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Die Wahrheit · 1899-10-21 · Heft 33 (21.10.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 33 (21.10.1899)
Date
1899-10-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 33. Die Wahrheit. Seite 7. Weiters wird über Antrag desselben Referenten dem Verein zur Ausspeisung armer jüdischer Schulkinder in Ottakring der Betrag von 150 fl. für das 2. Semester 1899 bewilligt. Nachdem der Vorsitzende erklärte, dass er den Bericht der V. Sectisn über Austrittsanzeigen 'aus dem Judenthume von der Tagesordnung der öffentlichen Sitzung absetze und in vertraulicher Sitzung verhandeln lassen werde, wird die öffentliche Sitzung um 12 Uhr Mittags geschlossen. — In der hieraus folgenden vertraulichen Sitzung gelangten zur Verleihung: Die Adam Herzfeld'sche Stiftung für Heiratsausstattung im Betrage von fl. 120'—, an ein armes Mädchen, weiters die Rosalie Pollak'sche Blindenstiftung im Betrage von fl. 38'—, über Präsentation des Herrn Moriz Ritter von Borkenau an eine arme Blinde (Referent Herr Obmann-Stellvertreter der 1H. Section, Dr. Cohn). Die Moritz Goldberger'sche Stiftung für Rabbinats-Candidaten, im Zinsenbetrage von fl. 300'—, über Referat des Herrn Vorstehers 1)r. Spitzer an einen zur Bestellung als Rabbiner vollkommen befähigten Rabbinats-Candidaten. Die Max Ritter von Pfeiffer'sche Stiftung, im Betrage von fl. 210'—, über Referat des Herrn Dr. Berger an einen Hörer der Rechte. Die von dem Curatorium der M. L. Biedermann'schen Waisenstiftung gewünschte Aenderung des Stiftsbriefes wird aus principiellen Gründen einstimmig abgelehnt. Sohin erfolgt die Wahl der Delegirten des Vorstandes in die Schätzungs-Commission. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um 1 Uhr Mittags geschloffen. Ans der Gudapester Cnltnsgelneinde. Eine Probepredigt in der „Rombach-Schul" gehört zu den seltensten Ereignissen. Die weisen Räthe unserer Eultusgemeinde sind nämlich der Ansicht, dass das conservative Publicum, welches dieses Bethaus besucht, die nöthige Andacht und Religiosität vom Hause aus mitbringt, so dass es nicht absolut nöthig hat, von einem Kanzelredner hiezu angehalten zu werden. Und es ist in der That so, dass Diejenigen, welche die Rombach-Schul besuchen, größtentheils im Hebräischen besser versirt sind, so dass man ihnen durch die bloße Uebertragung eines Bibelverses in's Deutsche oder in's Ungarische nichts Neues bietet. Was diesem Theile der jüdischen Bevölkerung Budapests Noth thut, ist eine gehaltvolle, belehrende, mit Talmud und Midraschstellen gewürzte, formvollendete D rasch ah abwechselnd in deutscher und ungarischer Sprache. Derjenige, der an dieser heiligen Stätte sprechen soll, Muss unbedingt sowohl ein trvn roe als ein Dipa nr» sein, ein wahrhaft religiöser Mann, dem die hiesige Judenschaft volles Vertrauen entgegenzubringen vermag. Das gegenwärtige geistige Oberhaupt der Rombach-Schul, Seine Ehrwürden Herr Rabbiner Pollak, ist nicht blos einer der besten Midraschkenner der Gegenwart, sondern auch ein guter Halachist, dessen rituelle Urtheilssprüche vollkommen begründet und verlässlich sind. Allein dieser ehrenwerthe Rabbiner, der sich bedeutende Verdienste um die Hebung des Ansehens der Rombach- Schul erworben, ist bereits in dem Alter, in dem der physisch stärkste Mann zu schwach ist, alle Agenden eines großstädtischen Rabbiners allein zu versehen. Auf dessen eigenes Ansuchen sieht sich nun der hiesige Gemeindevorstand veranlasst, einen Mann ausfindig zu machen, der die Fähigkeit besitzt, Herrn Rabbiner Pollak theilweise zu vertreten. Zu diesem Zwecke lud der Vorstand seinerzeit Herrn Dr. Rosenfeld, den gegenwärtig in Czernowitz amtirenden Rabbiner, zur Abhaltung einer ungarischen und deutschen Probepredigt in der Rombach-Schul ein. Derselbe erwies sich als begabter Redner, der sowohl die ungarische als die deutsche Redekunst vollkommen beherrscht. Der Eindruck, den seine th mna gehaltenen Probereden auf die Zuhörerschaft ausübten, war ein so mächtiger, dass, wenn dieselbe über das Sein oder Nichtsein eines Rabbiners ein Wörtlein dreinzureden gehabt hätte, die Ernennung des Genannten zum Hilfsrabbiner in der Rombach- Schul längst eine i'ait aeeompli wäre. Aber leider steht die hiesige Synagogen- und Tempelbevölkerung unter Vormundschaft von Leuten, die das ganze Jahr hindurch nicht die Schwelle eines Gotteshauses betreten. Und diese, die niemals das Bedürfnis empfinden, zu beten, dem Vortrage eines Cantors oder eines Rabbiners beizuwohnen, haben das große Wort, wenn es sich darum handelt, einen Vorbeter oder einen Rabbiner zu wühlen. Diese Matadore, deren Ja oder Nein bei der Wahl eines jüdischen Gemeindebeamten ausschlaggebend ist, stehen unter dem Einflüsse eines Egoisten im rabbinischen Talar, der es aus verschiedenen Gründen nicht zulaffen will, dass man in der Rombach-Schul ebenfalls eine formgerechte schwungvolle ungarische oder deutsche Rede zu hören bekomme. Demzufolge durfte ein Kanzelredner vom Range des Doctor Rosenfeld für diese Synagoge nicht genommen werden. Um dessen Wahl unmöglich zu machen, mobilisirte man das Heer der officiellen Talmudisten, indem man ihnen vierzehn Tage vorher das talmudische Thema bekanntgab, worüber erwähnter Rabbiner einen pilpulistischen Vortrag halten sollte. Außerdem hetzte man gegen ihn alle Zöglinge des Budapester Seminars, welche, unglücklicherweise, trotzdem sie seit Jahren ein Rabbinerdiplom besitzen, kein Rabbinat erlangen können. Selbst der hochwürdige Nestor der ungarischen Talmudisten. Professor Moses Bloch, wurde trotz seines hohen Alters veranlasst, bei dem halachischen Vortrage des Kandidaten anwesend zu sein, um ihm zu opponiren und gegen ihn, angeblich, weil er ein Schüler des Hildesheimer'schen Seminars ist, öffentlich Stellung zu nehmen. Auf diese Weise wurde seinerzeit die Wahl des Dr. Rosenfeld zum hiesigen Rabbiner gewaltsam vereitelt und die Ernennung eines Hilfsrabbiners für die Rombach-Schul für spätere Zeiten verschoben. Am Freitag Abends und Sabbath Chol-Hamoed des Laubhüttenfestes ward dem betenden Publicum der Rombach-Synagoge ebenfalls der Genuss des Anhörens zweier Probereden zu Theil. Die erste war in ungarischer, die zweite in deutscher Sprache, beide gehalten von Seiner Ehrwürden Herrn Moses Salamon, Rabbiner zu Tordosin. Demselben ging ein guter Ruf als eminenter Talmudist und vorzüglicher Kanzelredner voraus. Die vornehmen Herren, die principiell weder Synagoge noch Tempel besuchen und trotz alldem sich bei jeder öffentlichen Gemeinde-Angelegenheit am meisten hervorthun, haben es nicht unterlassen, Herrn Salamon, der ihnen von einem Mitglieds des hiesigen Rabbinats auf's Beste empfohlen wurde, eifrigst zu protegiren. Die hier erscheinende Wochenschrift „Egyenlöseg", das officielle Organ der hiesigen Eultusgemeinde, hatte Herrn Salamon als ungarischen und deutschen Redner gefeiert und ihn wegen seines Scharfsinnes zu Tode gelobt, noch ehe derselbe ein Wort gesprochen. Es wurde sogar eine Deputation entsendet, die ihm einige Stationen vor Budapest entgegenfuhr, um ihn auf seiner Hieherreise zu begleiten. Am hiesigen Centralbahnhof wurde derselbe seitens des Vorstandes feierlichst empfangen. Um auch seine Anwesenheit in der Rombach- Schul zu einem Feste zu gestalten, ordnete der Vorstand an. dass an diesem Freitag Abend und Samstag Vormittags der Obercantor Bachmann unter Assistenz seines geschulten Chores einen Festgottesdienst celebrire. Und damit auch diejenigen Herren, die andere Bethäuser besuchen, der Probepredigt beiwohnen können, ist dieselbe für Freitag Abends um 6 Uhr nach dem Mariwgebet und Früh auf 11 % Uhr anberaumt worden. Es strömten auch Freitag Abends gruppenweise alle Feinschmecker herbei, die sich nach einem fetten himmlischen Bissen sehnten. Auch die Mitglieder des Rabbinates und der Lehrkörper des Rabbiner-Seminars, welche anlässlich der Probepredigten Dr. Rosenfeld's sich nicht blicken ließen, haben diesmal, auf höheres Commando, ohne Ausnahme dieses Gotteshaus mit ihrer Anwesenheit beehrt. Selbst die Religionslehrer und alle anderen Angestellten der hiesigen Gemeinde wurden beauftragt, zur anberaumten Zeit daselbst pünktlich zu erscheinen. — Alles war von der Protection auf das Geschickteste arrangirt, um das Ansehen des Candidaten nach

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