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Die Wahrheit · 1899-10-11 · Heft 32 (11.10.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 32 (11.10.1899)
Date
1899-10-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 32. zu Nutze machen. Sie müssen als Bahnbrecher auf diesem Gebiete austreten. Im kommenden Winter wird ein Rettungswerk im großen Stil für die galizischen Juden in Angriff genommen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, dass hier ernste, langjährige Arbeit nöthig sein wird, ehe sich ein deutlicher Erfolg aufweisen lassen wird. Wir hoffen aber, dass diese große, würdige Bewegung die gesammte Judenheit zur Theilnahme entflammen wird. Hier kann in Wahrheit „das jüdische Herz" sich bethätigen im Bunde mit dem kühlen Verstände. Es besteht in Deutschland der weitverzweigte „Verein zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschlands". Er geht in mancherlei Beziehungen mit diesen Bestrebungen Hand in Hand. Es muss ein großer überwältigender Anschluss an diesen Verein einerseits, an das große galizische Werk andererseits erfolgen. Dies wird beweisen, dass die Juden ihre Angelegenheit social zu erfassen und zu behandeln verstehen. Verharren sie jedoch jetzt, im entscheidenden Augenblick, in ihrer Kurzsichtigkeit, so gehen sie unwiderruflich ihrem wirthschaftlichen Ruin entgegen. Der erste Priester-Ornat im Talmud. Eine culturhistorische Studie von vr. Dav. Leimdörfer, Prediger zu Hamburg. (Fortsetzung.) Im Talmud Aboda Sara 34, fügt aber R. Kahana noch drei kleine Wörter zur Beschreibung des „ersten Priesterornates" hinzu: „sckeen bo imra“, an welchem kein Saum war. Das Wort mtr* komt schon im Targum als „Saum" vor: zu Psalm 133^ „al pi midotaw“, meint die aramäische Uebersetzung „al imra dilebuschek“ über den „Saum" seiner Gewänder. Freilich sind manche Erklärer anderer Ansicht; so leiten einige imra vom Arabischen her und bezeichnen damit „Franse" oder „gedrehte Fäden zur Umsäumung". Rabbi Hai Gaon (Zeder Takaroth 27) erklärt: „Angesehenere, wenn sie ein schönes Kleid anfertigen, bedecken die Nähte unten mit Purpur, „Imra“ ist eine Verzierun g. Andere wieder meinen, „Imra" sei ein Zeichen oder bunte Abbildung — Zijur (vergl. Chagiga, 3. Beraehotk 6 eth Adonaj keemarta — Zijur eckad beolam, d. h. „gleich einem Bilde, das seines Gleichen nicht hat, also erkanntest Du Gott"). Der Erklärung des R. Hai Gaon, wonach Imra ein Schmuckstück wäre, entspricht auch die Pesikta zu Echa 217, wo „bizza imrat 0" bedeuten soll mebasa p 0 r p ira, „Gott hat seinen Purpur zerrissen." Diese philologischen Einstreuungen wollen durchaus nicht als werthlose Bemerkungen oder als etwaiger gelehrter Notizenkram gelten; sie hängen vielmehr innerlich mit dem in Rede stehenden Gegenstände so sehr zusammen, dass ohne sie ein Verständnis der Belehrung R. Kahana's kaum möglich wäre. Denn bedeutet ,.Imra“ z. B. einen Zierrat, und wollte der Gelehrte sagen: Am ersten Priesterornat Mosis gab es einen solchen nicht: dann würde es ja dasselbe besagen, was wir oben unter ckalak verstanden haben: glatt, schlicht, einfach; dasselbe wäre der Fall, wollten wir damit „Franse" wiedergeben. Anders aber und viel tiefer liegt die Sache, wenn wir den Erläuterungen R a s ch i's und den Tossafisten Gehör schenken: Da tritt auch ein neues ethisches Moment in den Vordergrund. Raschi meint: „Es sagte Jemand: An Mosis Kleide war kein Saum, damit man ihn nicht verdächtige, er hätte etwas von den Abgaben an das Stiftszelt hineingethan." Man vergleiche hiebei Mischna Schekalim 32: „Der die Teruma, Hebung vornimmt, darf in der Schekalim- Kammer nicht mit aufgeschürztem Kleide erscheinen, wegen möglicher Verdächtigung ob einer Entwendung." Ließ das Haupt aller Erklärer dieses Hierselbst nicht gelten, „weil ja schon die Arbeit des Stiftszeltes vollendet gewesen, und woher hätte Moses während des Gottesdienstes etwas nehmen sollen", so geht doch zweifellos eines aus dieser Ansicht hervor, dass der böse Wille der Bösen sich selbst an den Reinsten der Reinen heranwagt zur Verdächtigung, und dass selbst der bekannteste, edelste Gottesmann Angesichts der Uebelwollenden Alles vermeiden müsse, was dem bösen Auge und Willen Nahrung geben könnte, selbst im Hinblick auf die äußere Gewandung. Wie oft hat sich der beißende Witz der gesinnungslosen Priesterfrennde an die weiten Falten und Aermel und Taschen der „Geistlichkeit" herangewagt, und selbst die Edelsten dieses Berufes verdächtigt, sie seien selbstsüchtig, geldgierig, materialistisch und nähmen selbst vom „rnisbeach“, vom Altäre herab, um sich zu bereichern. Ist diese niedrige Verdächtigung etwa neu, oder knüpft sie sich an das Mittelalter, an eine Zeit, die Raschi selbst erlebt hat, in der man den Priestern Unredlichkeit und Egoismus vorgeworfen, die sie verdecken unter der Hülle oder unter dem weiten Mantel ihres Amtes? Nicht doch — selbst an den alten „Getreuesten" im ganzen Hause Gottes — „neeman“ — selbst an Moses wagte man sich mit solchen niedrigen Verdächtigungen heran. Moses aber ist nicht nur der Schlichte, Wahre, nicht nur der Sittliche, Reine, er ist auch der Redliche, der Gerechte. Darauf weist sein Weihe-Priesterkleid hin, das keinen Saum hat, das Vorbild des Priesters, der das Kleid des Heiligthums trägt, in reiner, selbstloser Makellosigkeit ohne Anflug eines materialistischen oder gar unrechtschaffenen Gedankens. Die Tossafisten greifen noch andere ethische Motive heraus, von welchen folgende zwei' besondererer Erwähnung werth sind: 1. Die Kleider der Kehuna — sagen Einige — waren Kilajimsckaatnes — Gewebe von Wolle und Leinen, die den Israeliten zu tragen verboten waren. Das des Moses, so sagen sie, sei K‘W-112]? (Wolle oder Baumwolle nach Aruch) ein unvermischtes Gewebe gewesen. Moses war eben kein Priester und sollte auch als solcher keine Ausnahme machen vor anderen Nichtpriestern. Das religiöse Gesetz: Kein Gewebe von Wolle und Leinen zu tragen, darf der gewöhnliche Israelit — und wäre er auch ein Moses und stände er auch zu einer Zeit als der dienende Priester dem Heiligthume vor — nicht umgehen. Diese Erklärung von soll ein ethischer Hinweis sein auf die Wichtigkeit des religiösen Lebens, dessen selbst der Priester nicht entrathen darf etwa in der Meinung, er habe als hervorragender Vertreter der heil. Interessen der Gemeinde Dispens von den Pflichten, die die Allgemeinheit in religiöser Hinsicht zu erfüllen habe. Es gibt in Israel keinen auserwählten Heiligen, dem sein Amt das Recht gäbe, die Schranke zu durchbrechen, die der Gesammtheit gezogen morden. Wahrlich eine nicht zu unterschützende Priesterlehre für alle Zeiten. Wer des Priesters Kleid trügt, sei vor Allem religiös und halte selbst fest an den Satzungen der Religion, die er dem Volke als Mittel zu seiner Heiligung in Gott lehrt und an's Herz legt. Er sei ein Mann der religiösen T h a t, nicht des religiösen Wortes bei unreligiösem Thun! 2. Ist die Meinung eines R. Mose: „sekchedn hakkol i sckelo kaja dabar kamitkkajem“, „deshalb ohne Sau m, damit - Alles wisse, dieses Kleid ist nicht eine Sache, die sich erhalt e n soll — sondern nur für eine kurze Zeit, damit man nicht sage, wenn man später Ahron in seinem Ornate sehen \ werde, Mosis Dienst war — weil nicht nach bestimmter biblischer Vorschrift — ein fehlerhafter." Diese Ansicht stimmt mit der früheren im Toffefoth citirten zum Theil überein: „Isükoek Io kaja bo imra, leli sckebaseh haja nikkar jotter ckadasck debeinam sehelo nischtamescli bo liedjot ulfikoch asuliu meschunne misckaar ckalukim“, „deshalb war das Kleid ohne; Saum, damit durch dieses kund werde, es sei neu, denn es durfte kein G ewöhnlich er desselben sich bedienen, und deshalb musste dieses Hemd verschieden sein von anderen." — „Nicht eine Sache, die sich erhalten soll", d. h. als eintragbares Kleidungsstück, und „damit er kein Hedjot benutze (als Kleid), daher musste dieses verschieden sein." (Schluss folgt.)

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