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Die Wahrheit · 1899-10-21 · Heft 33 (21.10.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 33 (21.10.1899)
Date
1899-10-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Dte Wahrheit. Nr. 33. Möglichkeit zu heben. Er selbst gab sich ebenfalls alle Mühe, so gefällig als möglich zu erscheinen. Des Alters Schmuck hatte sich über Nacht in Jugendfrische verwandelt und der in Ehren ergraute Bart glänzte vor Schwärze, als er unter lautloser Stille auf der Kanzel erschien. Kaum hatte jedoch der ehrwürdige Rabbiner die ersten ungarischen Sätze mit falscher Betonung und slavischem Accent gesprochen, so verflüchtigte sich plötzlich das Interesse des Publicums und es übermannte dasselbe ein Gefühl der Entrüstung, dass die Herrrn vom Vorstande einen Mann zur Probe beriefen, von dem sie im Vorhinein wissen konnten, dass er kein guter Ungar sei, nachdem er seit mehreren Decennien in einem slovakischen Neste lebt, wo man niemals ein ungarisches Wort zu hören bekommt. Es wurde auch allgemein verargt, dass ein Mann, der viel weniger ungarisch weiß, als ein Elementarschüler der vierten Classe, die Kühnheit hatte, in Gegenwart der ungarischen Intelligenz eine ungarische Rede zu halten. Selbstredend hat sich das so bitter enttäuschte Auditorium an dem vermessenen Redner dadurch theilweise gerächt, dass es schaarenweise demonstrativ die Synagoge verließ. Die zurückgebliebene Zuhörerschaft bestand zumeist aus den Mitgliedern deS Vorstandes, des Rabbinates und dem Lehrkörper des Rabbiner-Seminars, welche aus Schicklichkeitsrücksichten mit der größten Ungeduld den Schluss der Festrede abwarteten. Auch die deutsche Proberede ließ sehr viel zu wünschen übrig. Im Allgemeinen hat dieser ehrwürdige Rabbiner den Fehler eigen, dass er sowohl das Ungarische als das Deutsche falsch accentuirt, die Worte nur zur Hälfte spricht und das Uebrige verschluckt. Außerdem sind seine Stimmmittel viel zu schwach, um einen größeren Raum auszufüllen. Ich erlaube mir, diesem Berichte noch die Bemerkung hinzuzufügen, dass der Vorstand nach den bitteren Erfahrungen, die er mit der ungarischen und deutschen Proberede dieses Rabbiners gemacht, demselben den halachischen Vortrag dankend erlassen hat. _ L. Engländer. Der Mhilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Scherbe!. (Nachdruck verboten.) (22. Fortsetzung.) Nur Clara trat in diesem Augenblick noch für die Schwester ein. Sie durfte es wagen, da, wo Alles verdanpnte und verurtheilte, weil die Convenienz es wollte — der Natur das Wort zu reden, der Natur, die in Allem, was sie in dem Menscheu zu Tage treten ließ, wohl verdient, gehört zu werden. Und außerdem — wie tief auch Clara ihre Eltern liebte und verehrte, wie sehr sie auch den Kummer begriff, den Fremma den Ihrigen zu bereiten die Absicht hatte — ihr Herz umschlang auch ihre Schwester mit inniger Liebe. Diese, ihre Schwester, sah sie jetzt tief gebeugt und niedergedrückt, als Opfer der menschlichen Leidenschaft, die noch niemals nach Gründen, Umständen und Verhältnissen gefragt, wenn sie auf Befriedigung drang. „Lasset uns", begann Clara, „lasset uns, meine Guten, nach einem Ausweg suchen aus dieser uns allen so schmerzlichen Situation. Uns selbst ist Alexander Wandelowicz noch nicht bekannt. Es könnte ja sein, dass eine nähere Bekanntschaft mit seinem Wesen uns mit der Abneigung versöhnt, mit welcher wir ihm jetzt gegenüberstehen. Es könnte sein, dass seine Angehörigen es mit uns unternehmen, ihn auf andere Wege zu bringen." „Aber er ist ein Nihilist, ein Verfolgter, ein Geächteter!" fuhr der alte Glanzberg auf. „Ueberlass, Vater, mir die hochernste Angelegenheit und ich verspreche Dir dabei, dass Deine väterliche Autoritär nicht um ein Jota verkürzt werden, dass die Rechte, die Ihr auf Euer Kind habet, die Liebe, die Ihr für dasselbe heget, mir niemals aus den Augen kommen soll. Einstweilen möge die Rache , ruhen, die weitere Behandlung derselben ist auch nicht geeignet, mir meinen kurzen Aufenthalt bei Euch zu verschönen." Und Clara's Wort galt im Hause, in der Familie. Das unliebsame Thema wurde verlassen und man versuchte in der Besprechung verschiedener anderer Gegenstände die Gedanken auf andere Wege zu bringen. Indes gelang dies nur theilweise, die Stimmung blieb eine gedrückte. Clara hatte vor ihrer Abreise noch Gelegenheit genommen, ihren ältesten Bruder mit ihren, Fremma betreffenden Absichten und Plänen bekannt zu machen, und fand in ihm einen getreuen Bundesgenossen. 7. MncrngeneHme Erinnerung. In dem Hause der Vorstadt Gomels, in welchem die Zusammenkünfte Alexanders mit Fremma stattgehabt hatten, finden wir jetzt in einem elegant eingerichteten Zimmer zwei Männer: der Eine ist der uns bereits bekannte Gebhard Wandelowicz und in dem Anderen nehmen wir Lolkind Aronsohn, den Eigenthümer des Hauses, wahr. Derselbe mochte ungefähr fünfzig bis fünfundfünfzig Jahre zählen, ist schon stark ergraut und besitzt ein lebhaftes Mienenspiel. Körperlich verwachsen und von Mutter Natur, als ganz besondere Gratification, mit einem Buckel bedacht, muss er wohl nichtsdestowenigereinen hohen Begriff von seiner Erscheinung haben, denn wir sehen ihn öfter, als es sonst bei Männern der Fall ist, vor den Spiegel treten, um bald das spärliche, geröthete Haar in Ordnung zu bringen, bald dem Weißzeug, das er an sich hat, die gehörige Lage zu geben. Unter der sehr niedrigen Stirne gewahren wir ein Augenpaar, das, wie von einer Maschine getrieben, in dauernder Bewegung sich befindet, die Nase stumpf, das Kinn spitz und von einem kümmerlichen Haarwuchs umgeben, denn einen Bart konnte man das dünne Gespinnst wohl kaum nennen. Wenn nun aber auch die körperliche Erscheinung von Aronsohn wenig imponiren konnte, so that dies umsomehr sein lebhafter, mit allen Nuancirungen der Verschmitztheit aus gestatteter Gesichtsausdruck. Beide Männer saßen an einem Tisch, auf welchem eine Flasche Sect und zwei Gläser standen. „Wie gesagt, mein lieber Wandelovicz," begann Aronsohn, „die Sache kann uns auch aus einleuchtenden Gründen nicht wenig anmuthen, denn ich bin der Theil, der dabei zu Schaden kommt, und Ihr wisset, dass ich es niemals verstanden habe, mit Verlusten zu rechnen." „Davon habe ich leider nur die besten Beweise," sagte der Andere und fuhr fort: „Indes werdet Ihr zugestehen müssen, dass es sich hier in erster Reihe um Nachrichten über Alexander handelt, da ich ja nur deshalb von Mitau hergekommen bin, und da werden wir schon Alles daran setzen müssen, den Ort ausfindig zu machen, wo er sich befindet. Wie lange ist es jetzt her, dass er hier bei Euch gewesen ist?" „Wie lange — wie lange — Glaubt Ihr denn, dass ich sebst etwas davon weiß, da ich in jener Zeit verreist war? Rahel, Rahel, komm' einmal herein!" rief der kleine Mann, nachdem er aufgestanden und an die Thüre gepocht hatte, die nach der Küche führte. Bald darauf erscheint die Gerufene. Sie streift nur mit kurzem Blick den zugereisten Verwandten, sie hatte ihn bereits begrüßt. „Wie lange ist es her, dass der Student hier gewesen ist, ich meine den Alexander?" Das blasse Mädchen blickte hin auf den Vater des Genannten; es begriff, dass das Interesse an der Beantwortung der an sie gerichteten Frage mehr auf dieser Seite lag. „Es mögen wohl sechs Wochen her sein, dass er hier gewesen ist." Wandelowicz schüttelte den Kopf und fragte: „Und seit dieser Zeit hat er nichts von sich hören lassen?" „Ich weiß es nicht," anwortete Rahel kurz. (Fortsetzung folgt.)

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