Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 31 (1.10.1899)
- Date
- 1899-10-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31. Die Wahrheit. Zur Vermiethung der Tempelplatze. Vor und nach den hohen Feiertagen ist die Vermiethung der Tempelplätze in allen jüdischen Gemeinden eine vielbesprochene Frage, und namentlich in den Großstädten, wo die Gemeindemittel zumeist nicht ausreichen, um alle an sie herantretenden Bedürfnisse nach dieser Richtung zu befriedigen, gibt es viele Unzufriedene und Unbefriedigte. Unter den mannigfachen Mitteln zur Sanirung des alten Uebelstandes verdient ein Vorschlag Beachtung, den der Gymnasial-Oberlehrer in Mühlhausen, Herr Di'. Heinrich Lewy, in nachstehendem ans der „Allg. Ztg. des Judenth." reproducirten Artikel macht: „Dichtgedrängt standen unsere Glaubensgenossen aller Orten jüngst in den Gotteshäusern: viele, deren Fuß während des ganzen Jahres die Schwelle des Tempels nicht mehr überschreitet, finden in diesen heilig-ernsten Tagen den halbvergeffenen Weg noch wieder. So erhebend auch der unwillkürliche Blick auf das Heer von Betern und Bekennern wirkt, ein Gefühl des Unbehagens drängt sich doch manchem Betrachter auf bei dem Gedanken, dass alle diese Männer und Frauen an heiliger Stätte geordnet erscheinen nach — der Größe ihres materiellen Besitzes. Unschön und unjüdisch ist die Einrichtung, dass der Reichbegüterte auch im Heiligthum bevorzugt bleibt, dass der Arme selbst im Tempel seines Gottes nur hinten stehen darf. Die Vermiethung der Tempelplätze mag ein unvermeidliches Uebel sein, obwohl nicht alle Kirchen diese Einrichtung zeigen. Aber auch bei ihrem Fortbestände gibt es Wege, um die Gleichbewerthung von Arm und Reich im Angesicht des Allerhöchsten zum Ausdruck zu bringen. In meiner Vaterstadt werden für jüdische Begräbnisse, obwohl die Einfachheit in allen Fällen ohne Ansehen der Person die gleiche ist, verschiedene Gebühren erhoben, je nach dem Vermögen. Entsprechend könnten für Tempelplätze verschiedene Beträge in Ansatz kommen, ohne dass der Mehrzahlende Anspruch auf eine Mehrleistung seitens der Gemeinde hätte. Alsdann wären sämmtliche verfügbaren Plätze entweder in der Art zu vertheilen, dass die Gemeinde-Mitglieder nach der Dauer ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinde geordnet werden, oder das Lebensalter gebe den Ausschlag, oder man verloose — sei es jährlich, sei es in größeren Zwischenräumen — die Plätze unter alle Gemeindemitglieder. In jedem Falle gebührt gleiches Recht auch Denjenigen, welche wegen Armuth überhaupt keine Beiträge entrichten. Bei Darlegung meines seit Jahren gehegten Gedankens in engerem Kreise erfuhr ich, dass eine solche Einrichtung in einer Gemeinde bereits besteht und sich bewährt, und dass in einer anderen ein Antrag in dieser Richtung gestellt worden ist. Möge recht bald überall mit thatkräftiger Hand der eingewurzelte Missbrauch beseitigt und so der Ethik des Judenthums im jüdischen Tempel Geltung verschafft werden!" Aus der ungarischen Hauptstadt. Die Zeit der Feste ist vorüber. Vorüber der hehre Tag des Gerichtes, vorüber der hochheilige Tag der Versöhnung und vorüber ist das duftende Hüttenfest mit seinen zur Freude bestimmten Tagen. Bevor wir nun von Israels Fest-Sammcl- und Freudenzeit für ein halbes Jahr — bis zum kommenden Passahfeste, das uns und allen unseren Menschenbrüdcrn die Seite 5. geistige Erlösung, sowie die Befreiung von allem Wahn, von allen Vorurtheilen und ganz besonders von aller Unduldsamkeit bringen möge — Abschied nehmen, wollen wir noch einen kleinen Rückblick werfen auf die ernste, hochbedeutsame Zeit, die wir nun hoffnungsfreudig durchgelebt haben. Eine ungetrübte Festesstimmung konnte leider nirgends platzgreifen, dafür sorgten die be—rühmten Urtheile von Rennes und Polna! .... Doch lassen wir das. Der Gott Israels ist ein Gott der Gerechtigkeit, er wird auch die modernen Pharaonen auf gewissen Richterstühlen dazu zwingen, dem israelitischen Volke die Freiheit seines Thuns und Lassens kritiklos und nicht blos auf dem Papiere stehend wiederzugeben. Er wird der sinnlosen Antisemitenbande die verblendeten Augen öffnen und sie zwingen, den Lehrern des civilisirten Menschengeschlechtes, den Verkündern der reinen und unverfälschten Original-Gotteslehre ihre ihnen von ihrem Gotte gewährleisteten Menschenrechte nicht vorzuenthalten. Kommt diese, ach schon so lange erhoffte — man kann füglich sagen — erträumte Zeit, dann wird nicht nur der Alleine seinem Volke, sondern Israel allen Völkern zurufen: „Ich habe vergeben!" Geradezu überwältigend ist der Anblick des Straßenbildes der ungarischen Haupt- und Residenzstadt an den beiden israelitischen Neujahrstagen, sowie am Sühnfeste. Die meisten Geschäftslocale, darunter die Trafiken, die Cafes, die Conditoreien und Bäckereien sind gänzlich geschlossen. Es gibt Gassen, wo an diesen Tagen auch nicht ein Gewölbe geöffnet ist. Die elektrischen Straßenbahnen weisen nicht einmal die Hälfte der normalen Frequenz auf. Auf den Fiaker- und Comfortable-Standplützen finden sich nur vereinzelte Fahrgelegenheiten vor, die Theater und die sonstigen Vergnügungslocale gähnen vor Leere, kurz die ganze große Stadt ist wie ausgestorben. Sind die Gottesdienste vorüber, welche in den ständigen Tempeln und in den improvisirten Bethäusern, die sich auf hundert belaufen dürften, abgehalten werden, dann kommt Leben auf die Straße, dann ergießt sich ein imposanter Menschenstrom in die menschenleeren Gaffen der bis dahin scheinbar entvölkerten Großstadt. Aehnliches dürfte kaum in einer zweiten Großstadt auf dem Gesammterdenrunde beobachtet werden. Mit einzelnen Bethauslocalitäten wird großer und grober Unfug getrieben, und das sollte und müsste in der Folge vermieden werden. Diese Mahnung ist sowohl an die Pester israelitische Religionsgemeinde, als auch, und zwar ganz besonders, an die autonome orthodoxe Jsraelitengemeinde in Pest gerichtet. Beide Gemeinden ertheilen Concessionen zur Errichtung der improvisirten Bethäuser, und da kommt es mitunter vor, dass diese an sehr unheiligen Orten errichtet werden. Wir sahen ein autonom-orthodoxes Betlocal in der unmittelbaren Nähe von Lasterhöhlen, wo das geschminkte Laster Thür an Thür der heiligen Stätte sein schamloses Spiel getrieben. Das ist einfach empörend und dürfte in keinem Falle geduldet werden. Ueberhaupt wäre die Errichtung von Andachtsstatten die ureigenste Sache der Gemeinden und sollte nie der Privatspeculation ausgeliefert werden. Doch darüber ein andermal mehr und Ausführlicheres. Was den Gottesdienst betrifft, so steht naturgemäß derjenige des großen Tempels in der Tabakgaffe an allererster Stelle. Die bravourösen Leistungen unseres stimmbegabten und sangeskundigen Obercantors Professor Adolf Lazarus entzückten die nach vielen Tausenden zählende, andächtige Beterschaar. Auch