Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 29 (11.9.1899)
- Date
- 1899-09-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29. Die Wahrheit. Seite 5. Im Gegentheile wünschten wir uns auch heute noch viele Eibenschitze für das eingehende Halacha-Studium, damit endlich deren Inhalt vor der ganzen gebildeten Welt aufgerollt würde. In der heutigen einseitigen historischen Methode erkennen wir keineswegs die Blüthe der jüdischen Wissenschaft, sondern in der einstigen philosophischen, die den großen Gedankenschatz und seine Bedeutung bloßlegen wird. Von Bunzlau aus musste schließlich der Ruf R. Jonathans als Prediger nach Prag gelangen. Im Jahre 1728, im 28. Lebensjahre, wurde er nun anch daselbst als Prediger angestellt. Jetzt beginnt seine Glanzperiode; hier in Prag hat er sein ureigenes Königreich, seine Herrschaft angetreten, die Krone auf's Haupt gesetzt, — die Krone der Thora! Als Prediger für das Volk nur ist er berufen worden, aber seine Antrittsrede war ein blendender Halachavortrag, abgedruckt im „Jaroth Dewasch". Unwillkürlich entfährt Einem da der Ausruf — der Schlaue! Welche Kühnheit das gewesen ist, zeigt uns der Umstand, dass sein Nachfolger in Prag, der berühmte Jecheskel Landau, dreimal seinen halachischen Antrittsvortrag für Prag aus Zaghaftigkeit absagen ließ und umwechselte. Er soll seinen Sohn Samuel sogar nach Prag geschickt haben, um zu erkunden, ob er mit seinem Thema dort.werde aufkommen können. Doch der Bote kam mit der Sendung zurück, dass in dem Thema schon jedes Schulkind so klar Bescheid wisse, dass man beim mindesten Verstoße schon scheitern müsse. Darum erfolgte eben der dreimalige Umtausch des angemeldeten Themas. Doch Eibenschitz gewann sein Terrain in Prag sofort mit dem einen Zuge. Verblüfft stand das gemeine Volk, welches gekommen war, den fesselnden Volksredner zu hören. Strahlenden Auges, überrascht horchten die Talmudkundigen. Alsbald stand er auch wirklich ein zweiter Akiba da, umwogt von tausenden Schülern, die sich in sein Lehrhaus drängten. Auch der bestellte Ober-Rabbiner stand alsbald hinter ihm zurück. So hat ihn sein Genius denn doch der völligen Verwirklichung des in der Jugend angestrebten Ideales zugeführt. Doch kein Mensch, der auf den Gipfel seiner Höhe gelangt ist, braucht darum um weitere Gemüthsbewegungen und aufregende Kämpfe besorgt zu sein, sie bleiben nie aus und sind auch Eibenschitz nicht erspart geblieben. Sein weit ausschauender Geist hat stets nach etwas Außergewöhnlichem zur Beschäftigung verlangt. In Bunzlau hatte er gelernt, das Wohlwollen katholischer Priester zu gewinnen; dies gelang ihm auch in Prag bei den Jesuiten, mit welchen er regen Verkehr hatte. Er hat auch einen bösen Beschluss der Behörden gegen die Juden durch einflussreiche christliche Freunde vereiteln können. Nun hatte er in solchen Kreisen oft heftige Angriffe gegen das Judenthum namentlich wegen solcher Stellen im Talmud anhören müssen, die gegen „Akum", die grausamen Heiden, Römer, Syrer, Griechen gemünzt waren und von den Christen durchaus auf sich bezogen werden. Jetzt erwog Jonathan Eibenschitz: Man war bereits im Zeitalter (Eliah Wilna) der Hagaoth, der nothwendigen Correcturen bisheriger fehlerhafter Talmudausgaben. Ueberdies hatte auch schon die strenge Censur scharfe Eingriffe in den Talmud gemacht. Wie wäre es nun, wenn diese Correcturen auch alle die den Christen verdächtigen und zweideutigen Ausdrücke in belangloser Weise beseitigte, die bisher einseitig nur zum Vortheile des Christenthumes aufgedrängte Censur freiwillig zu einer solchen erweitert würde, dass sie auch zum Vortheile der Juden ausschlüge und den späteren Rohling's, Eisenmenger und Wagenseil ein für allemal jeden Anhaltspunkt entzöge. Gewiss hat sich Eibenschitz da einem schönen Wahne hingegeben. Als ob die Rohling's erst der Anhaltspunkte bedürften, nicht auch fälschen und schließlich sogar ohne jeden Anhaltspunkt lästern könnten. Aber Eibenschitz hatte einmal sein Herz an eine solche Talmudausgabe gehängt, und im späteren Greisenalter klagt er noch über das Scheitern derselben in Folge Gegnerschaft, Verleumdung und Angeberei. Auch der Oberrabbiner David Oppenheim war unter den Gegnern. Schlimmer erging es ihm hernach mit den Sabbathianern in Folge seines früheren Umganges mit ihnen und mit dem jetzt geächteten Chajon. (Fortsetzung folgt.) Ellass-Lothringe« und die Iffaire Dreyfus. Nach der Einverleibung in's Deutsche Reich, so liest man in der „Voss. Ztg.", hörten die Elsass-Lothringer zunächst auf, sich thätig am politischen Leben zu betheiligen: sie gewöhnten sich, als passive Zuschauer ruhig dem zuzusehen, was diesseits und jenseits der Vogesen vorging. Dabei verfolgten sie den Gang der politischen Dinge in Frankreich mit ungleich größerem Interesse als in Deutschland. Auch als später in ihrem politischen Verhalten allmählich eine. Aenderung eintrat, blieb die Theilnahme für Frankreichs Schicksal lebhaft wie vorher. Seine Erfolge wurden bis auf den heutigen Tag in Elsass-Lothringen mit großer Freude begrüßt, sein Unglück erregte Mitleiden und Schmerz. Dies Interesse ist erklärlich. Ueberaus zahlreich sind die Verbindungen jeder Art, die die alteinheimische Bevölkerung des Reichslandes noch mit Frankreich verknüpfen, tausend Mal zahlreicher als die Fäden, die von ihr über den Rhein hinüberreichen, nicht wenige Familien sind sogar heute noch in ihrem materiellen Wohlstände mit dem Geschick des französischen Staates eng verknüpft. Außerdem spielen, wie allbekannt, zahlreiche Söhne Elsass-Lothringens in dem politischen und militärischen Leben Frankreichs eine große Rolle. All diese Gründe wirkten mit verdoppelter Kraft bei dem Fall Dreyfus, und vielleicht hat seit den Siebziger-Jahren in Elsass-Lothringen keine öffentliche Frage mehr Theilnahme erregt als dieser merkwürdigste aller Rechtsfälle. Ist doch dies außerordentliche Justizdrama ein eigentlich elsässisches, das genau die Beziehungen des Landes zu dem ehemaligen Vaterlande wiederspiegelt. Das Opfer ist einer jener zahlreichen Elsass-Lothringer, die in blindem Chauvinismus nach 1870 ihre Heimat verließen und in die französische Armee eintraten, um an dem erhofften Revanchezug gegen das verhaßte Deutschland theilzunehmen. Sein Lohn war, als Landesverräther gebrandmarkt zu werden. Ein Elsässer, der Oberst Sandherr, war es, der ihn als deutschen Spion denuncirte. Elsässer waren es dann aber auch, die den Kampf für seine Unschuld Wiederaufnahmen und bis heute mit immer wachsendem Erfolge durchführten: So waren eine große Reihe der Hauptfiguren des Processes Elsass-Lothringer, unter Anderen: die Brüder des Dreyfus, Scheuer-Kestner, Piquart, Leblois, Freistätter, Zurlinden, Sandherr, Lauth. Kein Wunder darum, wenn man das spannende Trauerspiel von Anfang an in Elsass-Lothringen mit großem Interesse verfolgte, mit weit größerem als in der übrigen französischen Welt.