Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 29 (11.9.1899)
- Date
- 1899-09-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 29. Man stelle nur einen Vergleich an den Suckoth-Halbfeiertagen an. In den großen, modernen Tempeln starrt uns beim Morgengottesdienste eine Leere an, in den Bethäusern, in denen „Lulabfreiheit" herrscht, wo das Volk also Mitwirken kann, herrscht reges Leben, Alles „erfreut sich am Feste" nach alter frommer Sitte. — — Das jüdische Volksbewusstsein ist heute auf's Neue erwacht. All' die Zerstreuten in unserer Mitte beginnen sich zu sammeln und um die alte Fahne unseres Glaubens zu schaaren. In der wahren Gotteserkenntnis und in der Beobachtung der Gebote und Vorschriften unserer Religion sucht der Jude heute auf's Neue und findet er auch Kraft, allen auf ihn eindringenden Stürmen Stand zu halten, und jene Zeit herbeizuführen, wo Mensch und Mensch wie Bruder und Bruder in aufrichtiger Liebe eirtander zugethan sein werden und in der, wie wir ebenfalls an den hohen Festtagen uns erbitten, alle Erdbewohner erkennen und einsehen werden, dass der Ewige einzig und sein Name einzig ist. M. A. Antisemitische Thesen. Dieser Tage findet in Hamburg der Parteitag der deutschsocialen Reformpartei statt, auf welchem wieder einmal die Lösung der Judenfrage im antisemitischen Sinne eingehend erörtert werden wird. Unter den vorbereiteten Anträgen sei besonders auf ein Referat des durch seine literarisch-antisemitische Thätigkeit bekannten Dr. Giese hingewiesen, welcher folgende Thesen aufstellt: „t. Es ist die Aufgabe der antisemitischen Partei, die Kenntnis vom wahren Wesen des Judenvolkes zu vertiefen und immer weiter zu verbreiten. Wir stehen erst am Anfang dieser Thätigkeit. Nur aus der Einsicht, dass ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen dem Judenvolke und allen anderen Völkern in sittlicher und allgemein geistiger Beziehung besteht, und dass der Jude nicht nur unfähig zur Theilnahme an der naturgemäßen culturellen und sittlichen Weiterentwicklung der Menschheit, sondern seinem Wesen nach ein Feind aller nationalen wie auch allgemein menschheitlichen Cultur sei, kann der feste Wille zur Abwehr des Judenthums entspringen. 2. Zur Befreiung des deutsch-christlichen Geisteslebens vom jüdischen Einfluss fordern wir in Uebereinstimmung mit ernst denkenden Theologen die Ausscheidung des Alten Testaments aus dem christlichen Religionsunterricht. Was im Alten Testament von Werth für die Bildung religiöser Anschauungen und sittlicher Begriffe ist, lässt sich auf andere Weise in den Religionsunterricht verweben. Die Schicksale des Judenvolkes, seiner Patriarchen, Könige und Propheten gehören in den Geschichtsunterricht; hier werden sie bei unparteiischer Darstellung ein wichtiges Hilfsmittel zur Erkenntnis der jüdischen Volksart abgeben. 3. Die zionistischen Bestrebungen sind eine Frucht der antisemitischen Bewegung. Sie enthalten das Bekenntnis zu der so oft verleugneten nationalen Zusammengehörigkeit aller Juden. Die staatsrechtlichen Bestrebungen der Zionisten, irgendwo auf dem Erdball ein modern-jüdisches Reich zu errichten, verdienten nur dann Unterstützung, wenn Sicherheit geboten würde, dass wirklich alle Juden gen Neu-Zion ziehen. Das erscheint leider ausgeschlossen. Die Vertretung der Interessen in unserer Mitte lebender Juden aber durch eine staatsrechtlich anerkannte auswärtige Macht würde völlig unerträglich sein. Es ist nicht zu dulden, dass die Alliance Jsraelite souverän wird und einen Gesandten am deutschen Kaiserhofe unterhält. 4. Dank der Entwicklung unserer modernen Verkehrsmittel dürfte die Judenfrage im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Weltfrage werden und als solche von den anderen Völkern gemeinsam und endgiltig durch völlige Absonderung und (wenn die Nothwehr es gebietet) schließliche Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden. Der wahre Friedenscongress wird derjenige sein, der sich mit der Stellung der erdbewohnenden Menschheit zum Hebräer beschäftigt. — Bis dahin aber wird es Sache jeder einzelnen Nation sein, sich der Judenplage zu erwehren, so gut sie es den Umständen nach kann. 5. Einer der ersten Schritte beim legislativen Einschreiten gegen das Judenvolk muss es sein, festzustellen, wer vor dem Gesetz als Jude gelten soll, und dass es die A b st a m m u n g, und diese ganz allein ist, die die Zugehörigkeit zum Judenthum bestimmt. Der Parteitag begrüßt den im Sommer 1898 veröffentlichten Entwurf zu einem Juden- Matrikelgesetz als willkommene Vorarbeit zur Lösung dieser grundlegenden Aufgabe. 6. Im Punkt 19 des Parteiprogramms werden statistische Erhebungen über die Juden gefordert. Es ist nöthig, dass diese Statistik die in Deutschland befindlichen Juden in all den Lebensäußerungen erfaßt, über die bezüglich der Gesammtbevölkerung Erhebungen angestellt werden. Das ist sehr leicht durchführbar, und Preußen hatte eine ähnliche Judenstatistik bis zum Jahre 1861. Die Statistik des Deutschen Reiches lässt in dieser Hinsicht fast alles zu wünschen übrig. 7. Der Parteitag empfiehlt der Fraction, im Reichstage alljährlich durch geeignete Anträge die Parteien und die einzelnen Abgeordneten zur Stellungnahme in der Judenfrage zu zwingen; nur so können den Auch-Antisemiten Herz und Nieren geprüft, nur so kann den Wählern bewiesen werden, dass von den alten Parteien und ihren Vertretern in der Bekämpfung des Judenthums schlechterdings nichts zu erwarten ist." Jonathan Cibenschitz. Von Dr. M. L. Stern, Ung.-Brod. (Fortsetzung.) Doch warum möchten denn überhaupt diese Missgünstigen j ein großes Talent lieber irgend welcher Wissenschaft immer, als j uns, der jüdischen Wissenschaft gönnen? Alle unsere besten Talente sollen vom Weltenstrome weggerissen werden, der sie! dann zuletzt, ausgebeutet, erbarmungslos doch wieder zu ihrem! verarmt gebliebenen Volke zurückschleudert. Und wäre es denn! wirklich eines großen Geistes nicht würdig und ruhmreich genug, j ein Rabban sebel kol bene Grolab, ein Präsident der großen! jüdischen Geistes- und Gemüthsrepublik zu werden? Das Rabbinat, namentlich damaliger Zeit, bildete das Herz für das Pulsiren des ganzen jüdischen Lebens in den Gemeinden, für deren moralische Höhe und Gemüthstiefe, für deren Gerichtsbarkeit, für deren Schutz gegen die feindliche Außenwelt, für den Born, aus dem ununterbrochen ihr Gedankenschatz quoll, und ein jüdischer Geschichtsschreiber könnte irgend ein Talent anf Erden hierfür für zu groß erachten?