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Die Wahrheit · 1899-09-22 · Heft 30 (22.9.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 30 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 30. aber meine Jugend fällt in eine freiheitliche und aufgeklärte Zeit. Alle meine Gymnasial-Lehrer sind katholische Geistliche gewesen, und niemals habe ich aus ihrem Munde auch nur die leiseste Andeutung davon vernommen, dass sie dem Judenthum oder den Juden „Ritualmord" zur Last legen würden. Wie sollten sie auch? Sie kannten ihre Kirchenväter und wussten, wie Athenagoras vor Kaiser Marc Aurel und dessen Sohn Commodus die Christen gegen die Verleumdung des Kinderschlachtens in Schutz nehmen musste, dass Origines gegen dieselbe von dem heidnischen Philosophen Celsus vorgebrachte Beschuldigung auftrat. Desgleichen wussten sie von den Aeußerungen des Märtyrers Byblias bei Eusebius, von Minucius Felitz und Tertullian u. s. w., die alle ihre christlichen Glaubensgenossen gegen die Anklage des „Ritualmordes" vertheidigen. Dies Alles, meine ich, ist jetzt Jedem bekannt, der den Ursprung und die Unstichhältigkeit dieser seltsamen Beschuldigung kennen will, und wenn jetzt wieder von antisemitischer Seite der Polnaer Process dazu fructificirt wird, um den Juden Eins am Zeuge zu flicken, so würde ich deswegen kein Wort verlieren. Man weiß, wessen man sich von den Antisemiten zu versehen hat und wie hoch ihre Wahrhaftigkeit anzuschlagen ist. Noch weniger kann es mir beifallen, meine Religion, der die Menschheit den Monotheismus und die zehn Gebote, also auch das Gebot „Du sollst nicht tödten" verdankt, gegen die Anklage des „Ritualmordes" auch nur mit Einem Worte in Schutz zu nehmen. Ich würde mich schämen, Jude zu sein, und würde es keinen Augenblick länger bleiben, wenn in irgend einer biblischen oder rabbinischen Schrift diese Scheußlichkeit gelehrt oder gebilligt würde, ja wenn ich auch nur wüsste, dass das Judenthum jemals eine Secte, sei auch die Zahl ihrer Anhänger noch so klein, aus sich geboren hätte, die den Mord irgend eines Menschen, noch dazu zu religiösen Zwecken, gutheißen und von Menschenblut einen ritüeÜen Gebrauch machen würden. Ich glaube, ich kenne mein Judenthum vielleicht besser, als die Antisemiten ihr Christenthum, und ich fürchte nicht, dass man mich beim Worte haltend, mich so bald durch Beweise zwingen wird, meinen Glauben aufzugeben. Was mich aber zu diesen Zeilen und zu der Bitte, dieselben in Ihr geschätztes Blatt aufzunehmen, drängt, ist.mein österreichischer Patriotismus. Vor acht oder zehn Jahren war in dem Wallfahrtsorte Kalwarya ein Bild mit der Schilderung eines „Ritualmordes" ausgestellt. Dieser für die Juden Galiziens bedrohliche Umstand veranlasste den verstorbenen Präsidenten des israelitischen Cultusvorstandes, Gustav Simon, den Gemeinderath und jetzigen Vorstands-Vicepräsidenten vr. Alfred Stern und mich, den damaligen Justizminister Se. Excellenz Herrn Grafen Schönborn um eine Audienz zu ersuchen, in welcher wir ihn darum baten, die Ausstellung jenes Bildes einstellen zu lassen. Ich erlaubte mir damals an den genannten Herrn Justizminister folgende Ansprache zu richten: „Excellenz! Ich komme in erster Linie nicht als Ober- Rabbiner, nicht einmal als Jude, sondern als österreichischer Staatsbürger. Wenn die Staatsverwaltung wüsste, dass in einer ihr unterstehenden Schule das ptolemäische Sonnensystem statt des kopernikanischen gelehrt würde, so würde sie gewiss dagegen einschreiten. Denn es ist ein wichtiges Staats-Interesse, die Verbreitung irriger Meinungen und falscher Vorstellungen, auch wenn sie die Sittlichkeit nicht berühren, zu verhindern. Die Wahrheit muss um ihrer selbst willen gepflegt werden. Um wie viel gefährlicher ist es aber, die böswillige, gegen die Juden gerichtete Beschuldigung des „Ritualmordes", unter welcher schon die ersten Christen so viel gelitten haben, in der Bevölkerung sich fortfristen zu lassen. Die Lüge schadet nicht blos Denen, gegen die sie verbreitet wird, sondern auch Denen, die sie für wahr halten, und so, glaube ich, ist es nicht blos im Interesse der Juden, sondern auch für die Reputation Oesterreichs, für das Bildungs- Niveau seiner Gesammtbevölkerung von höchster Wichtigkeit, dass der Fructificirung des jüdischen „Ritualmordes", der freilich kein „Märchen", sondern die schändlichste Lüge ist, entgegengetreten werde." Dies erlaubte ich mir damals dem Herrn Justizminister zu bemerken. Eine Application machte ich von dieser Bemerkung nicht, sie ist anderswo gemacht worden, und ich glaube, dass das Ansehen Oesterreichs in der Welt dadurch nicht gewinnen wird, wenn es zunächst auch nur die Juden sind, die dabei verlieren". _ Das Colomsatious-Project auf Cypern. Auf dem letzten Zionisten-Congress in Basel wurde bekanntlich das Project, jüdische Colonien auf der Insel Cypern zu gründen, fast einstimmig abgelehnt, aber trotzdem bemüht sich der Anreger dieser Idee, Herr D. Triesch aus New-Iork, der sich gegenwärtig in Berlin aufhält, in England und in Deutschland für das Cypernproject Stimmung zu machen und die Discussion über diese Frage in den jüdischen Blättern rege zu erhalten. So plaidirt er im Breslauer „Jüdischen Volksblatt" unter dem Schlagworte „Das größere Palästina" für die Ansiedlung von Juden in Cypern, wodurch seiner Anschauung nach eine Lösung der Judenfrage herbeigeführt würde. Der Kern dieser Frage liegt für ihn in der Judenwanderung, die sich nach den Ländern des Westens ergießt und dort bereits anfängt, ernstliche Schwierigkeiten im Gefolge zu haben. England und Amerika beginnen schon jetzt, sich einer weiteren jüdischen Einwanderung gegenüber ablehnend zu verhalten. Wenn auch die dahinzielenden Bestrebungen nicht sobald Gesetzeskraft erhalten sollten, so sind doch vielfach Anzeichen dafür vorhanden, dass die . Bevölkerung der genannten Länder über kurz oder lang ihre Antipathie gegen diese Einwanderung in unzweideutiger Weise zu erkennen geben wird. Seit Monaten erhalten wir Nachrichten von Excessen gegen die Juden, die sich gerade in den stark von Juden bevölkerten Theilen New-Iorks und Brooklyns abspielten, und in London haben sich gewisse Blätter daran gewöhnt, Vorkommnisse des jüdischen East-End in gehässiger Weise breitzutreten. Sehr lehrreich sind in dieser Beziehung die Ausführungen des bekannten englischen Autors Arnold White in der amerikanischen Wochenschrift „Harpers Weekly". „Es ist nicht schwer zu sehen" — schreibt White, „dass ein neues Problem sich in den großen Städten herausbildet, welches, auch wenn es noch nicht gebieterisch nach einer Lösung drängt, doch gelöst werden wird, und zwar durch andere Mittel als die Gesetzgebung — es sei denn, dass die Regierung und die anglisirte jüdische Gemeinschaft sich über einen vernünftigen Ausweg einigen." Diese „anderen Mittel als Gesetzgebung" sind die Mittel der Brutalität, die gewissen Volksschichten angelsächsischer Race näherliegen, als man sich vielleicht träumen lässt. Umsonst hat man den Nachweis zu führen gesucht, dass die beginnende feindliche Volksstimmung unberechtigt ist, dass die Eingewanderten den englischen Arbeitern keine Concurrenz machen, dass sie vielmehr erst Industrien eingeführt, die früher — als Industrien wenigstens — nicht bekannt waren. Bis vor wenigen Jahren haben zum Beispiel England und Amerika ihren Bedarf an Damenmänteln und Kürschnerwaaren vom Ausland beziehen müssen, erst russische Juden haben diese Industrien nach England und Amerika verpflanzt. Die Concurrenz, die sie dort machen, schädigt wohl die

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