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Die Wahrheit · 1899-10-11 · Heft 32 (11.10.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 32 (11.10.1899)
Date
1899-10-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32. Die Wahrheit. Seite 7. dass man eS mit einer bald vorübergehenden Erscheinung zu thun habe. Nachdem man aber durch die Ereignisse zu einer besseren Erkenntnis gelangt war, hätte man längst energischer Vorgehen müssen. Statt dessen beschränken sich die jüdischen Zeitungen auch heute noch darauf, kleinliche Antworten auf kleinliche antisemitische Anrempeleien zu geben, peinlich jede jüdische Großthat zu registriren, zu vermelden, wenn irgendwo-ein jüdisches Ehepaar seine goldene Hochzeit gefeiert, ein jüdischer Soldat zum Gefreiten oder gar zum Unterofficier befördert wird, oder einem Juden sonst „eine hohe Auszeichnung" zu Theil wird! In Helle Verzückung aber geräth sie, wenn sie auf das „jüdische Herz" zu sprechen kommt. Alle Achtung vor dem Wohlthätigkeitssinn der Juden, aber diese ewige Renommage mit dem jüdischen Herzen muss doch allmählich abstoßen, wenn man betrachtet, was es denn nun wirklich geleistet hat gegenüber dem namenlosen Elend der östlichen Juden. Millionen darben unter furchtbarstem ökonomischen und socialen Druck, und „das jüdische Herz" ihrer westlichen Stammesgenossen blutet vor Schmerz, aber wirklich große Leistungen im staatsmännischen Sinne sind doch bisher nur sehr vereinzelt vorgekommen. Gegenüber dieser Thatsache war es Pflicht der Presse, nicht immer wieder das schon Geschehene preisend und lobend hervorzuheben, sondern die jüdische Wohlthätigkeit, deren bisherige Erfolglosigkeit zu einem großen Theil ans ihrer irrationellen Bethätigung beruht, in richtige Bahnen zu lenken. Statt dessen vertritt sie gar häufig einen schwächlichen „Idealismus", der eine große Gefahr in sich birgt. Sie glaubt mit Phrasen und wohlklingenden Worten genug gethan zu haben, schwelgt in den schönsten Vorstellungen von Bruderliebe und Einigkeit, und vergisst über all' diesem Humanitätsdusel, dass nicht Worte Rettung bringen, sondern nur energisches, ernstes und rastloses Arbeiten. Nicht scharf genug kann dieses bloße Hurrah-Judenthum gegeißelt werden. Infolge dieser Beschränkung auf Abwehr des Antisemitismus und auf die Vertretung ganz intern jüdischer Angelegenheiten hat die jüdische Presse es versäumt, wirklich ernste geschichtliche und sociale Studien anzustellen, die uns den Antisemitismus nur als eine Nebenerscheinung erkennen lassen. Der Ursachen für die jüdische Einigungsbewegung gibt es viele. Es sind theils religiöse, theils nationale, theils stammesgenossenschaftliche Motive, auch rein ethische und vor Allem ökonomische wirken mit. Jedes einzelne entflammt zahlreiche Vertreter, alle zusammen zielen in einer Richtung. Eine Untersuchung des Antisemitismus ergibt, dass er vornehmlich aus zwei Quellen fließt: aus Concurrenzneid und Racenhass. Während jener es mehr darauf absieht, die Juden ökonomisch zu unterdrücken, ist es das Ziel dieses, ihre sociale Stellung zu untergraben. Das zeigt, dass die jüdische Frage eine wirthschaftliche und eine sociale ist. Das haben die jüdischen Proletarier zum Theil sehr wohl eingesehen, namentlich in Russland und Polen. In Galizien freilich gehören die jüdischen Arbeiter in beträchtlicher Zahl der socialdemokratischen Partei an, hingegen wurde im Jahre 1897 der „Allgemeine jüdische Arbeiterbund von Russland und Polen" gegründet. Das zeigt, dass hier die Erkenntnis durchgedrungen ist, dass die jüdischen Proletarier nicht nur unter der allgemeinen Nothlage der Proletarier leiden, sondern auch unter ihrer besonderen „Judennoth". Sobald diese Thatsache in ihrer ganzen Bedeutung richtig erkannt und gewürdigt ist, muss die Ueberzeugung sich Bahn brechen, dass nur „große Mittel" helfen, dass hier nicht private Wohlthätigkeit zu localen Zwecken, so gut sie auch gemeint ist, ausreicht, sondern dass hier eine sociale Frage im eminenten Sinne des Wortes vorliegt, die nur durch Zurückgehen auf die letzten Gründe dieser Erscheinung und durch radicale Heilmittel gelöst werden kann. Das aber ist gerade der Fehler der Juden und auch der jüdischen Presse, dass sie die jüdische Frage als eine gesonderte betrachten, die für sich behandelt werden könnte, ohne dass man dabei die allgemeinen Verhältnisse, die heute vorliegen, in Betracht zu ziehen brauchte. Das ist ein fundamentaler Jrrthum. Es gibt keine einzige Erscheinung im ganzen Weltall, die für sich isolirt dastände, die nicht durch tausend und abertausend Verknüpfungen mit anderen Vorgängen causal zusammenhinge. Wie soll es da möglich sein, die Angelegenheit der Juden rein für sich zu betrachten, die doch wahrlich wie wenig andere seit zwei Jahrtausenden auf's Innigste verknüpft ist mit der Geschichte allen übrigen Volkes? l Aber die jüdischen Zeitungen glauben ernsthaft, dass das möglich sei. Alles, was in der Welt vorgeht, wird durch die jüdische Brille angesehen, immer wird nur gefragt, was mag dieser Vorgang für eine Bedeutung für die Judenheit haben, welche Stellung nimmt jener Monarch den Juden gegenüber ein, wie hat sich jener große Dichter oder Schriftsteller über die Juden geäußert? Als ob hievon die Geschichte der Juden abhinge! Als ob man nicht längst wüsste, dass vor allen Dingen ökonomische Wandlungen die Weltgeschichte beeinflussen! Statt uns immer nur um die Beurtheilung von anderer Seite zu kümmern, sollten wir vielmehr fragen: Was können wir aus den uns umgebenden allgemeinen Verhältnissen als für uns werthvoll abstrahiren? Wirklich verstanden kann die jüdische Frage nur werden, wenn sie im Zusammenhang aufgefasst wird mit den übrigen großen socialen Fragen und Bewegungen. Die jüdische Presse zeichnet sich in dieser Beziehung — abgesehen von einigen rühmlichen Ausnahmen — durch eine idyllische Unschuld aus. Die heutige Sociologie aber lehrt uns kurz Folgendes: Die sociale Frage ist zum größten Theile die Frage der Landwirthschaft. Die Beweise für diese Behauptung sind zahlreich. England, das durch seine Ausbildung zum Industriestaat und durch die Umwandlung seines Ackerlandes in Wiesen vollständig auf Einfuhr von Außen angewiesen ist, geht seinem Untergange entgegen, wenn es ihm nicht noch gelingt, den Handel mit China an sich zu reißen. Deutschland, das bei Weitem seinen eigenen Bedarf an Korn bauen könnte, aber durch die Entwickelung des Großgrundbesitzes in Ostelbien und das übermäßige Anwachsen der Industrie hieran verhindert und auf einen mächtigen Import von Amerika angewiesen ist, würde im Falle eines Seekrieges sehr bald durch Mangel an Getreide in eine geradezu verhängnisvolle Lage gerathen. Lassen wir es uns an diesen wenigen Beispielen genügen. Sehr charakteristisch ist übrigens, dass die Erkenntnis von der Wichtigkeit des Ackerbaues in der Zukunft auch in die Partei eingedrungen ist, die sich ihr bisher fast völlig ferngehalten hat: Die Socialdemokratie. Es ist ein Zeichen der Zeit, dass Kautsky, der leidenschaftliche Anhänger Marx', dieses bisher von der Socialdemokratie so arg vernachlässigte Gebiet in einer Specialstudie: „Die Agrarfrage", behandelt. Alles das weist darauf hin, dass die ausschließliche Herrschaft der Industrie erschüttert ist, dass mehr und mehr die Nationen sich der ursprünglich productiven Thätigkeit wieder zuwenden. Darüber herrscht in der Wissenschaft kein Zweifel. Der Ackerbau ist in den letzten Jahrzehnten wesentlich vervollkommnet. Man hat zahlreiche landwirthschaftliche Maschinen in Anwendung gebracht, und chemische Entdeckungen, die größtentheils auf Liebig zurückgehen, haben die Ausnützung des Landes in hohem Grade gesteigert. Dann haben sociologische Untersuchungen, so zum Beispiel von v. d. Goltz, Sering, Oppenheimer und Andere, die Erkenntnis gebracht, dass der isolirte Kleinbauer dem Großbetrieb gegenüber sich nicht halten kann, d ass andererseits aber auch der Großbetrieb in seiner heutigen Form nicht den Kampf bestehen wird. Der zu beschreitende Weg ist die genossenschaftliche Vereinigung der Landarbeiter. Hier eröffnen sich großartige Perspectiven für die Zukunft. So liegen die allgemeinen Verhältnisse heute. Ziehen wir unsere Schlüsse aus ihnen für die Judenheit im Besonderen, so sehen wir, dass gerade für sie die Aufgabe vorliegt, sich an dieser Entwicklung auf's Lebhafteste zu betheiligen. Im Handel, in der Industrie und im Handwerk sind Juden in überreichem Maß thätig, in der Landwirthschaft nicht. Dieser müssen sie sich zuwenden. Aber nicht etwa nach veraltetem System. Als vereinzelte Kleinbauern würden sie sehr bald unterliegen. Vielmehr müssen sie sich alle Erfahrungen der modernen Wissenschaft und Praxis

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