Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 31 (1.10.1899)
- Date
- 1899-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31. Seite 6. Die Wahrheit. der neue- Cantor Bela Guttmann, ein geborener Ungar, hat ungemein gut gefallen. Der junge, erst im 27. Jahre stehende höchst geniale Sänger hat sich im Sturme die Gunst seiner Zuhörer erobert und er dürfte einer großen Zukunft entgegengehen. Die Solis des k. u. k. Opernsängers David Ney, dieses weltberühmten Gesangskünstlers, erhöhten die Herrlichkeit des Festgottesdienstes. Unser Organist Professor Rudolf Schweiber leistete wahrhaft Vortreffliches. Auch der Chor leistete unter der meisterlichen Anleitung unseres tüchtigen Obercantors Ausgezeichnetes. Warum aber der Chordirigent (oder „Regenscori" nach dessen eigener Schreibweise) am Lol niäre ohne Talith geblieben, ist eine Thatsache, die allgemein verstimmt hat. Wo bleibt denn der Gemeindevorstand, wozu sind denn die Gaboim da, wenn jeder unbedeutende subalterne Angestellte der Gemeinde machen kann, was ihm beliebt? . . . . Auch einen solch' großartigen Gottesdienst, wie er im Pester Tempel celebrirt wird, dürfte es weit und breit nicht wieder geben. In der Rombachsynagoge hat der unverwüstliche Großmeister der Chasanim, der unvergleichliche Obercantor Jacob Bachmann, durch seinen brillanten Gesang das Beterpublicum geradezu elektrisirt. Die Cantoren Keller und Jacobovits leisteten ebenfalls nur Gutes. So waren die Festtage in Pest sehr gut vorübergegangen, mögen nun die Tage, die ihnen folgen, ebenfalls nur Gutes bringen. David Hirsch. Der erste Priester-Ornat im Talmud. Eine culturhistorische Studie von Dr. Dav. Leimdörfer, Prediger zu Hamburg. Im babylonischen Talmudtractat Aboda Sara 34 a, wird von Rabbi Akiba erzählt, dass er einst nach Gazaka (Ganzak), einer Hauptstadt der Provinz Atropatene in Medien gereist wäre, woselbst ihm drei Fragen zur Beantwortung vorgelegt wurden, die er aber nicht zu lösen vermochte. Eine von ihnen war die folgende: „In welcher Gewandung verrichtete Moses in den sieben Tagen der Einweihung des Stiftzeltes den Gottesdienst?" Ein Weiser, Rab Kahana, ertheilte hierauf folgenden Bescheid: „Bechaluk laban sch een bo imra“, d. h.: „In einem weißen Hemde, an welchem keinSaum gewesen." Es ist für den Culturhistoriker von Bedeutung, hieraus zu ersehen, dass sich in talmudischer Zeit Gelehrte der Halacha von Ruf nicht nur mit dem Gottesdienste und seinem Gehalte als solchen, sondern auch mit anscheinend Nebensächlichem, Aeußerlichem befasst hatten, was in der heiligen Schrift gar nicht vorgesehen war. Dass der den Gottesdienst verrichtende Priester im Zeltheiligthume in einer besonderen A m t s t r a ch t zu erscheinen habe, darüber spricht die Bibel Exoä. 28,^: „Du sollst heilige Gewänder machen für Ahron, Deinen Bruder, zur Ehre und zur Pracht!" Dann Vers 40: „Und für die Söhne Ahrons sollst Du Leibröcke anfertigen, ihnen Gürtel machen und hohe Kopfbedeckungen, lechaboä uletixharet, zur Ehre und zur Pracht!" Ferner Vers 42: „Die heiligen Kleider sollen auf Ahron und seinen Söhnen sein, wenn sie in das Stiftszelt kommen, oder wenn sie hintreten zum Altäre, zu dienen im Heiligthume, dass sie keine Sünde darob tragen, wodurch sie stürben, eine ewige Satzung für ihn und seine Nachkommen nach ihm!!" Allein, dass der den Gottes- und Priesterdienst auf des Ewigen Geheiß anordnende Moses irgend eine Amtstracht anlege in der Zeit, da er berufen war, dem Heiligthume die Weihe zu geben — dafür findet sich kein Gebot in der heiligen Schrift. Selbst Rabbi Akiba, der große Meister, der selbst auf jedes Pünktlein der Bibel Halachoth über Halachoth zu häufen verstand, hier weiß er keinen Bescheid zu geben, wo man ihn über Moses' Amtstracht um Auskunft bittet. Denn Priester war Moses nicht, und die Vorschrift der besonderen Kleider bezieht sich in den genannten Schriftstellen ausdrücklich nur auf Ahron und seine Söhne. Wenn nach dem Gesagten dennoch die Frage hierüber auftauchen konnte, so scheint dies von einem ästhetischen Tactgefühle zu zeugen, das die Weisen der Mischna-Epoche empfunden haben müssen. Dem ästhetischen Gefühle der Weisen ist es nicht nur um den Cultus des Schönen und Harmonischen, insofern es sich auf Aeußeres, Sinngefälliges bezieht, zu thun, sondern vor Allem um das Würdige, in welchem sich das Erhabene zu manifestiren habe. Erhabeneres als den Dienst Gottes konnte es für die israelitischen Weisen nicht geben, diese Erhabenheit müsse sich aber dem Auge auf eine höchst würdige Weise darstellen. Denn der Gottesdienst soll einen gewissen Eindruck machen, würdig des Gegenstandes der Anbetung, würdig der Stätte dieser Anbetung, würdig der zur Heiligung und Weihe berufenen Persönlichkeit. Bei der allerdings nur für Priester im Exodus gegebenen mosaischen Gesetzgebung über das äußerliche Auftreten und Erscheinen in der Nähe des Altares wurden zwei Worte „lechaboä uletiphareth" als ästhetische Motive hervorgehoben. Aus diesen mochte sich das ästhetische Begehren der Weisen herleiten, auch dort, wo kein eigentlicher Priester, wohl aber sein Stellvertreter oder gar sein Vorbildner und Erzieher — wie es Moses gewesen — des heiligen Amtes waltet, an irgend eine äußerliche sacrosancte Manifestation zu denken. Sie gilt dem Zwecke der Verherrlichung Gottes und seiner Wohnstätte, wie der Würdigung des Hochamtes, für welches Moses seinen Bruder Ahron und dessen Söhne erzogen und herangezogen. Also ist die Frage nach dem Habitus Moses' entstanden. Die Aesthetik der Weisen ist mir ein Moment ihrer Ethik oder ihrer ethischen Weltanschauungen. Es wäre unstreitig eine Profanation des Allerheiligsten, wollte der Mensch ihm so nahen, wie er sich in der Alltäglichkeit bewegt, in seinem Hause, in seinen gewohnten wochentäglichen Beschäftigungen, in seiner niedrigen, sinnlichen Umgebung. Die Ethik ist der kategorische Imperativ, der dem Menschen das Gesetz vorschreibt: „Hier ziehe Deinen Schuh aus, denn der Ort, an dem Du stehst, ist heiliger Boden!" Der Schuh ist ein Kleidungsstück, dieses, im Staube der Straße benutzt und beschmutzt, auch auf heiligem Boden zu tragen, ist nicht nur unschön, ist mehr als das: ist unsittlich, weil es das Hohe und Höchste erniedrigt und eine Seele offenbart, die keinen Unterschied macht zwischen heilig und profan, zwischen rein und unrein. Zu Lev. 6,4 sprechen die Weisen Israels (s. Raschi) denselben Gedanken mit den Worten aus: „In den Kleidern, in welchen man für den Herrn die Speisen bereitet, darf man nicht auch den Becher ihm darreichen. Daher wechsle der Priester seine Gewandung zur Wahrung des Anstandes, damit er durch das Fortschaffen der Asche des Brandopfers seine Gewänder nicht beschmutze." Wie sollte aber bei dem allerersten vorbildlichen. Gottesdienste des reinsten Monotheismus im mosaischen Zeltheiligthume während der sieben Eiuweihuugstage — schibath jeme hamiluim — dieses ethische Moment außer Acht gelassen worden sein? Moses, der den Priestern befiehlt, „zur Ehre und zur Pracht" in „heiligen" Gewändern zu erscheinen, ohne welche sie des Todes wären — weil "sie damit den Gottesdienst profanirten — Moses, der jetzt dazu berufen ist, in dieser Zeit Ahron Alles vorzumachen, damit er von ihm lerne: Er sollte in der alltäglichen Gewandung, in seinem Hausrocke etwa, die Weiheopfer vollziehen und die Stelle eines Hohenpriesters öffentlich und feierlich bekleiden in einem profanen und unwürdigen Kleide? So ist die Frage an Rabbi Akiba eine höchst ethische Frage gewesen, und als solche bedeutsam für die Würdigung des ästhetischsittlichen Gefühls bei den frommen Weisen Alt-Israels. Die Antwort des Rab Kahana im Talmud auf diese Frage enthält aber auch mehr als eine wirkliche oder fictive Information darüber, wie Moses bei dieser heiligen Handlung des ersten öffentlichen Gottesdienstes äußerlich erschienen war. Man hat