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Die Wahrheit · 1899-09-22 · Heft 30 (22.9.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 30 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30. Die Wahrheit Seite 5. deutsche, aber nicht die einheimische Industrie. Die deutschen Fabrikanten wissen davon ein Lied zu singen. Auch was von der Lohndrückerei der Eingewanderten gesagt wird, hat sich nicht als stichhältig erwiesen. Aber auf die Voltsstimmung haben derlei sachliche Erwägungen nun einmal keinen Einfluss. Man wird sonach Alles thun müssen, um die Judenwande^ rung von den Ländern des Westens fernzuhalten. Denn so wie England und Amerika werden sich über kurz oder lang auch die übrigen Länder verhalten. In Länder mit geschlossener Nationalität kann man den Strom der wandernden Inden nicht ohne dieses Risico ablenken. Länder ohne geschlossene Nationalität finden wir aber nur im türkischen Orient mit seinem Conglomerat von verschiedenartigen Nationalitäten und Secten. In den thatsächlich türkischen Provinzen des Orients ist den Juden die Einwanderung allerdings untersagt, und überdies sind die dortigen Rechtsverhältnisse und der Mangel an Sicherheit für eine solche wenig verlockend. Die Insel Cypern dagegen, die thatsächlich englischer Besitz ist, vereinigt in dieser Hinsicht alle nur erdenklichen Vortheile. Außer einer geordneten europäischen Regierung hat sie denkbar friedlichste Bevölkerung, den besten Boden und das beste Klima. Haben die Vereinigten Staaten von Nordamerika in den letzten 20 Jahren über eine Million jüdischer Einwanderer ausgenommen, so bietet Cypern Raum für die Million wandernder Juden, mit der wir aller Wahrscheinlichkeit nach für die nächsten 20 Jahre zu rechnen haben. "Wenn diese Wanderung nicht weiter in die bereits mit Juden überfüllten Länder des Westens geht, so ist damit die Möglichkeit gegeben, dass in diesen Ländern die Judenfrage zur Ruhe kommt, und dass die Juden sich dort assimiliren können, soweit sie es wollen und müssen, um nicht als ein fremdes, störendes Element empfunden zu werden. Haben dann die im Westen eingewanderten Juden in einem zwanzigjährigen Zeitraum sich als friedliche und brauchbare Staatsbürger erwiesen, so ist kaum auzunehmen, dass nach dieser Erfahrung die einmal zur Ruhe gekommene Frage später wieder auftauchen wird. Und reicht diese zwanzigjährige Periode nicht hin, so ist die Aufnahmsfähigkeit Cyperns mit der angenommenen Ziffer von einer Million noch keineswegs erreicht, und übrigens kann ein Aufblühen Cyperns durch die jüdische Einwanderung nicht ohne Einfluss bleiben auf die benachbarten Länder, so dass diese Gebiete für eine weite Zukunft als Aufnahmegebiet für die wandernden Juden ausreichen werden. In diesem Sinne sieht der Urheber des Cypernplanes in seinem Project einen wichtigen Schritt zur Lösung der „Judenfrage." Es könnte fraglich sein, wie die Herren der Insel, die Engländer, sich diesem Project gegenüber verhallen werden. — Wer jedoch englische Verhältnisse kennt, wird sich klar darüber sein, dass England ein doppeltes Interesse, den Plan zu fördern, hat: erstens, um einer weiteren Uebervölkerung des Londoner East-End vorzubeugen — und zwar möglichst ohne eine Fremden- Bill, die den britischen Traditionen in's Gesicht schlagen würde, und zweitens, um die Insel Cypern, die im Vertrage von San Stefano 1878 mit großen Erwartungen und Versprechungen übernommen wurde, auch thatsächlich zu einer neuen Blüte zu bringen. Das ist auf die bisherige Weise nicht möglich gewesen. Es fehlen in Cypern die Menschen, die die reichen Hilfsmittel des Landes entwickeln — industriell veranlagte, unternehmende Leute, als welche sich in England und in Amerika die eingewanderten Juden in hohem Maße bewährt haben. Die eben ausgeführten Ideen sind in letzter Zeit von Juden in hervorragender Stellung und von großem Einfluss aufgegriffen worden, und es sind bereits Vorarbeiten im Gange, die eine baldige Realisation dieser Bestrebungen erhoffen lassen. Die Eingangs erwähnte Gegenüberstellung dieses Projectes mit den zionistischen Bestrebungen ist insofern noch von actuellem Interesse, als in letzter Zeit Nachrichten cursirten, nach denen der Erfolg der zionistischen Bewegung einigermaßen in weite Ferne gerückt erschien. Sollten diese Nachrichten, wie von zionistischer Seite eingewendet wird, nicht auf zuverlässigen Informationen beruhen, so müssen doch selbst die Führer der Bewegung zugestehen, dass sie in Bezug auf den Zeitpunkt ihres Erfolges noch nicht in der Lage sind, irgendwelche positiven Angaben zu machen. Diese mangelnde Ausführbarkeit der zionistischen Bestrebungen in der Gegenwart schließt aber gerade die Betheiligung der thatkräftigen Elemente aus, deren Sinn hauptsächlich auf das heute Erreichbare gerichtet ist. Wenn der Zionismus als eine nationale Bewegung sich heute schon auf eine breitere nationale Basis stellen würde, dann könnte er diese thatkräftigen Elemente sofort auf seine Seite bringen. Diese breitere nationale Basis würde vor Allem ein größeres Landgebiet erfordern, als das kleine Stammland Palästina, das nach sehr weitherziger Schätzung in absehbarer Zeit keine zwei Millionen Menschen aufnehmen kann. Das Einbegreifen der Insel Cypern aber in den noch sehr neuen Begriff des „größeren Palästina" bietet die sofortige Möglichkeit einer Action — und dass eine sofortige Action nothwendig ist, haben wir oben gezeigt. — In Cypern können die Juden Gelegenheit finden, sich in allen Berufsarten zu bethätigen. Das bisher vernachlässigte und zurückgebliebene Land wird aufblühen, und hier zum erstenmale in der neueren Geschichte wird der Werth jüdischer Arbeit und jüdischer Leistungsfähigkeit allseitig anerkannt werden müssen. Diese Anerkennung jüdischer Arbeit aber wird überall auf der weiten Welt zu einer neuen Auffassung vom Werth des jüdischen Elements und einer unausbleiblichen Rehabilitation desselben führen. Eine weniger günstige Beurtheilung erfährt das Cypernproject in der „Allg. Ztg. d. Judenth.", wo Herr W. Bambus auf die verunglückten Colonisationsversuche auf Cypern in den Jahren 1883, 1885 und 1891 hinweist. Ueber den Erfolg des letzten Versuches eines Londoner Ahawath-Zion-Vereines im Jahre 1897 lässt sich dermalen noch kein Urtheil abgeben. Nach eingehender Erörterung des Triesch'schen Projectes, in welcher die beiden Behauptungen, dass erstens Cypern für eine Million Juden Platz böte und zweitens die englische Verwaltung in der Lage sei, herrenloses Land im großen Stile an jüdische Colonisten zu verschenken, als phantastisch und irrig hingestellt werden, gelangt der Autor zu folgendem Resumo: „Würde man heute auf die Vorschläge des Herrn Triesch, die jeder festen Basis entbehren, eingehen, so würde man nur die Oeffentlichkeit irreführen und in unseren leicht erregbaren Brüdern im Osten neue trügerische Hoffnungen erregen, die dann zu einem Krach a la Midian führen müssten. Ich spreche nicht gegen eine Colonisation in Cypern; im Gegentheil, eingehendes Studium der einschlägigen Litteratur hat mich zu der Ueberzeugung geführt, dass die Verhältnisse in Cypern denen in Palästina ähnlich sind, obwohl sie gegenüber dem heiligen Lande den großen Nachtheil aufweisen, dass es fast gar keine Städte gibt, und die vorhandenen sehr klein sind, es mithin an einer einheimischen Bevölkerung fehlt, welche die Producte des Ackerbaues consumiren kann. Aber von einer Colonisation im großen Stile kann keine Rede sein, und die Kosten der Colonisation sind höher, deren Chancen geringer als in Palästina. Wohl können einige Dörfer mit Aussicht auf Erfolg gegründet werden, allein ein solches Unternehmen erfordert gründliche Studien und Vorarbeiten, die dem Projecte Triesch zur Zeit gänzlich fehlen." Ä.us der Wiener Cultnsgemeinde. Aus der Plenarversammlung des Vorstandes der israelitischen Cultnsgemeinde vom 12. September 1899. Vorsitzender Herr Vicepräsident vr. Gustav K o h n. Beginn der Sitzung 5 V2 Uhr Abends. Der Vorsitzende bemerkt, dass Präsident, kaiserlicher Rath Heinr. K l i n g e r, durch Unwohlsein verhindert ist, der Sitzung beizuwohnen, und begrüßt in dessen Namen die von dem Sommerurlaube rückgekehrten Vorstandsmitglieder. Im Präsidialberichte bringt der Vorsitzende zur Kenntnis, dass anlässlich des Gedenktages

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