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Die Wahrheit · 1899-09-01 · Heft 28 (1.9.1899) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 28 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 28. Die Wahrheit. Dr. Schnirer und Architekt Marmorek. Hierauf folgten die Wahlen für die einzelnen Landsmannschaften. Nach fast unveränderter Annahme des Organisations-Entwurfes gelangen die Anträge des Colonisations-Ausschusses zur Berathung. Dieselben lauten: 1. Der Congress empfiehlt dem Actionscomit6, mit den ColonisationS-Gesellschaften in Verbindung zu treten und zu bleiben. Dieselben sollen jedoch verhalten werden, nur in Palästina wohnende Juden zu colonisiren. 2. Eine 18gliedrige Colonisationscommission zu wählen. 3. In Palästina wissenschaftliche Erforschungen des Landes vorzunehmen. 4. Die nöthigen Gelder hiefür gibt das Actionscomits. Ferner folgende Resolution: 1. Der Congress begrüßt die von vr. H e rz l in Aussicht gestellte Erreichung des Charter. 2. Er empfiehlt der Bank, den Colonisten in Palästina billigen Credit gegen hypothekarische Sicherstellung zu gewähren. 3. Der Congress bedauert die Spaltungen im zionistischen Lager und fordert alle Zionisten zur Vereinigung auf. Diese Anträge werden in Form von Resolutionen angenommen. Kurz vor Schluss des Congresses brach ein heftiger Sturm los, als David Triesch, New-Iork, sein „Cypernproject" vertheidigen wollte, woran er in Folge allgemeinen Widerspruches verhindert wurde. Mit der Vornahme der Wahlen in die Colonisations- und Culturcommission war die Tagesordnung des Congresses erschöpft und um l/a6 Uhr Abends erhob sich Dr. Herzl zum Schlussworte. Er bemerkt, dass der Congress in voller Ruhe getagt habe und bittet um Entschuldigung, wenn er es hie und da an Entgegenkommen habe fehlen lassen, aber er sei dazu gezwungen worden, um die Schlussstunde nicht hinauszuziehen, die ja der Sabbathruhe gewidmet sein soll. Er wolle dies ganz besonders erklären, weil der Zionismus nichts im Sinne habe, was die religiöse Empfindung irgend eines seiner Mitglieder berührt. Der Zionismus, der bereits den Jünglingsjahren entwachsen ist, sei — damit wolle er die Damen nicht beleidigen — sozusagen männlicher geworden. Es wurde ruhig und besonnen gearbeitet. Durch Arbeit und Begeisterung wollen wir den Zionismus fördern. Er dankt den Delegirten für die Aufmerksamkeit, mit der sie den Verhandlungen gefolgt sind, und dankt namentlich den Delegirten aus Südafrika, welche die weite Reise nicht gescheut haben, um mitzuarbeiten. „Es waren Brüder auf unserem Congresse aus unerwarteten Kreisen und Gegenden. Wir haben schon Einiges gethan. Aber noch Vieles ist zu thun übrig. Gehen wir hinaus von hier mit guten Gesinnungen, um mit neuen Genossen wiederzukehren, bis unser Werk vollendet ist. Der dritte Zionisten-Congress ist geschlossen." Jonathan Eibenschitz. Von Dr. M. L. Stern, Ung.-Brod. (Fortsetzung.) Die Vermuthung scheint indessen gerecht, dass Jonathan Eibenschitz von allen diesen Versuchungen und Anfechtungen unberührt geblieben ist. Zu seiner Rettung sehen wir aber auch nicht ohne Rührung eine ehrwürdige, uns schon bekannte Greisengestalt auftauchen — R. Meir Eisenstadt. Zu diesem war das Gerücht gelangt, in welche bedenkliche Gesellschaft Eibenschitz, sein Lieblingsschüler, gerathen wäre. Beunruhigt darob, suchte er seinen Schüler auf, sperrt sich in einem Gemache mit ihm ein und mahnt ihn mit eindringlichen Worten: „Und ob Du auch rein geblieben sei'st wie der gefallene Schnee" meint er, „sieh', der Verdacht wird sich an Dich heften, der Deine ganze große Zukunft untergraben kann." Eibenschitz ist erschüttert, ein Thränenstrom bedeutet die Krisis, in welcher sich seine volle Gesundung vollzieht. Wenn wir eine Stelle in der Einleitung zum „Krethi upletti" richtig Seite 7. auffaffen, hat Eibenschitz damals auch sofort Prag verlassen. Er ging nach Altona und hat bei dem reichen Großvater seiner Frau Elkele, der auch sonst ein großer Förderer Talmudbeflissener war, für längere Zeit gastliche Aufnahme gefunden. Edle Seelen fühlen sich nach glücklich überstandener und erkannter Gefahr etwas bedrückt. Das Unheil, dem sie entronnen, zittert im Gemüthe nach und legt einen Hauch der Bescheidenheit auf das Angesicht. Seine schöne Frau schildert R. Jonathan selbst als eine der Seltensten an Frömmigkeit und Hochsinn. Seine späteren heftigen Gegner bemühten sich, Schlimmes an ihr herausfinden zu können; der Unbefangene ist bemüssigt, das Lob des Gatten als ein allein aufrichtiges und gerechtes anzuerkennen. Etwa im 25. oder 26. Lebensjahre kam Eibenschitz dann, zweifelsohne von Altona aus, nach Bunzlau in Böhmen als Rabbiner, als welchen wir ihn am Anfänge unserer Darstellung eingeführt haben. In Bunzlau war er vorerst noch immer nicht der gefeierte Lehrer und Meister, sondern wieder nur Schüler. Hier hat er sein eigenstes Gepräge, die Vollendung seiner Ausbildung erhalten. Zwar hat er bereits da die ersten Spatenstiche zu seinen großen Lebenswerken „Krethi upletti", „Urim wethumim" gemacht, wie er uns selbst mittheilt, aber sein weitausschauender Geist konnte sich damit allein nicht völlig zufrieden geben. Ihm durfte ja so leicht nichts von all' dem fremd bleiben, was Menschenherz durchbebt, was Menschengeist bewegt. Die Schiurstube, die Lehrsäle der Talmudschulen, hatte er gründlich kennen gelernt; sollte er aber von dem, was dort an den ganz anderen Stätten der Wissenschaften, an den großen Universitäten gelehrt wird, keine Ahnung haben? Sollte er seine Wissensschätze nicht seitens der Winde, die von dorther wehen, gesichert wissen dürfen? Was geht dort vor, was erfährt man da? Da fügte es sich, dass in seiner nächsten Umgebung einige hochintelligente katholische Geistliche lebten, die alsbald von dem Geisteszauber, von dem Rufe, von dem prickelnden Verstände, von den anregenden Gesprächen des jungen Bunzlauer Rabbiners sich angezogen fühlten und gerne mit ihm Umgang pflegten. Sie sahen den Rabbiner gerne bei sich, und so oft Eibenschitz von ' ihnen ging, trug er ein hochwissenschaftliches Buch, von ihnen entlehnt, in der weiten Tasche seiner großen Schubeze mit sich nach Hause. Die nächtliche Lampe, die seit Jahren ununterbrochen auf dem Studirtische dieses unermüdlichen Eibenschitz geleuchtet hatte, mochte selbst mit einigem Befremden auf die ganz andersartigen Bücher niedergestrahlt haben, aus welchen^ sich dieser Rabbiner jetzt autodidaktisch mathematische, astro- X nomische, physikalische, chemische, anatomische, physiologische, philoo chische und juridische Kenntnisse aneignete. Der Geschichtsschreiber Grätz mag immerhin über die Unbedeutendheit aller dieser Kenntnisse spotten, sie zeigen sich doch allda, wo sie in den Werken R. Jonathans hervorleuchten, beachtenswerth. Wie nun, ist da nicht der Rabbiner Eibenschitz ähnlich wie früher der Jünger Eibenschitz in eine neue Gefahr gerathen? Der Zauber der Wissenschaften ist ja für einen Ehrgeizigen bei Weitem blendender als der eines ephemüren Königreiches. Dazu noch der häufige Umgang mit andersgläubigen Priestern! Aber Eibenschitz hatte den Talmud bereits so ausgeweitet und ans gefüllt, dass er nicht nur den Complex der damaligen, sondern sogar unsere ganze heutige unermessliche Wissenschaft darin unterzubringen verstanden hätte. Ihm klang ja Alles

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