Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 32 (11.10.1899)
- Date
- 1899-10-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 32. Die Wahrheit. Seite 5. die antisemitischen Patrone und Stützen des christlichen Bolkes nicht wieder die Beschuldigung der Hostienschändung, des Bilderzaubers und der Brunnen- Vergiftung gegen die Juden auf? Ich will es Ihnen sagen. Dafür erachten sie die Urtheilskraft des christlichen Volkes, so weit es ihnen vertraut, nicht mehr für aufnahmsfähig genug. Aber den „Ritualmord" glaubten sie ihm noch aufladen zu können. In der That, wüssten diejenigen Christen, die den antisemitischen Wortführern Gefolgschaft leisten, wie wenig Urtheil und Geschichtskenntnis, ja wie wenig wahres Christenthum diese ihnen beimessen, sie würden längst den Speculanten, Fälschern und Ausbeutern, die mit ihrer Hetzerei einträglichere Geschäfte an den Juden machen, als jemals von den Juden gemacht worden sind, längst den Laufpass gegeben haben. Wir aber sind hier versammelt, für unsere Religion, für ihre Ehre, die auch die unserige ist, und für unsere Rechte einzustehen, und darum legen wir Verwahrung ein gegen die Blutbeschuldigung, die ich als dasjenige nachgewiesen zu haben glaube, was sie ist, eine Beleidigung für uns als anerkannte Confession, eine Verhöhnung selbst des Christenthums und seiner höchsten Würdenträger, und eine niederträchtige, in antisemitischem Geschäftsinteresse wiedererweckte Lüge. „Quocl non credimus“ „Wir glauben nicht daran", hat Papst Gregor X. von dem Ritualmord gesagt, und wahrlich, er hatte Recht. Soll ich es erst beschwören, da der eine oder der andere naive, unerfahrene Christ sagen wird: etwas muss doch daran sein! dass an der Blutbeschuldigung keine Spur, nicht der leiseste Hauch von Wahrheit ist? Ich kann es mit dem heiligsten Eide vor Gott und aller Welt betheuern, dass ich in unseren sämmtlichen Religionsschriften nicht die leiseste Berechtigung finde für die Beschuldigung, dass die Juden, oder eine jüdische Secte, oder einzelne Juden Christenblut, Menschenblut zu rituellen Zwecken jemals gebraucht haben, oder gebrauchen, und dass ich auch nie von einem Juden Kenntnis erlangt habe, der zu dieser Beschuldigung begründeten Anlass gegeben hätte. Es ist unendlich traurig für uns, aber nicht minder auch für den dermaligeu Stand der Humanität und Sittlichkeit, dass außerhalb unserer Glaubensgenossenschaft sich Niemand gefunden hat, der mit seinem Namen und öffentlich dieser infamsten antisemitischen Beschuldigung aus freien Stücken entgegengetreten ist. Ich hätte gemeint, dass der eine oder andere hohe Geistliche oder Kirchensürst, wie es ja früher vorgekommen ist, und wie es noch neulich die streng kirchliche „Kölnische Volkszeitung" gethan hat, sich wohl hätte bewogen finden können, das christliche Volk über die Grundlosigkeit dieser Beschuldigung, unter welcher ja auch die ersten Christen so viel gelitten haben, zu belehren. Gelten doch die Vorschriften des alten Testaments 3. B. M. 19, 16 „Du sollst nicht stille dastehn bei dem Blute deines Nächsten", und dass 5, 1 „Wenn er nicht Zeugnis sagt, ladet er eine Schuld auf sich" auch für die christliche Geistlichkeit! Indem man uns den „Ritualmord" zuschiebt, vergießt man thatsächlich unser Blut, wogegen wohl der eine oder andere einflussreiche christliche Geistliche hätte einschreiten können und sollen. Und wenn ich auch zu ihrer Entschuldigung anuehme, dass ihnen die Furcht vor dem antisemitischen Herbann zu vorsichtigen Schweigen Veranlassung gegeben hat, so gibt es ja genug unabhängige Christen von Intelligenz und Ansehen, die wohl für uns hätten Zeugnis ablegen können, zumal ja viele von ihnen in jüdischen Häusern verkehren, und das Judenthum aus eigener Anschauung kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben. Aber es scheint, dass sie es mit dem Studenten Brander in „Auerbachs Keller" halten: „Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzeu leiden, doch seine Weine trinkt er gern." Bei den deutschen Kaiserkrönungen rief der kaiserliche Herold aus: „Ist kein Dalberg da?" Wegen des hohen Ansehns dieses Geschlechtes. So hat sich uns Inden Angesichts dieser infamen Blutbeschuldigung die Frage auf die Lippen gedrängt: „Ist kein Zola da?" Aber die Frage war eine vergebliche. Da muss ich sagen, dass es vor 500 Jahren hier in Wien besser bestellt war. Da lebte hier zur Zeit des schwarzen Todes ein Geistlicher Konrad v. Megenberg, und er schrieb in seinem „Buch der Natur", der ersten deutschen Naturgeschichte, über die Anklage, dass die Juden die Brmmen vergiftet hätten, folgende Worte: „Wahrlich, ob etliche Juden das thäten, das weiß ich nicht. . .jedoch weiß ich das wohl, dass ihrer zu Wien so viel waren, wie in keiner Stadt, die ich wüsst in deutschen Landen, und dass sie also sehr stürben, dass sie ihren Friedhof erweitern mussten und zwei Häuser dar zu kaufen. Hätten sie sich nun selber vergiftet, das war eine Thorheit gewesen." Der Mann hat die Sache von der praktischen Seite aufgefasst, aber durch seine vernünftige Bemerkung gewiss Manchen aufgeklärt. Heute aber sind tvir, da außerhalb unseres Glanbenskreises sich kein Mund zur Bezeugung der Wahrheit aufthut, allein auf uns selber angewiesen. Das macht aber nichts. Wir werden es auch allein mit den Antisemiten aufnehmen. Sie wollen die Blutlüge galvanisiren, aber sie galvanisiren uns. Indem sie an unseren Lebensnerv rühren, an unsere Religion, befeuern sie nur unfern Eifer und unseren Entschluss, wie ein Mann für unsere Religion, wie für unsere Ehre und unser Recht einzustehen. Ich führe Ihnen noch einen Satz ans der ertvähnten Abhandlung Gustav Freitag's von dem Judeuknaben Simon Abeles an: „Die jüdische Religion hatte schon siebzehnhundert Jahre bestanden, bevor der erste Christ getauft wurde." Und sie besteht noch! Blicken sie aber zurück in unsere Geschichte! Als Antiochus Epiphanes den Juden an ihren Lebensnerv, an ihre Religion rührte, da schossen gleich Meteoren die Makkabäer, die Mutter mit den sieben Söhnen auf. Diese Gestalten der Seelengröße, der Ueberzeugungstreue und des Opfermuthes, an denen auch die Christen sich erbauen, hat das Judenthum auszuweisen. Was aber hat der Antisemitismus aufzuweisen? Er ist die Düngerstätte, wo, wie der vorliegende Fall zeigt, veraltete und verrottete Vorurtheile ausgegraben werden, die man im Volke verbreitet und deren giftiger Hauch die Luft wie die Gesinnung verpestet. Harren wir daher muthig aus in der Wahrung nuferer Rechte und in der mannhaften Vertheidigung unserer Religion, so werden wir durch diesen Kampf, den man uns allein überlässt, nicht blos uns, sondern auch der Wahrheit dienen, der Wahrheit, die kein jüdisches und kein christliches Gepräge trägt, sondern die nach dem schönen Worte unserer Weisen das „Sieget Gottes" ist. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Dr. Heinrich Sieger. Hierauf nahm Cultusvorsteher, Hof- und Gerichtsadvocat Di-. Heinrich Sieger, das Wort, um die Erscheinungen des Kuttenberger Proeesses vom juridischen und politischen Standpunkte zu beleuchten: „Wenn ich zur Besprechung der ungeheuerlichen Vorgänge und Erscheinungen schreite, welche anlässlich des in Kuttenberg durchgeführten Mordprocesses zu Tage getreten sind, so will ich von Vornherein unseren Standpunkt seststeüen, um kein Missverständnis seitens Wohlwollender und keinen Anlass zu neuerlichen Begeiferungen seitens Uebelwollender wachzurufen. Die Frage, ob in dieser criminalistisch ungemein räthselhaften Angelegenheit der ange» klagte Jude der Thäter sei oder nicht, wird von uns dem eompetenten Gerichte überlassen, aber wir erklären laut und feierlich: So schmerzlich uns der Nachweis der Thüterschaft eines Juden als eines verirrten Glaubensbruders berühren müsste, wir selbst würden und müssten ihn zehnfach verdammen, hätte er ja nicht nur allein die allgemeine Rechtsordnung durchbrochen, sondern in der heutigen drangvollen Zeit seinen Glaubensgenossen unheilvollen Schaden zugefügt. (Beifall.) Glücklicherweise lehrt die Statistik, dass in den seltensten Fällen die Hand des Juden zum 'Angriff auf das Leben des Nebenmenschen sich erhebt: Indessen auch ein Jude kann einen Mord begehen, sollen denn alle Verbrechen von Antisemiten begangen werden? Was uns bei Besprechung der Vorgänge mit tiefster Empörung erfüllen muss, das ist die infame Behauptung unserer Widerfacher, dass der Angeklagte gemordet hat, weil er Jude ist. Mit dieser Behauptung hat sich der grause Schlund des Mittelalters weit aufgethan und das Schreckgespenst der Blutbeschuldigung an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhuudertes ausgespieen." Der Redner gedachte nun chronologisch der einzelnen Phasen der Polnaer Affaire. „Was sich vor uns während und nach dem Processe in Polna und Kutteuberg abspielte, ist nichts Anderes als eine mouatelange Hetze gewesen; die hervorstechendsten Momente bilden die einzig dastehenden Ansichtskarten, das famose antisemitische Rechtsschutz-Comite, das Massenaufgebot der Landbevölkerung nach Kuttenberg, das antisemitische Rachecorps im Gerichtssaale, der Druck auf die Geschworenen, die Verdächtigung des Vertheidigers. Das Milieu für die objective Rechtssprechung vervollständigten der Vertreter derHPrivatbetheiligten, dem nach dem Gesetze eigentlich keine andere Aufgabe zufällt, als die Geldansprüche der Privatpartei geltend zu machen, und die Haltung des Staatsanwaltes, die im Gegensatz zu jener des Staatsanwaltes im Process von Tißa-Eslar stand, der mit flammenden Worten die Blutlüge verdammte. Selbst die Haltung des Vorsitzenden in dem Processe ist nicht anders zu erklären, als dass er unter dem Drucke des Terrorismus nicht den Muth fand, diesen Ausschreitungen entgegenzutreten. Und welches Triumphgeschrei erhob die antisemitische Presse anlässlich der Berkündigung des Todesurtheils, und als letzten Triumph setzte sie noch als Ausgeburt ihrer fanatischen Hetze ein phantastisches Lügengewebe über die Geständnisse Hilsner's aller Welt vor. All' diese am Ende des neunzehnten Jahrhunderts höchst betrübenden Erscheinungen sind die Früchte der antisemitischen Bewegung, welche von dein Vorredner mit Recht eine mirthschaftliche genannt wurde, aber nur in dem Sinne, dass die Führer dieser Bewegung an den Juden ihr Geschäft machen. Leute, die vordeiu Nullen waren, sind dadurch, dass sie sich dem Antisemitismus auschlossen, zu Ehren, Ansehen, Stellung und zu Häusern gekommen. Die Regierungen sind in oft auffäUiger Milde und Schwäche dem Antisemitismus gegenübergesianden, und so sind wir in Wien bei einer wahren Schreckensherrschaft angelaugt. Gleichwie die Straßen dieser herrlichen Stadt, so ist bisher ungestraft das ganze politische, sociale, mirthschaftliche und gesellschaftliche Leben aufgewühlt, und mit tiefem Ekel sehen wir hier und dort die Spitzhaue der Zerstörer unermüdlich thätig. Millionen Bürger, treue Unterthanen iverden von einer wüsten Bande im Vereine mit einer zügellosen Sudelpresse unaufhörlich verhöhnt, beschimpft, beleidigt, verleumdet, in ihrer Existenz, in ihrem Erwerbe geschädigt, ja noch mehr, in ihrer körperlichen Integrität bedroht! In zahllosen Versammlungen werden wilde Hetzreden gehalten, die schlimmsten Volksleidenschaften aufgestachelt. Hass und Verfolgungswuth find in die geheiligten Räume der Schule, des Gerichtes gedrungen: dies Alles, trotzdem die Staatsverwaltung verpflichtet ist, das staatsgrnndgesetz über die Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetze unentwegt zn wahren und zur Geltung zn bringen. Das bisherige Verhalten der Regierungen der letzten zwanzig Jahre ist umso unbegreiflicher, als unsere antisemitischen Gegner ja bei dem wüsten Racenkampfe nicht stehen bleiben, sondern auch die staatlichen Einrichtungen, die Behörden, die höchsten Richter und Beamten besudeln und beschimpfen, insoferne diese ihren niedrigen Zwecken nicht dienen wollen. Der schrankenlose Terrorismus hat alle Gebiete des öffentlichen Lebens unheilvoll beeinflusst, und es ist nur dein gediegenen Kern der Wiener Bevölkerung zn danken, dass es noch nicht zn Äergerem gekommen ist. Wir Juden aber sind doch vor dem Gesetze gleichberechtigte Staatsbürger, welche ihre Pflichten treu erfüllen und dem Staate mit Gut und Blut treu ergeben sind, welche aber auch ihre Rechte energisch in Anspruch nehmen müssen.