Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 30 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 30. genommen werden, irrten heimatlos und verarmt umher. Eibenschitz, der bereits in Metz sicher thronte, hielt tief erschüttert ob dieser Trauerbotschaft eine ergreifende Rede, abgedruckt im „Jaroth Dewasch", in welcher er wohl auf die schändlichen Urheber dieses Unglückes deutlich hinweist, aber voll des Lobes über die Prager Juden im Allgemeinen ist und zuletzt die Herzen der Reichen um ausgiebige Spenden für die Ausgewiesenen bestürmt. Er sendet dann Bittgesuche an die umgebenden Gemeinden und bringt große Hllfssummen zusammen, zu welchen er noch die Trümmer seines eigenen Vermögens, das zum größten Theile in Prag confiscirt wurde, hinzuthut. So wird er ein wahrer Retter in der Roth. Aber er fleht auch innig alle möglichen Personen an, um auf Aufhebung der grausamen Ausweisungsdecrete hinzuwirken. Schließlich ist auch dieses Rettungswerk dem reichen, einflussreichen mährischen Rabbiner Berusch Eskeles und dem ftüheren Marannen Mose Pereyra (Diego de Aquilar) gelungen. (Fortsetzung folgt.) Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde Wien hat in seiner am 20. September l. I. abgehaltenen Plenarsitzung einhellig beschlossen, dem Ministerpräsidenten, dem Justizminister, dem Cultusminister und dem Statthalter in Niederösterreich den nachfolgenden Pro t e st zu überreichen: „Wir protestiren hiemit auf das feierlichste und entschiedenste gegen die von antisemitischer Seite in den Polnaer Process hineingetragene tendenziöse Beschuldigung, dass das Judenthum oder irgend eine jüdische Secte den Ritualmord oder den rituellen Gebrauch von Menschenblut lehre oder übe oder jemals gelehrt oder geübt habe. Wir hegen zwar das volle Vertrauen, dass die österreichische Regierung die uns als staatlich anerkannter Confession zustehenden Rechte auch gegenüber dieser allerschändlichsten Verleumdung, welcher noch vor wenigen Jahren in China Hunderte von Christen zum Opfer gefallen sind, wahren werde. Unser Vertrauen in die Maßnahme der Regierung kann uns jedoch nicht hindern, unserer Empörung über die unserer altehrwürdigen Religion zugefügte Schmach Ausdruck zu geben. Wir haben geschwiegen, so lange man nur die materiellen Interessen unserer Glaubensgenossen durch Verdächtigungen und Verleumdungen zu schädigen suchte. Heute aber wird in frecher Weise Hand gelegt an unser Heiligstes, an unsere Religion; und da werden wir, wie unsere Väter es gethan haben, mit Gut und Blut für die Ehre und Reinheit unserer Religion eintreten und sie gegen den schändlichen Anwurf der Blutbeschuldigung verteidigen. Wien, am 20. September 1899. Der Vorstand Das Rabbinat der israelit. Cultusgemeinde der israelit. Cultusgemeinde Wien. Wien. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (14. Fortsetzung.) Finkel hatte genug gehört, um zu wissen, was mit ihrem Bruder vorgeht; denn das konnte ihr nicht entgangen sein, von wem hier zwischen den Beiden die Rede war. Sie musst' es glauben und glaubt es doch wieder nicht. Sie hatte es deutlich vernommen, ihr Ohr hatte sie nicht getäuscht, aber ihr Herz wollte nichts davon wissen und bäumte sich dagegen auf. Wie, Jossef, ihr Bruder, der Sohn der ftommen Jittesch, sollte seine Familie und seine Religion verleugnen und verrathen? er sollte Christ werden eines Mädchens willen, er, der gute Sohn, den Eltern die bitterste Kränkung zufügen, von der sie im Leben getroffen werden konnten? Nein, nein/ es kann nicht sein! Ihr Herz empörte sich gegen den unseligen Gedanken, und sie eilte hin zu ihm, ihm in's Auge zu blicken und darin zu lesen, dass Alles, was sie da gehört, nichts als leerer Schall gewesen sei; sich an seine Brust zu werfen und ihn nicht wieder loszulassen aus den schwesterlichen Armen, bis sie ihn heimgebracht, heim zu den Eltern — den verlorenen Sohn. — Armes Mädchen! wie sehr Dein Herz sich dagegen empört, und es ist doch so und es war kein leerer Schall, was Dein Ohr getroffen. Arme Schwester, gehe hin und sieh ihn an, sieh den Bruder, ob Du ihn noch wieder zu erkennen vermagst! Bruder und Schwester saßen nebeneinander in der säuberlich eingerichteten Wohnstube des alten Niederhuber. Sie waren allein beisammen und ungestört von jedem lauschenden Ohr. Honza und Brigitte hatten dieses Alleinsein der beiden Geschwister zwar nicht gerne gesehen, denn sie konnten sich es wohl denken, dass die Schwester gekommen sei, den Bruder zu holen, und sie fürchteten, dass es ihrer Macht über ihn gelingen möchte, .ihn von seinem Vorsatze abzubringen. Der alte Niederhuber jedoch war der Meinung, man müsse das Alleinsein der Geschwister in keinem Falle stören, sondern es zu befördern suchen. Die Schwester soll ihre Macht und ihren Einfluss auf den Bruder geltend machen, es sei ihm dies sogar erwünscht. Es werde dadurch nur eine Probe abgelegt, die für die Zukunft seines Kindes von heilsamer Folge sei. Ist Jossefs Entschluss so schwach und steht er auf so schwankem Grunde, dass die Schwester durch ihre Ueberredung ihn davon zurückzuführen im Stande ist, dann war sein ganzer Vorsatz auch nur eine augenblickliche Aufwallung, gefasst in leidenschaftlicher Erregtheit und nicht ernst gemeint, und es sei besser, er komme jetzt noch zur Besinnung, ehe der wichtige Schritt gethan ist, als dass er später den gethanen Schritt bereue und sich und seinem Weibe das Leben vergälle. Kehrt er zurück, dann habe Marie an ihm nichts verloren, und essei besser, dass sie ihn nie besitze, als dass sie seinen Verlust später beweine. Bleibe er aber standhaft, beharre er fest auf seinem Vorsatze trotz der Ueberredung der Schwester, dann habe er damit den Beweis geliefert, dass sein Vorsatz ernst gemeint sei, dass er seinen Entschluss auszuführen den festen Willen habe, und dass auch die Kraft in ihm wohne, für alle Zukunft auf sich selber zu stehen und sich von allen verderblichen Einflüsterungen widerstandsfähig und männlich abzuwenden. Und Marie, welche zwischen Honza und Brigitte auf der einen und dem Vater auf der anderen Seite in der Mitte stand, theilte die Besorgnis der ersteren und musste der ehrlichen und verständigen Auseinandersetzung des Vaters Recht geben. Auch hatte sich ihr weibliches Gefühl und ihre edle Gesinnungsweise dagegen gesträubt, die zarten Familienbande zwischen Bruder und Sckiwester mit plumper Hand anzutasten oder gar mit roher Hand zu zerreißen. So sitzen denn Bruder und Schwester in der Wohnstube des alten Niederhuber allein nebeneinander. Jossef-Leben! — begann Finkel — bedenk Dir nur, was Du da thun willst! bedenk' Dir nur! Der Bruder seufzte tief auf ohne eine Antwort zu geben und die Schwester fuhr fort: Denk' an unsere, denk' an Deine Kindheit. Wie wir Beide Kinder waren, wenn tbir Früh aufgewacht sind, die Sonn' so schön hat Hineingeleucht' in die Stub', wie die Mutter da zu Deinem Bett ist gekommen, und hat Dich herausgehoben und hat Dich auf den Tisch gesetzt, und hat Dir die Strümpf' und Schuh' angezogen, und wie sie beim Anziehen Dir hat vorgesagt: Die Thora, die uns Moscheh befohlen, ist ein Erbtheil Jakobs! (Fortsetzung folgt.)