Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 32 (11.10.1899)
- Date
- 1899-10-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 32. Wir Juden, Bekenner einer Religion, für welche die Ehrfurcht von Jahrtausenden spricht, einer Religion, welche trotz unseliger Drangsalirung ihre Reinheit bis auf heute bewahrt hat, einer Religion, deren innerstes Wesen in dem leuchtenden Ausspruche gipfelt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" (Bravo!), einer Religion, deren größte Propheten die Summe jüdischer Lehre in den einen Spruch zusammengedrängt: „Thue Gutes, übe Gerechtigkeit!", einer Religion, für welche die Makkabäer heldenmüthig in den Kampf zogen, einer Religion, deren Anhänger zweitausend Jahre vor der Taufe des ersten Christen ihre gesicherten Städte, glänzenden Tempel, Flotten von Handelsschiffen, ihre Schulen der Gottesgelehrtheit, Staatsmänner, Krieger, Naturforscher und Geschichtsschreiber, ihre Propheten besaßen; wir, die Bekenner einer solchen Religion, werden nicht wie bisher abseits im Winkel stehen und ängstlich warten bis irgend Jemand einige matte Worte zu unserer Vertheidigung spricht! Das wäre ein unwürdiger Zustand. Wir müssen uns Alle aufraffen und unsere Sache, wo und wie wir es auf gesetzlichem Wege können, s e l b st führen. (Beifall.) Wir leben im Zeitalter der Judenverfolgungen. Der Grad der Verfolgungen ist ein anderer, als im Mittelalter, das Wesen ist aber dasselbe geblieben. Ist es denn nicht eine Judenverfolgung, wenn gemeinnützigen, Humanitären Anstalten und Vereinen die Subvention versagt wird, weil sie nicht judenrein sind; wenn arme jüdische Schulkinder trotz Fleiß und Belobung die Befreiung vom Schulgelde nicht erlangen?! Ist es nicht eine Judenverfolgung, wenn mau es wagt, jüdische Staatsbürger Fremdlinge zu nennen, deren Eltern und Voreltern hier gelebt, trotzdem wir uns mit Gut und Blut dem Staate zur Verfügung stellen (Beifall) und mit allen Fasern des Herzens an unserem österreichischen Heimatslande hängen?! (Stürmischer Beifall.) Der Bestand eines Rechtsstaates ist bei Fortdauer dieser höchst bedauerlichen Erscheinungen, zu denen noch die brutalste, vor keinem noch so verabscheuenswerthen Mittel zurückschreckende publicistische Hetze in Wort und Bild sich hinzugesellt, nicht denkbar." vr. Sieger kritisirt das passive Verhalten der Abgeordneten, die darüber in Aufregung gerathen, ob in Wekelsdorf ein czechischer oder deutscher Amtsdiener angestellt werden soll, aber diesen beschämenden Erscheinungen gegenüber vollkommen passiv bleiben, und schließt mit folgenden Worten: „Wir geloben daher, den Kampf um unsere Gleichberechtigung mit vollster Hingebung unermüdlich zu führen. Gefahren, Schwierigkeiten und Gegnerschaft sollen uns nur noch eifriger machen. Wir wollen jeden Erfolg als ein Vorzeichen endlichen Sieges unserer gerechten Sache, jedes Misslingen als einen Antrieb zu neuen Anstrengungen betrachten. Verleumdung, Feindschaft, Verspottung erwarten und verachten wir. Ich entsinne mich der herrlichen Worte, welche einer der größten englischen Staatsmänner bei ähnlichem Anlässe vor 60 Jahren gesprochen. Als der Ritter in „Taffo" sein Schwert erhebt, um den Zauber des verhexten Waldes zu brechen, umringen ihn Gestalten von Riesen, schreckliche Stimmen bedrohen ihn, der Wind brüllt, der Himmel verdunkelt sich, die Erde zittert unter seinen Füßen, aber der Schlag geschieht — in unserem Falle die strenge und gerechte Handhabung der gellenden Gesetze — und sofort erscheint die Sonne wieder, der Sturm lässt nach und heulend fliehen die Dämonen von dem Orte fort, welchen sie nicht länger besudeln können. Wir haben geschworen, den unheimlichen Zauber eines schändlichen Treibens zu vernichten und durch keinen Sturm, welchen die schlimmsten Künste unserer Feinde heraufbeschwören können, wollen wir uns von diesem Unternehmen abwendig machen lassen! Nicht anders soll dieser Kampf enden, als mit einem entscheidenden Siege der Grundsätze der Ehre, der Humanität und der Gleichberechtigung, Grundsätze, welche allein dem Staate wahrhaften Wohlstand und der Regierung Ruhm verleihen können. Und so lassen Sie uns denn zuversichtlich das Walten der Männer von der neuen Regierung abwarten, welche als österreichische Beamte seit jeher gewohnt sind, die Gesetze in Treue zu beachten, zu schützen. Lassen Sie uns aufblicken, meine Brüder, zu der leuchtenden Gestalt unseres velgeliebten Kaisers, dessen erhabene Gesinnung nicht nur seine Völker, sondern auch alle Nationen der civilisirten Welt mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllt, dessen Edelsinn und Herzensgüte alle getreuen Bürger mit gleicher Liebe umfasst, welcher Religion und Nationalität immer sie angehören mögen, der bei jedem Anlässe, zuletzt erst vor wenigen Wochen, seine getreuen jüdischen Unterthanen der landesväterlichen Huld ausdrücklich versichert hat. Lassen Sie uns, meine Brüder, in unserem heiligen Kampfe um volle Gleichberechtigung immer neue Stärkung schöpfen aus dem hell strahlenden Wahlspruche unseres geliebten Monarchen: „Mit vereinten Kräften!" (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Die Resolution. vr. Alfred Stern: „Ich habe als Vorsitzender den glänzenden Ausführungen der beidm Redner nichts hinzuzufügen. Kehren wir zurück zum Ausgangspunkte der heutigen Versammlung. Als solchen bezeichne ich die Frage, welche jetzt so actuell ist: Dürfen die Juden als Verbrecher und Mörder von religionswegen bezeichnet werden? (Stürmische Ruse: Nein!) Dieses Nein wollen Sie nun sprechen. Ich bitte Sie, folgender Resolution durch Erheben von den Sitzen Ihre Zustimmung zu ertheilen: „Durch die im Kuttenberger Gerichtssaale von dem öffentlichen Ankläger in verhüllter, von dem Vertreter der Privatbetheiligten in unverhüllter Form gegen die jüdische Glaubensgemeinschaft erhobene Blutbeschuldigung ist unser altehrwürdiger Glaube in seinen Grundlehren beschimpft, unsere Menschenwürde und unsere bürgerliche Ehre besudelt worden. In dem Gefühle tiefster Empörung erheben wir heute an dieser Stelle versammelten österreichischen Staatsbürger jüdischer Confession lauten Protest gegen die uns angethane Schmach, die zugleich eine Erniedrigung der Wahrheit der Gerechtigkeit und Humanität und eine Erschütterung der Rechtsgrundlagen unseres geliebten Vaterlandes bedeutet. Gleichzeitig fordern wir als unser staatsbürgerliches und natürliches Recht, dass die Regierung durch volle Anwendung des Gesetzes solchen lügenhaften, barbarischen und fluchwürdigen Beschuldigungen entgegentrete." (Langanhaltender Beifall. Die ganze Versammlung erhebt sich.) Vorsitzender vr. Stern: „Die Resolution ist einstimmig angenommen. Ich schließe die Versammlung." Die Existelyfrage der Indenheit. Mit Freimuth und Offenheit, aber auch mit genauer Kenntnis der Verhältnisse bespricht Dr. Ernst Tuch in der „Berl. Jsr. W." diese Frage und darum verdienen die Ausführungen dieses Mannes vollste--Beherzigung und weiteste Verbreitung: „Die Agitation gegen die Juden kann ein Segen sein," schrieb Berthold Auerbach im Jahre 1880, dennoch blickte er selbst „in die trübste Zukunft hinein", während im Allgemeinen damals noch der Antisemitismus als eine vorübergehende Erscheinung angesehen wurde. Wie merkwürdig muthet es uns heute an, wenn der rühmlich bekannte Geschichtsforscher und alte Achtundvierziger Friedrich Kapp seiner Ueberzeugung Ausdruck gibt, dass „der Rummel gegen die Juden in drei Monaten vorbei und vergessen" sein würde, und wenn die Kaiserin Augusta Auerbach gegenüber sagt, dass „die Sache eigentlich schon vorüber, aber ganz gewiss im Verschwinden sei, Auerbach möchte nur ruhig sein, es wird sich Alles wieder schön ausgleichen 1" Heute, nach 20 Jahren voll der gemeinsten und niedrigsten Verhetzung wissen wir, dass der Antisemitismus zwar seine Formen von Zeit zu Zeit wechselt, dass er zeitweise die Herrschaft auf den Bierbänken führt, dann auch in die stille Studierstube der Gelehrten seinen Einzug hält, dass er aber keinesfalls im Schwinden ist. Wir haben zugleich die Richtigkeit von Auerbach's Bemerkung eingesehen, dass „die Agitation gegen die Juden ein Segen sein kann". Sie ist tatsächlich ein Segen gewesen. Sie hat einen großen Theil an dem Verdienst der Einigung der Judenheit, die sie allmählich aus ihrer Lethargie und Indifferenz gegenüber den gemeinsamen Interessen aufgerüttelt hat. Heute besteht eine große, gewaltige Bewegung, die von Tag zu Tag weiter um sich greift, mehr und mehr Köpfe erfasst. Einigung wird gepredigt von jeder Kanzel, wissenschaftlich gebildete Männer suchen ihre geschichtliche Nothwendigkeit zu erweisen; begeisterte Agitatoren werben Anhänger für die Idee einer jüdischen Nationalität, und — was nicht zum Wenigsten in's Gewicht fällt — praktisch haben die untersten Schichten der Juden sich schon jetzt mannhaft zusammengethan zur Hebung aus ihrer materiellen Nothlage. So wirken die verschiedensten Motive auf den verschiedensten Bildungsstufen, in den verschiedensten socialen Elasten in ein und derselben Richtung, einem und demselben Ziele zu! Leider hat die jüdische Presse im Allgemeinen keineswegs die große Aufgabe verstanden, die ihr in diesem Kampfe zukommt. Sie steht, man muss dies offen aussprechen, durchaus nicht auf der Höhe der Zeit. Ihre Kampfesweise erhebt sich nicht über die banausenhaftesteKirchthurmpolitik. Statt die geschichtlichen Ursachen des Antisemitismus und der großen reagirenden jüdischen Bewegung aufzudecken und dann ernste Vorschläge zur Hilfe zu machen, hat sie sich mit der Constatirung von Thatsachen begnügt und mit der Angabe von Palliativmittelchen zur Heilung. So ist sie naiv genug zu glauben, dass der Antisemitismus die Ursache der jüdischen Einigung sei, statt, wie es in Wahrheit der Fall ist, in ihm nur eine Veranlassung zu erkennen, die den geschichtlich nothwendigen Zusammenschluss blos beschleunigt hat. Daher hat sie ihre Aufgabe fast ausschließlich in der Abwehr antisemitischer Angriffe und Schmähungen erblickt und sieht nicht ein, dass dies wohl so lange am Platz war, als man noch annehmen durfte,