die äußerliche prunkhafte Bekleidung, wenn sich ein „Nisobpat ha Kohanim”, ein „Recht der Priester" (Sam., I.13), das in der That ein himmelschreiendes Unrecht gewesen, eingebürgerthatte? Gottesfurcht, Gotteserkenntnis waren geschwunden, Entweihung der heiligsten Stätte und Opfergaben hatte platzgegriffen, Sittenlosigkeit, Raub und irdische Genusssucht besudelten das schöne, kostbare Priesterkleid und damit den Priesterstand. Da erweckte Gott einen Nichtpriester, der für den „Dienst vor