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Die Wahrheit · 1899-09-11 · Heft 29 (11.9.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 29 (11.9.1899)
Date
1899-09-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.-ungcrr. Actntoren-Aeilung. Nr. 29. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19. Jahrg. Der Vorsällgerdieilst der Israeliten nach seiner geschichtlichen Entwicklung. Eine der schönsten Himmelsgaben, mit welchen das menschliche Leben geschmückt und gesegnet wurde, ist unstreitig die der Musik. Blicken wir in unser eigenes Innere und fragen wir uns, was wir empfunden, wie wir tief gerührt, aber auch hoch entzückt wurden, wenn wir derselben unser Ohr geliehen haben. Die Allgewalt der Musik vermag das niedergebeugte Gemüth aufzurichten, sie verleiht Muth und Kraft dem Zagenden, lässt Liebe und Freundschaft und in deren Gefolge Ruhe und Zufriedenheit erblühen, und zieht unaufhaltsam den Sinn zum Ewigen hin, dass beglaubigter und begeisterter das Herz seine Bitten und Lobgesänge zum Himmel erhebt. Wenn nun schon die Musik die edelsten Empfindungen in einem hohen Grade zu erregen, ja bis zur Leidenschaft zu entflammen vermag, wenn sie die Gemeinschaft, die Brüderlichkeit, die Humanität und Moralität zur hohen Stufe treiben kann, und Herder Recht hat, wenn er sagt: „Ein Chor Musicirender ist eine Gesellschaft Brüder, er fühlt sich im Strome der Musik als eine Seele, ein Herz", so wird die magische Wirkung desselben in Verbindung mit Poesie noch erhöht, so dringt sie in diesem Vereine noch gewaltiger in die geheimnisvollen Tiefen des Herzens, trägt den Geist wunderbarer noch auf seinen Schwingen empor, mit allumfassender Macht das Innere des Menschen leitend, den Sinn belebend, das Gefühl bewegend, die Empfindung nährend und sie bis zur hohen Begeisterung treibend, emportragend über das Reich des Sichtbaren und versetzend in das der Ahnungen und himmlischen Gefühle. Denn, wenn die Musik durch den Rhythmus, die Melodie und Dynamik wirkt, wirkt das Lied noch außerdem durch die poetische Rede, und so wird, was in ihm noch unverständlich ist, erst durch sie zum vollen, klaren Bewusstsein erhoben, ein Umstand, der ganz besonders die Eindringlichkeit in das Gemüth fördert; und der schon die Alten aller Völker veranlasst hat, die Poesie, und namentlich die lyrische, in welcher der Dichter sein inneres Leben im Zustande des bewegten Gefühls darstellt, mit der Musik zu vereinigen und sie dadurch um so unwiderstehlicher zu machen. Darurn aber, weil der Gesang ein so vorzügliches Geschenk des himmlischen Vaters ist, ein Vorzug, der keinem lebenden Geschöpfe außerdem verliehen wird, gereicht es auch dem Menschen zur Pflicht, ihn, wie jede gute Gabe Gottes, zum Ruhme seines Schöpfers anzuwenden. Der Gesang ist ein würdiges Mittel, unsere Bitten dem Allerhöchsten vorzutragen, in Liedern unfern Dank ihm entgegenzujauchzen, durch Gesänge ihm unser ganzes Herz zu eröffnen." Der Gesang soll uns als ein kräftiges Mittel zur Erweckung wahrer Andacht und Frömmigkeit dienen; ja, da findet derselbe erst recht seine eigentliche Bestimmung erfüllt, wo er in feierlichen Klängen sich dem Lobe Gottes widmet, und Tausende und Abertausende durch ihn zum Höchsten hingezogen werden. — So weit wir darum auch unsere Blicke in die Vergangenheit des Judenthums richten, begegnen wir immer der Anwendung des Gesangs beim öffentlichen Gottesdienste. Auch andere Religionen förderten zu religiösen Zwecken den Gesang. Schon in den ältesten Zeiten war den Chinesen der religiöse Gesang bekannt, der jedoch nur in den Händen der Mandarinen blieb. In Griechenland stimmte das Volk den Göttern zu Ehren Hymnen und Püanen an, welche man von Kindheit an erlernte. Alle Volkslegenden wurden von den Rhapsoden im Gesänge vorgetragen; alle Orakelsprüche wurden von den Priestern singend ertheilt. Bei den nordischen Heiden war dies göttliche Geschenk hauptsächlich das Eigenthum der B a r d e n, welche theils geschichtliche, theils religiöse Stoffe im Gesänge mittheilten. Besonders liebten die C h r i st e n den Gesang bei ihrem Gottesdienste, bei welchem er einen wesentlichen Theil bildete. Augustinus schildert die Wirkung geistiger Lieder mit den Worten: „Wie weinte ich doch über Deine Lobgesänge und Lieder, da ich recht heftig von den Stimmen Deiner wohlsingenden Gemeinde bewegt war. Diese Slimmen drangen in meine Ohren und wurde durch sie zugleich die Wahrheit in mein Herz eingeflößt; es entstand daher eine heilige Bewegung, meine Thränen flössen mit Haufen, und dabei ward mir recht wohl." C h r i s 0 st e m u s sagt in einem Vergleiche des Kirchengesangs mit der profanen Musik: „Diese beiden Gattungen sind so verschieden, wie die Chöre der Engel, deren Wohlklang die Sphären entzückt, von dem misstönenden Geschrei der Hunde und Schweine, welche im Kothe bellen und grunzen. Wenn die Flöten von ihren verzerrten Lippen ertönen, so geben die aufgeblasenen Backen und die verzerrten Lippen ihrem Gesichte ein grässliches Ansehen. Hier aber athmet Alles die Aumuth des Geistes Gottes. Wir werden es vergebens versuchen, sinnlichen, im Kothe lebenden Menschen die Anmuth dieser Melodie mit Worten zu beschreiben. Es müsste einer jener Sinnlosen hier gegenwärtig sein, um diesen heiligen Chor zu schauen und dann bedürfte es keiner Worte mehr." Luther sagt: „Wer die nuisierun verachtet, mit dem bin ich nicht zufrieden, denn es ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk. So vertreibt sie auch den Teufel und macht die Leute fröhlich. Man vergisst dabei alles Zornes, Unkeuschheit, Hoffart und andere Laster. Ich gebe nach der Theologie der Musica den nächsten loenm und höchste Ehre." In dessen Gedichte „Frau Musica" heißt es: „Hier kann nicht sein ein böser Muth, — wo da singen Gesellen gut. — Hier bleibt kein Zorn, Zank, Hass noch Neid, — weichen muss alles Herzeleid, — Geiz, Sorg' und was sonst hart anleit, — Führt sie mit aller Traurigkeit." Basilius sagte: „Der Gesang ruft auch aus steinernen Herzen Thränen hervor; daher gebraucht die Kirche die Musik, um durch den Reiz dem sonst zum Guten trägen Herzen das Wort der Wahrheit unvermerkt in's Herz zu flößen. Die Musik dient zur Verherrlichung Gottes und zur Erbauung des Menschen." Damit stimmen auch alle Pädagogen überein. Ich führe nur zwei weniger bekannte hier an: Dr. Jakobi in seiner Deutschen Schulmethodik, I., Seite 10~>: „Der Gesang ergreift

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