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Die Wahrheit · 1899-10-01 · Heft 31 (1.10.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 31 (1.10.1899)
Date
1899-10-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 31. Bett hinein gelegt, wie sie mit Dir „Krischma" (Nachtgebet) geleint hat, wie sie Dir vorgesagt hat: Der Engel, der mich erlöst hat vor allem Uebel, sagen die Knaben — und dann dreimal: Im Namen des Herrn, des Gottes Israel, zur Rechten Michael, zur Linken Gabriel, vor mir Ariel und hinter mir Raphael und über meinem Haupte der Glanz Gottes! und wie Du das alles dreimal Wort für Wort uachgesagt hast. Zu was rufst Du mir diese Bilder aus der Kindheit zurück? — sagte Jossef — die schöne Zeit ist lang' vorbei; wenn ich heut' noch ein Kind sein könnte. Du bist auch nicht immer ein Kind geblieben — fuhr die Schwester fort — Du bist älter und größer geworden und wir sind glücklich gewesen. Denk' nur daran, wenn der Sabbath gekommen ist, wie die Mutter am Freitag Abend hat die Lichter entzündet und hat darüber die Hände ausgebreitet und den Segen gesprochen, und wie da der Tisch gedeckt war und der Wein ist auf dem Tisch gestanden und die Weißbrode sind auf dem Tisch gelegen zugedeckt mit einer weißen Serviett', und wie der Vater ist von Schul heimgekommen, und wir beide sind ihm entgegengesprungen, wen er früher „benschen" wird, und wie er uns da die Händ hat auf den Kopf gelegt, und hat uns „gebenscht", dass Gott Dich soll machen wie Ephraim und Menasche, und dass er mich soll machen wie Sarah, Riwka, Rachel und Lea. Hör' auf Finkel! hör' auf, Du zerschneidest mir das Herz! Nein! Jossef-Leben! ich will Dich blos davor bewahren, dass Du Dir es nicht selber zerschneiden sollst! und darum muss ich Dich an all' das erinnern, wie Du in „Cheder" (Schule) gegangen bist und der Lehrer alleweil gesagt hat, dass Du nichts lernen willst, und wie der Vater-Leben scharf gegen Dich gewesen ist und die Mutter Dich vertheidigt hat und hat sich vor Dir vorgestellt und hat gesagt, Du wirst doch ein feiner Mensch werden, ob Du etwas mehr lernst oder weniger, und dass es nicht ankommt auf das Lernen, sondern auf die Frommheit und auf das Herz. Ja, auf das Herz! — seufzte Jossef — das ist es ja, was mich zu ihr hinzieht! Ich will gegen ihr Herz nichts reden, Jossef-Leben — fuhr die Schwester fort — wenn Du sie gern hast, verdient sie es gewiss; aber die Gewohnheit ist auch etwas, und daran darfst Du nicht vergessen. Bedenk' Deine Gewohnheiten von Jugend an, erinnere Dich, wie Du dreizehn Jahr alt geworden bist, und wie man Dich in Schul zum erstenmal aufgerufen hat. Ich denk' noch die neuen Kleider, die Du damals bekommen hast: ein goldbraun Röckel und eine schwarzseidene Weste und ein paar schöne Sommerhosen und ein' neuen Hut und das goldig Fingerl', was Du da an hast, das hat Dir die Mutter damals an den Finger gesteckt; und wie dann „Jomkippur" (Versöhnungstag) gekommen ist und Du zum ersten Mal den ganzen Tag ausgefastet hast, und wie Dich dann nach den Feiertagen der Vater in sein Geschäft genommen hat, und wie Du da gleich alles so gut verstanden hast. Denk' nur, wie Du daheim gehalten worden bist, und die ganze Zeit von Jugend auf bis jetzt, ob Du von den Eltern, vom Vater oder von der Mutter auch nur einmal ein bös' Wort hast anhören müssen; stell' Dir das alles vor und bedenk, was Du jetzt thun willst! Finkel-Leben! ich kann nicht, ich kann nicht anders! Du kannst anders, Jossef-Leben, Du kannst es, und wenn es Dir schwer fällt, so bin ich da, um Dir zu helfen. Fass' Dir ein Herz und komm', komm' mit mir, wir gehen mit einander heim, wir gehen zu den Eltern zurück, und alles ist wieder gut, und ist, wie es gewesen ist! Du brauchst keine Furcht zu haben, dass man Dir Vorwürfe machen wird, nicht ein Wort wird man Dir lagen, was Dich beleidigen könnt', und von Mirl Asrieles wird keine Rede sein, ich steh' Dir gut dafür, ich übernehme alle Bürgschaft. Komm', Jossef-Leben, komm'! Ich kann nicht, Finkel, ich kann sie nicht verlassen. Stell' Dir nur vor, Jossef-Leben, was für Kränkung Du den Eltern zufügst, stell' Dir vor, wie Dein Schritt auf die Mutter und auf den Vater wirken möcht'; irberleg' Dir das Jossef! Du hast nur eine Mutter und nur einen Vater! von mir will ich nichts reden; aber denk' Dir die Mutter, wenn sie sollte so hören müssen, dass ihr Sohn, ihr einziger Sohn sich hat — ich will das Wort gar nicht über die Lippen bringen. Finkel-Leben, was soll ich machen? Was Du machen sollst? ich Hab' Dir's ja schon gesagt! mit mir geh'n sollst Du! heimkehren sollst Du mit mir zu Vater und Mutter, denen ich versprochen Hab', Dich zurückzubringen. Versprochen hast Du's! — seufzte der Bruder — versprochen, und willst Dein Wort halten. Ja, Jossef-Leben, ich will es halten, so komm' und erquick' Deine Eltern! Ach — seufzte er — auch ich Hab' versprochen! auch ich Hab mein Wort gegeben, und will — — — Nein, Jossef-Leben, das brauchst Du nicht! das Wort brauchst Du nicht zu halten; Vater und Mutter haben ältere, haben größere Rechte auf Dich, als die Leute da, die Dir ja fremd sind und fremd bleiben werden! Du willst hier Dein Wort halten, das Du heut' oder gestern erst gegeben hast, und all' die Versprechungen, die ein Kind seinen Eltern nicht erst ausdrücklich in Worten zu machen braucht, die es aber darum nicht weniger zu halten schuldig ist, die willst Du brechen? Du willst ein ehrenhafter Mensch sein, und wirst in demselben Augenblick ein ehrvergessener Sohn? Schwester! Du weißt nicht, wie es mich drängt! Du kennst nicht die Unruhe meines Herzens! Die Unruhe in Deinem Herzen! und die hoffst Du zu verlieren, indem Du an Vater und Mutter, an Familie und Religion, an Deinen Jugenderinnerungen und an allem, was Dir theuer, lieb und werth sein muss, einen Verrath begehst? Die Ruhe in Deinem Herzen glaubst Du zu finden, wenn Du hinausgehst aus dem Vaterhaus, das Dich bisher hat ausgenommen als Kind, und es verleugnest, wenn Du Deine Religion ab schwörst und Dich hineinstellst in eine Dir ganz neue und fremde Welt, welche Dich nicht kennt und von der Du nichts weißt. Ruhe willst Du finden, wenn Du alle die Fäden, welche Dich bis jetzt mit der Familie, mit der „Gasse", mit der Menschheit verbunden haben, zerschneidest, von allen Gewohnheiten Deines bisherigen Lebens Dich trennst, allen Erinnerungen entsagst, auf alle die tausend Sachen, die mit Deinem Leben zusammenhängen und mit denen Du verwachsen bist, Verzicht leistest? Ruhe willst Du finden bei fremden Menschen, die unter anderen Gewohnheiten als Du, aufgewachsen sind, die das, was Dir theuer ist, nicht kennen und nicht verstehen. Ruhe willst Du finden? Jossef-Leben! wie sehr, wie arg täuschest Du Dich! Nicht sollst Du auf meine Red' kommen! Aber ich sag Dir's, Ruhe findest Du nur im Kreise der Deinigen, daheim bei uns findest Du Ruhe; hier aber wirst Du sie nicht finden! Die Unruhe in Deinem Herzen wird noch größer werden als sie ist! Das, was Dich jetzt beunruhigt, ist ein Kinderspiel gegen das, was Dich nachher peinigen und quälen wird. Du wirst es bitter bereuen! Du wirst liegen auf Deinem Angesicht und wirst bittere Thränen vergießen! Du wirst kein' Tag und keine Nacht haben! Du bist jetzt berauscht von der Leidenschaft; die Leidenschaft — ich bin noch ein junges Mädchen und ich sollte nicht so reden, aber ich bin Deine Schwester und muss es Dir sagen — die Leidenschaft wird verfliegen, sie wird vorbeigeh'n, wie ein Traum, und Du wirst aus dem Traume erwachen, dann wirst Du Deine unglückliche Lage bei kaltem Blut einsehen, so wie ich sie jetzt voraussehe, und wirst Dir nicht zu helfen wissen! Du redest immer nur von Vergangenheit und Zukunft, und auf mir lastet die Gegenwart! So wirf die Last von Dir herunter! Das Hab ich ja gethan! Das hast Du gethan? indem Du eine noch viel schwerere Last Dir aufladest? Du weißt nicht was Du redest! (Fortsetzung folgt.)

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