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Die Wahrheit · 1899-09-11 · Heft 29 (11.9.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 29 (11.9.1899)
Date
1899-09-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 29. Die Wahrheit. Seite 7. trete besonders im Strafausmaße zu Tage, durch welches der Regierung die Möglichkeit geboten werden sollte, Dreyfus, welcher bereits fünf Jahre Deportation abgebüßt hat, auf Grund des Gesetzes im Gnadenwege freizulassen. — Noch größere Erbitterung ruft das Urtheil im Auslande, besonders in Italien, England, in den Vereinigten Staaten hervor. Von allen Kanzeln in London wurde am Tage nach der Verurtheilung auf das Land hingewiesen, wo die Gerechtigkeit keinen Platz mehr hat. Die gesammte Presse bezeichnet das Urtheil von Rennes als Frankreichs moralisches Sedan. In den Vereinigten Staaten nimmt die Entrüstung gegen Frankreich die heftigsten Formen an. Die französischen Fahnen wurden an vielen Orten öffentlich verbrannt. Fabrikanten entlassen sämmtliche französischen Arbeiter. Allseits wird ein allgemeiner Boycott der Weltausstellung verlangt. Der Mädchenmord in Polna. Nächsten Dienstag beginnt vor dem Kuttenberger Schwurgericht der Process gegen Leopold Hilsner wegen Mordes an der 19jährigen Anna Hruza, den er im Walde „Brzezina" bei Polna mit bisher unbekannten Mithelfern begangen haben soll. Wie uns aus Kuttenberg berichtet wird, herrscht in der Bevölkerung große Erregung, die durch gewissenlose Agitatoren genährt wird. Sämmtliche für diesen Monat ausgelosten Geschwornen erhielten aus Berlin Broschüren zugeschickt, die von Ritualmord handeln und gestern wurde in Kuttenberg ein Mann dabei betreten, wie er mit diesen von der Staatsanwaltschaft verbotenen Broschüren von Thür zu Thür hausiren ging. Der Mann wurde angehalten, entfloh jedoch, ohne dass seine Identität festgestellt werden konnte. Vorgestern meldete sich der Polnaer Schlossermeister Petrusch als Belastungszeuge. Der Vertheidiger Hilsner's, Dr. Zdenko Aurednicek, hat in Folge dessen die Vorladung von weiteren 33 Zeugen beantragt. Der Process dürfte weit größere Dimensionen annehmen, als ursprünglich vermuthet wurde. Die Mutter der Ermordeten, die verwitwete Häuslerin Marie Hruza, tritt als Privatbetheiligte auf und wird durch den czechischen Abgeordneten Dr. Baxa Ersatzansprüche stellen, da sie in ihrer Tochter ihre Ernährerin verloren hat. Kürzlich wurde an wohlhabende Persönlichkeiten ein als vertraulich bezeichnetes, anonymes Circular versendet, welches zu Sammlungen für Frau Hruza auffordert und in welchem unter Anderem ausgeführt wird, dass „man sich selbst bemüht habe, alle belastenden Beweise aufzufinden und die ganze Untersuchung auf das sorgsamste überwacht habe". Wie uns aus Kuttenberg berichtet wird, ist der Vertheidiger des angeklagten Hilsner, Dr. Aurednicek, der gestern einen Localaugenschein in Polna vornahm, um sich zu informiren, dort Insulten ausgesetzt gewesen. Er wurde auf Schritt und Tritt von Leuten verfolgt und an der Mordstätte im Walde Brzezina vom Polizeicommissär Gemeinderath Pujmann, den ein Wachmann in Uniform begleitete, zur Ausweisleistung aufgefordert. Auf dem Katharinenberg wurde der Advocat neuerlich von zahlreichen Männern angehalten, unter denen sich auch der Vormund der ermordeten Hruza mit einem Wachmann befand. Auf Befragen des Doctors Aurednicek, warum und mit welchem Rechte die Beanständung erfolge, sagte der Wachmann: „Jeder ist verdächtig, der die Judenstadt besucht." Unter Begleitung des Wachmannes gelangte der Doctor zum Hotel, wo die Menge eine drohende Haltung annahm. Bei der Abfahrt des Vertheidigers ertönte aus der Menge ohrenbetäubendes Geschrei. Die Menge schwang die Stöcke, drohte mit den Fäusten und lief noch eine Weile dem davonfahrenden Wagen nach. Der Vertheidiger wird auf Grund seiner gestrigen Wahrnehmungen die Vornahme eines gerichtlichen Localaugenscheines im Laufe der Verhandlung beantragen. Die jüdische Bevölkerung Polnas wagt sich seit Wochen nicht auf die Straße: zahlreiche Familien verließen den Ort gänzlich. Ministerwechsel in Preußen. Die Verwerfung der Canalvorlage hat, wie bekannt, eine theilweise Veränderung im preußischen Ministerium herbeigeführt, indem das Ministerium des Innern und das Cnltusministerium neubesetzt wurden. Ueber den Einfluss dieser Personalveränderungen auf die jüdischen Verhältnisse schreibt die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" Folgendes: „Der Ministerwechsel in Preußen, in den beiden für jüdische Angelegenheiten entscheidenden Ressorts ist natürlich für uns von großer Bedeutung. Der Minister des Inneren, Freiherr von der Recke von der Horst, hat seine Entlassung gegeben. Zu seinem Nachfolger ist der Regierungspräsident von Düsseldorf, Freiherr von Rheinbaben ernannt worden. Desgleichen ist Cultusminifter Dr. Bosse aus seinem Amt geschieden. Wir werden beiden Ministern keine Thrüne nachweinen. Die Amtsthätigkeit des ehemaligen Culiusministers hat zwei wichtige Thatsachen aufzuweisen, von denen die eine dem jüdischen Religionsunterricht der kleinen Gemeinden zu Gute kam, während die andere die jüdischen Lehrerinnen an den Gemeindeschulen benachtheiligte. Auf dem Gebiete des höheren Nnterrichtswesens gelangten Juden auch während dieser Zeit nur sehr selten zur Beförderung, dagegen erhielten viele den Professortitel. Der neue Cultusminifter, Oberpräsident Studt in Münster, ist als ein wohlwollender und gerechter Mann bekannt, der den Angelegenheiten der Juden in Westfalen stets ein sympathisches Interesse entgegenbrachte. Hoffen wir, dass die neuen Minister die bescheidenen Wünsche zu erfüllen in der Lage sein werden, die die Juden in Preußen zu hegen berechtigt und genöthigt sind. Der Papst gegen den Antisemitismus. In letzter Zeit tauchte wieder einmal eine Nachricht auf, die wohl schon oft verbreitet wurde, aber bisher niemals Bestätigung gefunden hat, nämlich dass der Papst die Absicht habe, gegen den Antisemitismus Stellung zu nehmen. Die römische Zeitung „Avanti" meldet in diesem Sinne aus vaticanischen Kreisen, dass der Papst unter dem Eindrücke der letzten Ereignisse im Dreyfus-Processe dem Verdacht, als wäre der Judenhass und die Judenhetze vom Vatican gebilligt oder geduldet, in einer Encyklica der antisemitischen Agitation entgegenzutreten beschlossen habe. Weiter habe Cardinal Rampolla den französischen Bischöfen im Aufträge des Papstes auf's Strengste und Entschiedenste die Pflicht eingeschärft, der antisemitischen Bewegung gegen die jetzige, vom heiligen Stuhl unterstützte Regierung der Republik mit allen Mitteln entgegenzutreten und jede Ueberschreitung des Verbotes seitens ihrer Diöcesanpriester strengstens zu ahnden. Gemeinde- und Veremsbote. Wien. Anlässlich des Sterbetages unserer unvergesslichen Kaiserin Elisabeth veranstaltete der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde Sonntag, den 10. d. M., 10 Uhr Vormittags, im Stadttempel einen Trauergottesdienst, an welchem der Präsident der Cultusgemeinde kaiserlicher Rath Klinger mit den Cultusvorstehern v. Mises und Rosner, die Tempelvorsteher Stiaßny, Wasservogel, Teltscher, Obercommissür Schnepp, Bezirksausschuss Waldstein und viele Gemeindemitglieder theilnahmen. Nach Vortrag des Sulzerischen Requiems durch Obercantor Singer mit dem Chorpersonale sprach Oberrabbiner Dr. Güdemann das Menuchoh nechaunoh und das Kaddischgebet. Die würdige Trauerfeier übte gerade durch ihre ganz besondere Einfachheit eine mächtige Wirkung auf die wehmuthsvoll gestimmte Versammlung aus. — Auch im Tempel der türkisch-israelitischen Gemeinde wurde Samstag über Anordnnug des Präsidiums das Seelengebet (Maskir) für die Kaiserin von Obercantor Bauer recitirt. Wien. Im Leopoldstädter Tempel der Wiener Cultusgemeinde hat am Vorabend des Neujahrsfestes, sowie an den beiden Nosch-Haschonoh-Tagen der erste Cantor, Herr M. Blatt, welcher seit dem Ableben Obercantor Goldstein's sämmtliche Functionen des ersten Cantors versieht, Maariw und Mussaph vorgebetet, und die zweiten Functionen wurden von Herrn Smotritzky verrichtet. Die Leistungen beider Functionüre fanden allgemeine Anerkennung, und namentlich Herr Cantor Blatt wurde beim Zerlassen des Omed vom Vorstande und von den Gemeindemitgliedern vielfach beglückwünscht.

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