Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-09-22 · Heft 30 (22.9.1899) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 30 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3063003--00442-3066950
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30. Die Wahrheit. Seite 7. in den Ausgaben wird die Erhöhung der Einkünfte der Gemeinde unumgänglich nöthig sein. Die Ausführungen des Referenten werden zustimmend zur Kenntnis genommen. Vorsteher Herr Gottlieb Taussig referirt über die Nothwendigkeit der Herstellung einer Amtswohnung im Gemeindehause, XV., Turnergasse 22, für den Rabbiner Herrn Or. Jonathan Wolf. Die Kosten für die erforderlichen Adaptirungen werden genehmigt. Schließlich werden die in den Sommermonaten vom verstärkten Vertreter-Collegium gefassten Beschlüsse im Sinne des 8 26, 11t. o des Statutes nachträglich genehmigt. Schluss der Sitzung 8 Uhr Abends. Jonathan Eibenschitz. Von Dr. M. L. Stern, Ung.-Brod. (Fortsetzung.) Die Sabbathianer hatten, wie wir schon wissen, Eibenschitz nicht für sich gewinnen können, aber der Name an und für sich auch ohne die Person war schon für sie von großem Werthe, und den konnte man sich ja eigenmächtig, ja sogar gegen den Willen dessen, der den Namen trägt, zuschreiben. Die Sabbathianer rühmten sich Alle, Eibenschitz sei einer der Ihrigen, sie zeigten kabbalistische Handschriften, die er verfasst hätte und die die sabbathianische Hauptlehre, Schilusch, Trinitätslehre vom dreieinigen Gotte enthielten. Auch Grätz vindicirt dem R. Jonathan Eibenschitz diese Trinitätslehre, aber nicht etwa auf Grund authentischer Schriften des Eibenschitz, sondern auf Grund der Aeußerungen eines Schülers des Eibenschitz, der in Pressburg zur Darstellung brachte, wie ihm einst Eibenschitz den Unterschied zwischen der sabbathianischen Trinitätslehre und den dem Anscheine nach gleichlautenden Anschauungen des Sohar definirte. Also eine nicht gut controlirbare Verlegenheitsantwort auf eine heikle Frage wäre der ganze Beleg. Was Wunder, dass jetzt einige der Frommen beunruhigt wurden. Moses Chages, unterstützt von Chacham Zewi in Amsterdam, erhob kühn die Forderung, dass der erste Rabbiner Prags, der gefeierte Lehrer tausender Schüler, gleich den anderen Sabbathianern in den Bann gethan, als Mummor, Ketzer und Abtrünniger geächtet und gebrandmarkt werde. Nur die Besonnenheit der andern maßgebenden Zeitgenossen hat das Entsetzliche gehindert. N. Jonathan, der in seiner Gutmüthigkeit und sanften Art sonst alle krankhaften Geistesströmungen der Heilung der Zeit lieber überließ, ward jetzt durch diese neue Verruchtheit der Sabbathianer derart aufgebracht, dass er selbst eine harte Bannformel gegen sie im Einvernehmen mit den übrigen Prager Rabbinern verfasste und diese bei offener Bundeslade in der Synagoge öffentlich verkündete. Nur der Oberrabbiner David Oppenheim, der sich schon seit langem vielfach zurückgesetzt fühlte, hatte sich von dem ganzen Vorgehen ausgeschlossen. Aus der damaligen Zeit dürfte sich ein kleines, aber pikantes Halachaduell zwischen Eibenschitz und Chacham Zewi herdatiren. Es betrifft die sattsam bekannte Herzfrage, besser die der Herzlosigkeit, nämlich der Thiere. Diese Frage war von Chacham Zewi gekommen. Ein Mädchen brachte ihm ein Huhn, in welchem kein Herz zu finden gewesen ist. Chacham Zewi starrt lange auf das merkwürdige Huhn, endlich aber blitzt es in seinen Augen auf, und er verlangt von dem Mädchen zu wissen, ob bei Eröffnung des Huhnes nicht irgend ein Hausthier gegenwärtig gewesen wäre. O ja, bescheidet das Mädchen, Katze und Hund balgten sich um die ihnen hingeworfenen Eingeweide. O dann, beschied ChachamZewi, mögetJhr das Huhn nur seelenruhig genießen; während Ihr nach Art der Frauen gemüthlich mit einander plaudertet, hat.sicher eines der Thiere das Euch fehlende Herz erhascht und verzehrt. Chacham Zewi erklärte aber daraufhin in Gelehrtenkreisen: Wenn mir ein solcher Fall noch einmal Vorkommen sollte und es wären hundert Zeugen da, dass sie alle recht gut Acht hatten, dass kein Thier dagewesen sei, und ein Herz sei dennoch nicht gefunden worden, so würde ich das Huhn dennoch dem Genüsse freigebeu, da mir das Naturgesetz, nach welchem ein Huhn ohne Herz auch nicht eine Secunde hätte leben können, mehr gilt, als die Aussage oder Achtsamkeit selbst solcher hundert Zeugen. Dagegen erklärte nun Eibenschitz, dass dieser letztere Ausspruch etwas stark sei, und die Aussage von hundert oder auch nur zwei Zeugen könne halachisch keineswegs so einfach beiseite geschoben werden. Was jedoch das Naturgesetz anbelange, so sei die Frage gerecht, ob ChachamZewi dieses gar so zuverlässig kenne. Die wichtigsten Organe können so umgeformt sein, dass man sie als solche gar nicht mehr erkenne. Die Functionen des Blutkreislaufes können auch eventuell von einem Gebilde versehen werden, das dem Laien gar nicht mehr als Herz erscheine. In dem Falle könnte das Huhn gelebt haben und doch rituell ungenießbar sein. Diese Möglichkeit sei ja auch hinsichtlich der Galle bereits halachisch anerkannt, für die Entscheidung jedoch seien die Umstände betreffs der Galle von denen beim Herzen verschieden. Dass dieser halachifche Streit etwas mehr Staub seiner Zeit anfgewirbelt hatte, beweist der Umstand, dass Eibenschitz Universitätsgutachten zur Erhärtung seiner Behauptung einzuholen, sich veranlasst fand. Jakob Emden, der Sohn des Chacham Zewi spricht auch späterhin in seiner Streitschrift Hishabkuth mit Bitterkeit und gekränktem Gefühle von dieser Controverse. Die Prager Glanzperiode sollte aber noch viel peinlicher für Eibenschitz abschließen, Prag und ganz Böhmen waren zu jener Zeit von der Noth der schlesischen und siebenjährigen Kriege heimgesucht, was Eibenschitz für die Juden bei den Preußen und Franzosen durchsetzen konnte, um das hat er sich redlich bemüht. Er war der befähigtste und berufenste Mann hierfür, verstand es sehr wohl, sich in solch hochstehenden Kreisen zu bewegen, aber es ist ihm übel aasgeschlagen. Anflanrer, Verläumder und Angeber hatten sich schon früher gegen ihn anlässlich seiner geplanten Talmndausgabe geltend gemacht. Diese seine Gegner waren auch jetzt noch nicht ausgestorben und ihren Frevel darf man Eibenschitz gewiss nicht zur Last legen. Diese schwärzten ihn bei den österreichischen Behörden an und beschuldigten ihn des Hochverrathes mit den Feinden. Fluchtartig mit Zurücklassung seiner Familie hielt es Eibenschitz für gerathen, Prag zu verlassen und in Metz, seinem neu erworbenen Rabbinate, einzuziehen. Doch der gegen ihn gezückte Stahl kehrte sich nur zu bald gegen seine Urheber und unglücklicherweise auch gegen so viele tausende Unschuldiger. Der angebliche Hochverrath wurde von den österreichischen Behörden leichten Herzens allen Juden aufgebürdet, und die erregte Kaiserin Maria Theresia gab in Folge dessen jenes schauerliche Ausweisungsdecret, welches alle Juden aus Böhmen und Mähren verbannte. 20.000 Juden hatten auch thatsächlich Prag schon verlassen müssen, durften in keiner Stadt des Landes ans-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.