Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 31 (1.10.1899)
- Date
- 1899-10-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 31. Die Wahrheit. Seite 7. vor einigen Jahren viele Völker wallfahren gesehen zu einerheilig gehaltenen Reliquie aus der Zeit des christlichen Religionsstifters; es war der sogenannte heilige Rock zu Trier. Was man hievon gelesen und vernommen, dasselbe berichtet der Talmud über das Aeußere des Mosesgewandes: cbaluk laban sebeen bo imra. Den Israeliten ist es religionsgesetzlich verboten, irgend etwas außer Gott als heilig zu verehren, und fänden wir diesen ersten Ornat unseres Lehrers Moses — er wäre ein unvergleichlich seltener archäologischer Fund — wir würden aber nie und nimmer einen Cultus damit treiben dürfen. Jedenfalls ist die talmudische Beschreibung dieses Ornates Mosis schon um dieser Aehnlichkeit willen mit dem Trierer Christus-Rock interessant. „Ein weißes Hemd ohne Saum!" Also bezeichnet Rab Kahana das interessante Festkleidungsstück. Unter dem Worte „Ohaluk“ versteht Aruch hier zur Stelle: „Malbusch eijon“, d. i. „Oberkleid". Dieselbe Bedeutung leitet Professor Fleischer aus dem Arabischen her, desgleichen Professor Levy in seinem Lexikon; nach Kohut aber ist es ein nicht über Kleidern, sondern am Leibe anliegendes Hemd, ähnlich Raschi (Chemise, lateinisch camisia). Talmud Baba Bathra, 57, spricht von dem Hemde des Gelehrten, das den Körper dermaßen ver> hüllt, dass kein Fleisch darunter sichtbar wird. In diesem Sinne ist „Ohaluk“ ein Gegensatz zu „Talith“, Hülle oder Ueberrock (Tunica Kethoneth). Allgemein aber gilt die erste Erklärung, wozu der Beweis aus Ecba rabbati herangezogen wird: „Chaluka dijehudai deschabbata“, d. h. das von den Israeliten nur am Sabbath angelegte kostbare Gewand, das passend zum Leibe sitzt, nicht direct am Körper (solches bezeichnet der Talmud nach dem Griechischen Epikarsion [Chagiga 26. Jerusch. Ber. 2,3, Moed Katan 22] als ein eng anliegendes Hemd, das an den Schultern offen und beim Anziehen festgebunden wird). Im Tractat verecb erez, 10, ist zu lesen: „Wer in's Bad geht, thue also: Er ziehe seine Schuhe aus, lege den Helm ab, dann sein Ueberkleid, Tallith, dann löse er seinen Gürtel, dann entledige er sich seines Oberhemdes, 0 b a luk, und dann erst: mattir opakarso, seines Epikarsions, d. i. Unterhemdes. Moses trug also in den sieben Weihetagen ein faltenloses Ueberhemd — vermuthlich von weißem Linnen — dem Leibe passend sich anschmiegend. Damit ist nach Rab Kahana nicht nur das äußerliche würdige Erscheinen beim heiligen Dienste, das sich von dem alltäglichen profanen unterscheiden soll, schon bei Moses hervorgehoben, sondern zugleich mit der Würdigkeit ein Stück Symbolik des inneren ethischen Empfindens wie für den Träger also auch für das Auge der zur Weihe des Heiligthums Versammelten gegeben. Nichts wirkt mehr als die Schlichtheit und Einfachheit, weil diese der Natur am nächsten stehen. Die ungekünstelte, unverblümte Natürlichkeit bestrickt die Einsichtsvollen durch den Zauber ihrer elementaren Wahrheit mehr als die Pracht golddurchwirkter und edelsteinstrotzender Gewänder, die nur das Auge einer meist geblendet sein wollenden Volksmenge besticht. Moses aber vollzieht die Weihe mehr als ein Priester für die P r i e st e r, denn als ein P r i e st e r für das Volk. Ahron und seine Söhne sind Priester für das Volk, daher die Vorschrift von den bunten, kostbaren, reich verzierten und kunstvoll angefertigten acht Ornatstücken des Hohenpriesters des Volkes, daher die ausführliche Beschreibung des „inareb kohen“, der Gestalt und der Erscheinung des versöhnenden Priesters in der Bibel, und später die Schilderung der Posten und die nach der Zerstörung des Tempels unter heißen Thränen mit dem Blute der gebrochenen Herzen geschriebene liturgische Poesie für den Versöhnungstag mit dem Refrain: Also war die Gestalt oder „die Erscheinung desPriesters" und dem Weheruf: „Heil dem Auge, das Solches geschaut!" Moses aber war für das Volk der Lehrer der göttlichen Gebote, der unerreichte Prophet des Herrn, dem kein irdisches Kleid einen Glanz geben noch erhöhen könnte, in dessen sonnengleiches, strahlendes Angesicht das Volk zu blicken nicht vermochte, „ki karan or panav“, weil aus seinem Angesichte göttliche Strahlen überirdischer Verklärung leuchteten. Er bedurfte für das Volk keinerlei materielle Decoration, um als „eb6d Adonaj 4, als Diener Gottes, würdig zu erscheinen. Allein der Lehrer für das Volk ist auch sieben Tage lang ein lehrender Priester für die Priester gewesen, nämlich in den sieben Weihetagen nach Aufrichtung der Stiftshütte im Nissan im zweiten Jahre nach dem Auszuge Israels aus Aegypten. Als lehrender Priester für die Priester genügte es, wenn er ohne Pomp und Pracht, einfach und schlicht im „Chaluk laban“, im weißen, faltenlosen Ueberrocke die heiligen Handlungen und Ceremonien ausübte, die später von den mehr im Gesichtskreise des gewöhnlichen Volkes sich bewegenden Kohanim allein vollzogen werden durften. Die gelehrigen Schüler Mosis aber sollten an dem „weißen Hemde" des Meisters vor Allem lernen, dass nicht ihre farbenprächtige Gewandung und Körperumhüllung das Priesterthum darstellte, sondern die erhabene Gesinnung eines tief religiös-ethischen Gemüthes, dass es beim Gottesdienste nicht auf ein Imponiren durch Aeußerlich k e i t e n ankäme, sondern auf die reine Innigkeit eines Gott dienenden, andächtigen Herzens, dass die Wahrheit von äußerlichem Blendwerk weit entfernt sei, und keinerlei Hochmuth und keinerlei Hierarchie aufkommen lasse. Das golddurchwirkte Kleid konnte selbst bei Ahron ein Ankläger, „Xatbegoros" werden, weswegen der allerheiligste Dienst im Jahre in eben einem solchen Linnenhemde auch von Ahron verrichtet werden musste, wie es in den sieben Weihetagen des Heiligthums von Moses getragen wurde. Das Wort „Chalak" bedeutet „glatt", d. i. schlicht und einfach, das Wort ..laban“, weiß", passt zu dieser ebenen Glätte und kunstlosen Schlichtheit. Es ist die Farbe der Natürlichkeit und der durch Nichts entstellten Wahrheit, der durch Nichts getrübten Reinheit. Das Judenthum und seine Literatur verstand sich auf die Farben und ihre Symbolik vortrefflich. Es kennt die „Farbe des Himmels an Reinheit" und vergleicht damit die Erscheinung der geoffenbarten Gottheit vor den frommen Jünglingen am Sinar. Es werden bei den weißen Schaufäden Schnüre von himmelblauer Wolle zur Einsäumung des Kleides gefordert und die weißen Schaufüden symbolisch als Anschauungs- und Erinnerungszeichen verwerthet. Die Sünde erscheint in der Farbe des Blutes, worauf das Entsündigungsopfer der „rothen Kuh" hinwies. Der Prophet redet von den Sünden, „wenn sie so roth wie Carmoisin und Purpur, sie sollen durch Buße weiß werden wie Schnee!" Das „Weißwerden" des „ro then Fadens" im Zionsheiligthum wird mit der Sühnhandlung des Hohenpriesters in Verbindung gebracht. Weiß ist also die Farbe der Ents ü n d i g u n g, der Reinheit, und was ist des Priesters Hauptthätigkeit denn sonst, als alle Sünde, Unreinheit und Entweihung der Unschuld aus der Welt zu schaffen. So unterweist der lehrende Priester der Priester diese schon mit seinem äußeren Habitus auf die wichtigsten Zwecke des Priesterthums und Priester amtes: Unsch uld, Reinheit, Tugend und innere Heiligkeit hienieden einzupflanzen und auszubreiten, die mit der Wahrheit und Unverdorbenheit der schlichten Menschennatur auf's Innigste Zusammenhängen. _ (Schluss folgt.) Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (16. Fortsetzung.) Und wie Du es Wort für Wort nachgesagt hast; und wie dann der Vater aus der Schul' heimgekommen ist mit seinem Tallisbeutel in der Hand, und wie Du vom Frühstück bist aufgesprungen und hast ihm den Tallisbeutel aus der Hand genommen und ihn hast anhängen wollen an den Nagel hinter der Thür, und wie Du hast nicht hinaufgelangen können, und man Dich hat hinaufheben müssen, denk', wenn Du Abends bist schlafen gegangen, und die Mutter hat Dich in's