Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 28 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 28' schon vertraut, bereits in seinem Talmud, in der Kabbala, in der Bibel enthalten. Diese erschienen ihm dadurch nur bedeutungsvoller, größer, göttlicher. Ueberdies war sein Geist, wie wir vielfach wahrnehmen können, stets von einer ganzen Schaar geschichtlicher Gestalten umringt. Diese hatte er in seinen Studien so lebendig zu gestalten vermocht, dass er sie förmlich leibhaft vor Augen hatte. Die Helden, Könige, Propheten der Bibel, die Tanaiten und späteren Schriftgelehrten waren wie im lebendigen Verkehre mit ihm. In jeder Lage, bei jedem Zweifel, in jeder Verlegenheit konnte er sofort auf eine dieser Gestalten Hinweisen, so hat dieser, so hat jener in solcher Lage gehandelt und gesprochen.*) Jetzt mochte wieder R. Akiba sein Vorbild gewesen sein, von dem gerühmt wird, er sei unversehrt iu den Pardes (objective Welterforschung) hineingetreten und unbehelligt wieder herausgekommen. Grätz meint nun etwas geringschätzig, wenn dieser Eibenschitz statt in die talmudischen Tiefen, in die der weltlichen Wissenschaften hineingerathen wäre, welchen Ruhm als Naturforscher, Mathematiker oder in der Jurisprudenz hätte er mit seinem gewaltigen scharfsinnigen Kopfe erlangen können. Nun hat er aber auch gar viel von diesem Zauber gekostet, und wenn er auch in seinen katholischen Geistlichen keinen Lessing wie Mendelssohn gefunden hat, so hat wieder Mendelssohn nicht wie Eibenschitz bereits ein fertiges Lebensideal, einen bereits eingewurzelten Zukunftsberuf von früher her gehabt. (Fortsetzung folgt.) Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (14. Fortsetzung.) Der Dorfgeher, dem ihr zerstreutes Wesen vorhin schon ausgefallen war, konnte sich jetzt wieder über das resolute Mädchen, welches ihre gewöhnliche Stärke und Festigkeit ganz wieder zurückgewonnen zu haben schien, erst recht nicht genug verwundern. Während das Mädchen den Weg von ihrer „Gasse" in's Dorf heraus zurücklegte, hatte sich hier so manches Wichtige begeben, wovon die Nachricht im Dorfe bereits von Mund zu Mund ging. Görg hatte in aller Frühe, wie er es sich in der Nacht vorgenommen, beim alten Niederhuber um die Hand der Tochter angehalten und war mit seiner Werbung zurückgewiesen worden. Um ihn nicht zu beleidigen, hatte der Fleischhauer die Ablehnung in eine Form gekleidet, die nur geeignet war, das leidenschaftlich erregte Gemüth des reichen Bauernsohnes gegen den aus der „Gasse" noch mehr zu verbittern. Niederhuber hatte ihm nämlich gesagt, dass er mit seiner Werbung zu spät komme, denn die Hand seiner Tochter sei bereits vergeben. Vergeben und seit wann? — rief Görg, da er die überraschende Antwort erhielt. Vergeben seit einer Stunde. Und an wen? doch nicht an den Judenjungen? Jossef wird Christ werden, er wird sich taufen lassen. Und dem war wirklich so; der alte Niederhuber hatte ihm nicht mehr gesagt, als er selber wusste. Die alte Brigitte war ganz erstaunt, dass es ihrer Dazwischenkunft in der Sache gar nicht bedurfte. Sie hatte sich schon so gut darauf vorbereitet gehabt, was sie dem Jossef Alles zu sagen habe, wie sie mit ihm reden und wie sie endlich das Kind beim rechten Namen nennen und mit der Sache herausrücken werde; sie hatte sich schon im Vorhinein auf den Triumph gefreut, wenn sie mit dem Jungen hintreten werde vor den alten Meister und ihm sagen werde: Da habt Ihr ihn, Meister Niederhuber; dieser da will Eure *) Seine Verteidigungsrede in „Luchoth Haeduth". Marie haben, und wisst Ihr was er thun wird, er wird Christ werden, Christ sein, wie Ihr seid. — Auf das Alles hatte sich die alte Brigitte schon herzlich gefreut und das Alles war jetzt nicht mehr nöthig; denn Jossef war ihr zuvorgekommen und hatte aus eigenem Antriebe gethan, wozu sie ihn bewegen gewollt, und gerade da sie sich dazu anschickte mit ihm zu sprechen und und ihre wohlgesetzte Rede zu halten, erfuhr sie die merkwürdige Neuigkeit aus Niederhuber's eigenem Munde, dass Jossef bereits um Marien angehalten, dass er entschlossen sei, sich taufen zu lassen und dass die Verlobung der beiden jungen Leute auch gleich nach der Taufe stattfinden werde. Hätte die alte Brigitte das blonde Mägdlein nicht gar so lieb gehabt, sie würde sich darüber geärgert haben, dass das Alles so rasch abgemacht worden, ohne dass man ihre Hilfe dabei in Anspruch nahm; sie war dem Mädchen aber gar gut, die alte Brigitte, und so freute sie sich herzlich über die vollbrachte Thatsache, wenn sie auch an dem Zustandekommen derselben nicht jenen Antheil hatte nehmen können, den sie für sich so gerne in Anspruch genommen hätte. Der alte Niederhuber hingegen freute sich, dass sein zukünftiger Schwiegersohn nicht durch Zureden eines Andern, sondern aus eigenem Antrieb den Entschluss, Christ zu werden, gefasst hatte; denn warum — sagte er sich im Stillen, als er die Sache überdachte — das, was wir auf Zureden eines Andern thun, bereuen wir oft gar sehr. Man muss sich selber zu was entschließen! Das was man aus freiem Antrieb thut, das heißt männlich gehandelt, und so was bereut man auch nicht! — Jossef und Marie schwammen in einem Meer von Wonne. Sie hatten nun ein Leben vor sich voll von Entzückungen. Das Bewusstsein, einander für's ganze Leben, ja über das Leben hinaus anzugehören, durchströmte sie mit lauter Seligkeit und sie empfanden in jedem Augenblicke den Vorgeschmack des Glücks aller kommenden Tage. Görg war mit der Sache freilich nicht sehr einverstanden; denn dass Jossef sich taufen lassen und Christ werden wolle, war für ihn noch nicht Grund genug, demselben die schöne Marie zu gönnen. Er fühlte sich nun einmal zurückgesetzt und dem Jungen aus der „Gasse" sich vorgezogen. Sein Hass gegen den begünstigten Nebenbuhler stieg, anstatt abzunehmen; denn, wenn er sich früher getröstet hatte, dass der „Ochsen-Junge" — wie er ihn nannte — die Marie ja doch am Ende nicht heiraten könne, weil er ein Jude sei, — so fiel jetzt mit der Taufe des Juden dieser Trost weg und so ließ er denn seinen Groll gegen Honza aus, mit dem er am Ende des Dorfes zusammentraf. Finkel, die mit den Ochsen ihres Vaters eben ankam, traf noch rechtzeitig ein, um einige Worte der beiden Männer, die im heftigen Widerspruche einander da gegenüberstanden, vernehmen zu können. Und ich sag's noch einmal und noch hundertmal — rief Görg — es ist und bleibt eine Lumperei. Und wenn er sich auch taufen lässt mit allem Weihwasser, das in der Kirch' ist, so ist er doch nur ein getaufter Jud und ich bin ein Christ. Wenn er sich taufen lässt, so ist er so gut Christ wie Du — antwortete Honza. Und wenn auch — rief Görg — er darf die Marie doch nicht kriegen! Wer wird ihm's wehren? — fragte Honza ruhig. Ich — rief Görg — ich werd' dem Tuckmäuser einen Herrn zeigen! Wenn ihm der Niederhuber die Marie auch gibt, er wird sich nicht lange mit ihr freuen; ich werd' ihn schon wo zu finden wissen. Untersteh' Dich, ihn anzurühren — sagte Honza darauf bestimmt und fest. __ (Fortsetzung folgt.) Drnckfehter-Lmchtignng. In voriger Nummer hat sich im leitenden Artikel ein sinnstörender Druckfehler eingeschlichen. Seite 3, 1. Spalte, Zeile 7 von oben, soll es richtig heißen: Aber mag man dem „politischen" oder „culturellen" Zionismus anhängen u. s. w.