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Die Wahrheit · 1899-09-11 · Heft 29 (11.9.1899) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 29 (11.9.1899)
Date
1899-09-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 29. Wie in Frankreich selbst spaltete sich auch in Elsass- Lothringen die öffentliche Meinung in eine dreyfusfreundliche und -feindliche, die erstere war allerdings von Anfang an stärker als jenseits der Vogesen; die ruhigeren, klarer urtheilenden Deutschen sahen die Befangenheit, die hier die Herrschaft führte, eher ein als die leidenschaftlichen, wahnbethörten Franzosen. Doch gab es in den franzosenfreundlichsten Kreisen auch solche, die an die Schuld des Dreyfus glaubten; in der klerikalen Partei des Elsass, die Frankreich noch am nächsten steht und zuweilen eine bedenkliche antisemitische Färbung zeigt, sind diese Antidreyfusards heute noch recht zahlreich. Diese Theilnahme der Elsässer, so wird der „Vossischen Zeitung" aus Straßburg geschrieben, hat gegenwärtig, wo jenes Drama mit dem Process in Rennes seinen Culminationspunkt erklommen hat, seine höchste Höhe erreicht. Wer in den letzten Tagen in Elsass lebte, konnte sich fast wieder in eine französische Provinz versetzt glauben. In einer Menge, wie seit Jahren nicht mehr, kamen die großen Pariser Zeitungen „Figaro", „Aurore", „Siecle" rc. in's Land; in Straßburg hörte man in Straßen und öffentlichen Localen von nichts mehr reden, denn vom Fall Dreyfus, und wer Morgens oder Abends durch die Straßen der Stadt wanderte, war Zeuge eines Lebens ähnlich dem auf den Pariser Boulevards; wie dort zungenfertige Camelots, so boten hier heiser geschrieene Dienstmänner Zeitungen feil, .Extrablätter, das Neueste von den Vorgängen in Rennes enthaltend. Mchts interessanter, als die Wirkungen zu verfolgen, die jene Enthüllungen, wie sie Schlag auf Schlag erfolgten, bei dem lebhaften Volke äußerten! Denn das Interesse an dem „Fall" war in Elsass-Lochringen durchaus nicht, wie etwa in der übrigen Welt, das des theilnahms- und leidenschaftslosen Zuschauers, so zu sagen ein rein pathologisches; jene hässlichen Vorgänge haben vielmehr hier zu Lande sehr reale und folgenreiche Wirkungen gehabt. Mchts hat in dem ganzen verflossenen Menschenalter so sehr dahin gewirkt, die Herzen der Elsass-Lothringer Frankreich zu entfremden, als diese unrühmliche Haupt- und Staatsaction. Seit mehr denn einem Jahrzehnt hat die sogenannte Germanisation des Reichslandes starke Fortschritte gemacht; man übersieht aber meist, dass die Entwicklung in Frankreich dazu fast mehr beigetragen hat als die deutsche Politik. Schon mit dem Boulangismus fing es an; bedenklich schüttelten die Elsass- Lochringer über die Unordnungen, die dabei zu Tage traten, die Köpfe. Der Schmutz, den die Panama-Affaire enthüllte, zeigte deutlich die Schäden, die am Lebensmarke des französischen Volkes fressen; sie erbitterte umso mehr, als durch diese Betrügereien zahlreich Elsass-Lothringer in Mitleidenschaft gezogen waren. Die Wirrsale des Dreyfus-Processes mit seinen unübersehbaren unseligen Folgen haben nun auch den verstocktesten Franzosenfreunden endlich die Augen geöffnet über den französischen Staat und das französische Volk. Wie kann man auf ein Heer noch Hoffnungen gründen, dessen Führung in so unzuverlässigen - Händen ruht, in dem die Jndisciplin so weit vorgeschritten ist, dass Officiere ihre Vorgesetzten ermorden? Wie kann man einem Staate noch anzugehören wünschen, der das Recht nicht mehr zu schützen, der im Innern nicht mehr Ordnung zu halten weiß, der mit einer Handvoll schamloser Aufrührer wie mit einer gleichwerthigen Macht verhandelt? Auch in den deutschenfeindlichen Kreisen bricht sich jetzt die Erkenntnis Bahn, dass eine Wiedereroberung Elsass - Lothringens durch Frankreichs eigene Kraft nicht mehr zu erhoffen, aber auch nicht mehr zu wünschen ist. Denn das gesteht sich auch der Befangenste ein, dass bei einem Vergleiche mit Deutschland Frankreich fast in jeder Hinsicht den Kürzeren zieht. Wahrlich, Frankreich hätte es gar nicht besser anfangen können, um die Elsass-Lothringer den Deutschen in die Arme zu treiben. Die ernsthafte französische Presse hat darauf auch oft hingewiesen, was aber gewisse Blätter nicht hinderte, den Elsässern, die man früher so oft umschmeichelt hatte, gelegentlich das freche Wort von den „elsässischen Verräthern" entgegenzuschleudern. Das war der Dank für die Treue, die man Frankreich bewiesen; man hat das im Elsass nicht vergessen. Ich glaube, dass viele Franzosen im Geheimen dieser Stimmung in Elsass-Lothringen sich mehr oder weniger bewusst sind, und dass die Gewissheit in den letzten Jahren Vieles dazu beigetragen hat, ihren Chauvinismus gegenüber Deutschland zu mildern. So hat denn der leidige „Fall Dreyfus", der nur schnödes Unrecht, mittelalterliche Grausamkeit zu offenbaren schien, von unserm Standpunkte wenigstens eine gute Wirkung gehabt: er hat in Elsass-Lothringen jene stille Germanisation, die sich an den Verstand und die Herzen der Einwohner wendet, und die unmerklich, aber stetig fortschreitet, wesentlich gefördert. Wochenschau. Der Todestag der Kaiserin. Gestern jährte sich zum ersten Male der Tag, an dem die Kaiserin Elisabeth dem wahnwitzigen Attentat eines ruchlosen Mörders zum Opfer siel, und noch ist die große und aufrichtige Trauer, die bei diesem Anlasse nicht nur unser Vaterland, sondern die ganze civilisirte Welt erfüllte, in frischer Erinnerung. In zahlreichen Wohlthätigkeitsarten haben die Völker Oesterreich- Ungarns das Andenken dieser wirklich erhabenen, für Alles Hohe und Edle begeisterten Frau für ewige Zeiten festgestellt und heute an dem schmerzlichen Gedächtnistage vereint sich wehmuthsvolles Gedenken für die Dahingeschiedene mit dem erhebenden Gefühle der Bewunderung und Verehrung für unseren vielgeliebten Kaiser, den vor Jahresfrist ein so schwerer Schicksalsschlag getroffen hat. Dreyfus wieder verurtheitt. Trotzdem die mehrwöchentliche Verhandlung vor dem Kriegsgerichte in Rennes nicht den geringsten materiellen Beweis für die Schuld des Angeklagten ergeben, ja vielmehr die ganze Niedertracht der gegen ihn ankämpfenden militärischen und antisemitischen Parteien erwiesen hat; trotzdem die hervorragendsten Männer in Frankreich mit edler Wärme und mit aller Kraft der Ueberzeugung für ihn eintraten, und trotz der feierlichen Erklärungen der italienischen und deutschen Regierung, niemals mit Dreyfus in directer oder indirecter Verbindung gestanden zu sein, ist Dreyfus zum zweiten Male verurtheilt worden. Mit fünf gegen zwei Stimmen hat das Kriegsgericht ihn schuldig gesprochen, aber auch gleichzeitig, um sein eigenes Gewissen zu beruhigen, auf mildernde Umstände erkannt. Die hervorragendsten französischen Blätter protestiren laut gegen die Verurtheilung. Jves Guyot erklärt im „Siocle": „Die fünf Officiere, welche Dreyfus schuldig sprachen, fällten ein Urtheil, welches ein Muster an Feigheit und Heuchelei bleiben wird. Diese Officiere hatten die klarste Ueberzeugung von der Unschuld Dreyfus', verurtheilten ihn aber gleichwohl, um die Generale vor den Folgen der Verbrechen zu retten, welche dieselben seit fünf Jahren angehäuft hatten. In der ganzen civilisirten Welt wird ein Sturm der Entrüstung und Verachtung losbrechen. Im Auslande werde man fragen, was denn aus Frankreich geworden sei, dass daselbst solche Infamien begangen werden können." — Clemenceau erklärt in der „Aurore", die Heuchelei des Urtheiles

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