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Die Wahrheit · 1899-10-01 · Heft 31 (1.10.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 31 (1.10.1899)
Date
1899-10-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 31. schränkten Armen dem Treiben der Antisemiten zugesehen; jetzt, da die Verfolgnngswuth unserer Gegner das Heiligste, das wir besitzen und was uns Allen, Groß und Klein, gemeinsam ist, mit frecher Hand anzutasten wagt, darf es mehr keine Zurückhaltung geben und Jedermann muss an seinem Platze sein. Und wem von den Großen in Israel sich nicht mit elementarer Gewalt das Bewusstsein aufdrängt, welche Pflichten er dem Judenthum gegenüber zu erfüllen hat, der möge austreten aus der Gemeinschaft und durch das Beispiel seiner Lauheit und Lässigkeit unsere Reihen nicht wankend machen. In so gefahrvollen Zeiten könnte eine Ausscheidung der kranken Glieder für die Gesammtheit nur vom Vortheile sein, denn wir brauchen nur Männer, die ihrem Judenthum mit ganzem Herzen und ganzer Seele anhängen und den Angriff auf die erhabenen Ideen der jüdischen Religion gerade so wie den Angriff auf ihre bürgerliche Existenz bis zum letzten Athemzuge mit aller Entschiedenheit abwehren. Professor Masaryk über Antisemitismus. Das an leitender Stelle erwähnte Schreiben des Professor Masaryk an die „Neue Freie Presse" wendet sich zunächst gegen die antisemitischen Stimmen in der czechischen Presse und äußert sich dann über die Affairen Dreyfus und Polna in folgender Weise: „Ueber die Verurtheilung Dreyfus' ist wohl kein Wort mehr zu verlieren. Ich selbst freue mich jetzt, dass der unglückliche Hauptmann ohne Rücksicht auf die Begnadigung seinen Process weiter führen wird. Die Niederträchtigkeit der Gegner verdient keinen Pardon — Frankreich selbst kann nur gewinnen, wenn der antisemitische und clericale Generals-Anarchismus ganz offenkundig zertreten wird. Allerdings genügen der Renneser Process und seine Enthüllungen vollkommen, die Messieurs Mercier und Spießgesellen der europäischen Verachtung anheimzugeben, aber es handelt sich eben darum, die Quelle dieser moralischen Seuche zu verstopfen. Dies ist umso nöthiger, als es sich, wie die Polnaer Angelegenheit beweist, um eine europäische Krankheit handelt. Dreyfus und seine tapferen Freunde werden jetzt in der That der ganzen gesitteten Menschheit einen Dienst erweisen, wenn sie den Schandprocess usgrw aä Lnem führen werden. Es scheint übrigens, dass auch die conservativen Schichten der französischen Bevölkerung und ihre Führer zu begreifen anfangen, dass der obstinate Generalstab nicht dem Patriotismus, sondern dem Anarchismus dient. Das könnte den Herren das von Ihrem Blatte unlängst veröffentlichte Urtheil Pobedonoszew's zeigen; es ist wohlthuend, dass dieser anerkannt conservative russische Staats- und Kirchenmann so unzweideutig für Dreyfus sich ausgesprochen hat. Wenn nun die römische Curie ebenfalls, wenngleich noch immer viel zu vorsichtig, die französischen Antisemiten abschüttelt, so könnten daraus die conservativen Politiker Frankreichs endlich schon lernen. Gewiss werden die denkenden Monarchisten in Frankreich und überall einsehen, dass eine Monarchie, gestützt auf die Henker Dreyfus', in erster Reihe für Frankreich und ebenso für die übrigen Staaten eine permanente Krise bedeutet. Gelegentlich des Kuttenberger Processes will ich mich nicht über den „Ritualmord" im Allgemeinen verbreiten. Darüber sind die eulturgeschichtlichen Acten geschlossen. Allein erlauben Sie mir im Hinblick auf den speciellen Fall folgende Betrachtung anznstellen. Die Antisemiten werden es nicht müde, die Juden als das Non plus ultra der Schlauheit und Verschlagenheit hinzustellen: wie passt nun zu diesen Eigenschaften die brutal-blöde Unthat in Polna? Wenn heute irgendeine, offenbar geheime Gesellschaft oder Secte Menschenblut haben wollte, so würde sich ihr wahnsinniger Verbrechergeist seine unbekannten und schon im Leben verschollenen Opfer in den größeren Städten suchen und nicht auf dem Lande. Von diesem Gesichtspunkte beurtheilte ich alle die in letzter Zeit als Ritualmord angeführten Fälle; auch der Polnaer Mord widerspricht allen Voraussetzungen, die von den Antisemiten selbst in Betreff des geheimen und geheim durchgeführten Ritualmordes gemacht werden. Sollte sich aber irgendwo ein Unglücklicher finden, welcher der antisemitischen Suggestion erliegen würde, so wäre auch dieser Fall auf Rechnung des Antisemitismus und seiner aufreizenden Propaganda zu setzen. So viel ich sehe, hat der antisemitische Aberglaube vom Ritualmord gegenwärtig eine vorwiegend ökonomische Bedeutung. Die Antisemiten geben vor, das Volk von den wirthschaftlichen Vampyren befreien zu wollen: ein Volk aber, respective Volksschichten, welche im wirthschaftlichen Fetischismus großgezogen wurden, werden de facto nur für die verschiedentlichen Vampyre jüdischer und christlicher Confession geradezu präparirt. Dieser antisemitische Aberglaube, wie ersichtlich, ist allgemein, ist international; gegen ihn ist darum gemeinschaftliches Auftreten aller Gegner angezeigt." Aufruf! An den Verein zur Abwehr des Antisemitismus kam aus Petersburg folgende Depesche: „In der antisemitischen „Nowoje Wremia" folgende Telegramme aus Wien: Am Gericht Kuttenberg bewiesen, dass Mord christlichen Mädchens von jüdischem Arbeiter religiösen Zwecken verübt; Mädchen durch Schlag betäubt, dann Kehle durchschnitten, Blut abgezapft, da bei Leiche kein Blut gefunden. Ganz Böhmen Ausschreitungen gegen Juden erwartet. Regierung Truppen gesandt; Juden massenhaft Güter verkaufen, nach Wien auswandern. Redaction „Woschod" erbittet dringend sofort Aufklärung umständlich telegrapiren, um neuer antisemitischer Pressagitation vorzubeugen." Was in Petersburg angestrebt wird: einer neuen antisemitischen Pressagitation vorzubeugen, deren nächstes Ergebnis die antisemitische Propaganda der That wäre, soll und muss in erster Linie dort veranlasst werden, wo die Vlutbeschuldigung zu neuem Leben auferweckt worden ist. Diesmal gilt es, mit vereinten Kräften vorzugehen, um den Feinden der Juden die Möglichkeit zu benehmen, in die Welt hinauszurufen: „In Polna ist der Ritualmord vor Gericht bewiesen worden." Es muss über die Sache volles Licht gebracht werden; es darf hier kein Präcedenzfall geschaffen werden, der dieser gefährlichen, das gesummte Judenthum bedrohenden Anschuldigung eine auch nur scheinbare Berechtigung geben könnte. Diesmal tritt an alle unsere christlichen Gesinnungsgenossen, und ganz speciell an die Judenschaft, die gebieterische Pflicht heran, wie ein Mann aufzustehen, Alles aufzubieten, um den Fall klarzustellen, und so zu verhindern, dass der Glaube an diesen jüdischen Verbrechens-Paragraphen in die denkträgen Volksmassen sickere und dort zur Ueberzeugung werde. Im Bewusstsein, seine Pflicht zu thun, fordert der Abwehrverein die gesammte Intelligenz Oesterreich-Ungarns auf, zu dieser hochernsten, die Existenz von Millionen Mitbürger bedrohenden Frage Stellung zu nehmen. Nicht aber durch einen Protest oder durch papierue Resolutionen Stellung zu nehmen, sondern durch die That. Was die Gegner durch ihre Privat-Enqueten im Voraus unternommen haben, muss nun durch alle die Gerechtigkeit suchenden Bewohner Oesterreich - Ungarns paralysirt werden: Es muss durch ihre vereinten Bemühungen, durch Erlangung eingehender gerichtlicher Untersuchungen der Beweis erbracht werden, dass diese versteckte und doch so offene Beschuldigung im Process von Polna ebenso eine niederträchtige Verleumdung war, wie dies seinerzeit im Process Tißa-Eßlar zur Evidenz nachgewiesen worden ist. Mögen diesmal nicht die Großen achselzuckend an dem Unglück der Kleinen vorübergehen, in der Meinung, sie würden durch die Sache nicht tangirt. Es ist ebenso gut auch ihre Sache, denn die Anschuldigung geht diesmal gegen Alle, denen die Fundamental-Gesetze ihres mosaischen Glaubens heilig sind. Für den Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Der Vorstand.

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