Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 30 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DisIDatzrtzsit Redaction u. Administration: Wien, 11/ t, Novaragaffe 27. Unabhängige Zeitschrift fftt jüöische Bezugspreis: Ganzjährig.fl. g.— — Halbjährig.fl. 3.— K. k. österr. Postsparcassa Check-Conto Nr. 846.251. Inserate Internen. Für Lultusbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden achten Tag. Für Ausland: Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. Motto: „Das Siegel <3ottes ist Wahrheit!" Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 FrcS. Nr. 80. Wirn> 22. September 1899. Inhalt: Gegen den Ritnalmord. — Das Colonisations-Project aus Cypern. — Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Jonathan Eibenschitz. — Protest. — Feuilleton: Heimweh. — Eine neue Synagoge in Hamburg. — Der Vorsängerdienst der Israeliten nach seiner geschichtlichen Entwicklung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. Monnements-Eiuladnng. Wir ersuchen, das Abonnement für das mit nächster Nummer beginnende IV. Quartal rechtzeitig zu erneuern, damit die regelmäßige Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Die Administration. Gegen den Nitualmord. In Kuttenberg wurde vor einigen Tagen ein Process zu Ende geführt, in welchem ein Jude aus Polna angeklagt war, ein christliches Mädchen aus demselben Orte ermordet zu haben, und die Geschworenen haben den Angeklagten für schuldig befunden. Diese Thatsache ist an und für sich wenig geeignet, in einem jüdischen Blatte, dem die Vertretung speciell jüdischer Interessen obliegt, besonderer Beachtung gewürdigt zu werden. Nicht nur wir Juden, sondern auch alle ehrlich und vernünftig denkenden Christen sind davon überzeugt, dass Verbrechen und Confession mit einander nichts gemein haben, und darum kann es uns vollkommen gleichgiltig lassen, wenn ein Mörder zufällig einmal ein Jude ist, die Criminalstatistik weiß ohnehin von solchen Fällen nur äußerst selten zu erzählen. Auch die Frage, ob das Verdict einen Schuldigen oder Unschuldigen getroffen hat, die ja überhaupt aus Achtung vor dem Gesetze außer Discussion bleiben muss, braucht uns, vom konfessionellen Standpunkte betrachtet, nicht übermäßig zu erregen, denn es ist nicht unser, sondern ein eminent staatliches Interesse ist, abgesehen von der Person oder Confession des Angeklagten, die Wahrheit zu suchen und Gerechtigkeit zu üben. Aber wogegen wir uns mit aller Entschiedenheit wenden müssen, das ist das nichtswürdige Treiben der Antisemiten, die bei jeder Gelegenheit die alte Blutlüge wieder aufzuwärmen suchen und auch dem Polnaer Mädchenmorde religiöse Motive unterschoben. Noch gefährlicher als die monatelange Wühlarbeit des antisemitischen Actionscomitä's außerhalb des Gerichtssaales dünkt uns das Auftreten des antisemitischen Parteienvertreters Di. Baxa im Verlaufe des Processes, der Alles darauf anlegte, für den Begriff des Ritualmordes gewissermaßen eine proceffuale Bescheinigung zu erlangen, und leider müssen wir gestehen, dass er trotz der musterhaften Objectivitat des Gerichtspräsidenten nicht nur die Köpfe der Zeugen und Sachverständigen zu verwirren, sondern auch Staatsanwalt und Geschworene für den von ihm vertretenen Standpunkt einzunehmen wusste. Welch' ungeheueren Nachtheile und welch' gefährliche Folgen die Verbreitung solch' wahnwitzigen Aberglaubens nach sich ziehen, ist gar nicht zu ermessen, und darum muss jeder Jude, der die Ehre seiner Religion hochhält, gegenüber dieser ruchlosen Vergiftung des Volksgeiftes seine warnende Stimme erheben und an alle Jene appelliren, die in der allgemeinen Verwirrung den gesunden Verstand und das moralische Gefühl noch nicht verloren haben. In diesem Sinne begrüßen wir den an anderer Stelle veröffentlichten Protest der Wiener Cultusgemeinde und die Enunciation des Ober- Rabbiners vr. M. Güdemann, der in der „Neuen Freien Presse" nachstehende Erklärung abgegeben hat: „Geehrter Herr Redacteurl In Polna ist ein Jude der Betheiligung an dem Morde einer Christin schuldig erkannt worden. Während der Verhandlung ist das Wort „Ritualmord" zwar nicht ausgesprochen worden, aber diese alte Beschuldigung der Juden wird wieder lebendig. Ich erhalte soeben von der Redaction der in Petersburg erscheinenden jüdischen Zeitung „Woschod" eine telegraphische Anfrage, was Wahres an einem in der „Nowoje Wremja" enthaltenen Telegramm sei, das von haarsträubenden Dingen berichte. In Polna sei der „Ritualmord" bewiesen, große Judenverfolgungen stünden bevor, die czechischen Juden flüchten massenhaft nach Wien, verschleudern ihre Güter u. s. w. So scheint ja neuerdings der Polnaer Process und sein „unausgesprochenes" Ergebnis derneueste österreichische Exportartikel zu werden. Ich persönlich erhitze mich darob nicht sehr. Dazu habe ich bis jetzt zu wenig Mittelalter mitgemacht. Vielleicht kommt es noch.