Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 28 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3063001--00415-3066921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 28. und Unverwüstlichkeit. Wenn auch unsere Körper gebrochen wurden, unser^ Geist ist nie gebrochen worden. Als der Tempel in alter Zeit zerstört wurde, da verlangte der Führer der geistigen Partei von dem römischen Sieger nicht die Befreiung der Sclaven, nicht das jüdische Volk, er verlangte, den jüdischen Geist frei zu setzen; er erbittet eine ganz bescheidene Sache, blos eine Schule zu eröffnen. Die Pforten, einmal geöffnet, sind nie geschloffen worden, und durch diese Pforte ist der Geist der Menschheit gezogen, um geläutert wieder herauszukommen. . . " „Wir haben uns in unserer Debatte zu sehr mit nichtidealen Fragen beschäftigt. Es sind die materiellen Bedürfnisse, es ist das momentan Nothwendige in den Vordergrund geschoben worden. Aber es soll nicht gesagt werden, dass wir hier Zusammenkommen, um uns zu organistren oder um Geld zu schaffen. Wir kommen hier zusammen, vor Allem, um zu erklären, dass dies nur Nebendinge sind, Mittel zum Zweck, der Zweck jedoch hoch und erhaben über diesen kleinen Fragen steht, denn mir arbeiten an der Befreiung des Geistes. ..." „Natürlich gibt es auch eine Aftercultur. Es gibt auch, wie es alle Diejenigen wissen, welche an den Küsten der Meere wohnen, falsche Lichter, die aufgesteckt werden von Feindeshand, um die Schiffe von der richtigen Fahrt abzulenken und vielleicht zerschellen zu lassen an den Felsen der Unwissenheit, des Fanatismus und der Intoleranz. Das ist keine Cultur. Dagegen sträuben wir uns. Was wir anstreben, ist, den Pfad zum richtigen Hafen, zu jenem Leuchtthurm zu erreichen. Aber hüten müssen wir uns, dass auf der Flagge, die da im Winde flattert, auf der Flagge der jüdischen Begeisterung, auf der Flagge der Zionisten, das goldene Kalb nicht gezeichnet werde. Hüten wir uns, dass die Luftlöcher nicht mit goldenen Thüren zugestopft werden. Es ergeht uns sonst wie dem Capitän in alter Zeit, der auf sturmbewegter See war und das Getöse nicht ertragen konnte: er ruft dem Matrosen: ,Decken Sie doch diese Oeffnung zu, damit ich dieses Geräusch nicht höre!' Und allmälig ist das Geräusch stiller und stiller geworden, und er ist in den Hafen eingelaufen; aber im Schiff waren die Passagiere erstickt. So darf es uns nicht gehen. Wir müssen in geistiger Frische und mit neuem Leben in unser, in's heilige Land kommen. Wir müssen lernen, uns von den Schlacken zu befreien, die die Jahrhunderte unserem Geist angeklebt haben." „Meine Herren! Nicht weit von hier, in Italien, existiren Friedhöfe, wo die Erde von Palästina in Schiffen hingebracht worden ist, nachdem die Völker den Besitz Palästinas endgiltig aufgeben mussten, und dort begraben sie ihre Todten. Wir wollen auch einen Camposanto haben, nicht als die Todten, in der Erde Palästinas, die nach Europa auf Schiffen gebracht worden ist, sondern einen Camposanto, ein heiliges Lager ans freiem Boden Palästinas als lebendige Nation. Und nun zum Schluffe, was bleibt mir noch zu sagen? Sie an eine alte Sage zu erinnern, die Sage vom Phönix, mit dem unsere Weisen schon längst unser Volk verglichen haben. Der Phönix lebt ewig; aber nach bestimmter Zeit wird er alt und schwach und verbrennt innerlich und wird zur Asche, und ein ganz kleiner Keim bleibt übrig und diesen nimmt der Priester in Heliopolis, das ist in der Stadt der Sonne, hütet den Keim und pflegt ihn, und langsam erwacht der Phönix, und dann, wenn er völlig reif, dann schüttelt er die Schwingen und erhebt seinen Flug zur Sonne, zu Gott; wir, wir sind auch verbrannt, verstreut und mit Füßen getreten worden, wie die Asche der Erde, nur ein Keim ist geblieben, und jetzt kommen wir Zionisten, die Priester der neuen Zeit, und bringen den Keim zur Stadt der Sonne, der Wahrheit, der Treue, der Ergebung, und wir pflegen ihn und sollen ihn pflegen, bis das Judenthum wie der Phönix aus der Asche wiederersteigt und seinen Flug aufwärts zur Sonne der Wahrheit nimmt und mit sich auch die Völker zieht. Das ist die Culturfrage." (Tosender Beifall.) Es folgen hierauf die Referate der Herren Dr. Kah n und vr. Klee über die Organisationsstatuten, deren wesentlichste Bestimmungen lauten: „Der Zionistencongress tagt mindestens alle zwei Jahre an einem von ihm zu bestimmenden Orte. Aenderung des Ortes der Tagung oder eine frühere Einberufung des Congresses bestimmt in besonders wichtigen Fällen das große Actionscomito. Die Arbeiten eines Congresses werden nach der vom dritten Congresse beschlossenen Geschäftsordnung durchgeführt. An den Verhandlungen des Congresses können nur die von den Schekelzahlern gewählten Delegirten theilnehmen. Jeder Schekelzahler hat das active und passive Wahlrecht für den Congress, wenn er seine Schekel mindestens zehn Wochen vor Beginn des Congresses entrichtet. Jeder zionistische Verein wählt als Wahlgruppe so viel Delegirte, als er 100 Delegirte hat. Bei einer Ueberzahl von mehr als 50 Mitgliedern wählt der Verein nur einen Delegirten mehr. Schekelzahler, die keinem zionistischen Vereine angehören, werden durch das Landescomitö nach je Hunderten in Wahlgruppen eingetheilt. In demselben Orte haben aber schon fünfzig solcher Schekelzahler als Wahlgruppe das Recht, einen Delegirten zu wählen. Jedes Mitglied einer Wahlgruppe zahlt jährlich einen Schekel von mindestens einem Frank, respective einer Mark, einer Krone, vierzig Kopeken, einem Shilling. Eine Aenderung des Statuts kann nur durch den Zionisten-Congress beschlossen werden. An der Debatte betheiligten sich die Herren vr. Bodenheimer, vr. Marmorek, vr. Klee, A o r k- S t einer, Temkin und vr. H e r z l. Nach der Sitzung des Congresses wurde zunächst die nach dem englischen Gesetz nöthige außerordentliche Generalversammlung der jüdischen Colonialbank abgehalten, welche die vom Congresse verlangte Aenderung des § 1 vorzunehmen hatte, vr. Wolffsohn erklärte namens aller Directoren, dass sie auf die ihnen verliehenen Gründershares verzichten, weil diese ihnen nur wegen des Versprechens des Actionscomitö's und nicht spontan vom Congresse verliehen wurden. In der etwa nach einer halben Stunde folgenden ordentlichen Generalversammlung verliest Director Wolffsohn den Bericht über die Gründung der Bank und ihre bisherige Thätigkeit. Aus dem detaillirten Berichte wird hervorgehoben, dass bis jetzt circa 300.000 Actien gekauft seien. Die 20procentige Anzahlung deckt 285.000 Actien; davon seien bis jetzt 250.000 ordnungsmäßig registrirt. Nach dem Berichte des Vorsitzenden wird dem Directorium der Dank der Generalversammlung und das Absolutorium ausgesprochen. Es wird die 1 Aenderung einiger Statutenparagraphe beschlossen. D,ie hierauf 9 folgende Wahl ergibt die Wiederwahl der Herren Wolffsohn, I Kann, Schalit, Barbasch, Lourie und Sachs, sowie I die Neuwahl des Herren vr. Katzenellensohn. Nach der Beanti wortung mehrerer Anfragen wird die Generalversammlung vom A Präsidenten Morgens 2 Uhr geschlossen. > Der Vormittagssttzung des 4. Verhandlungstages (18. August); wohnte auch Sir Francis Montefiore bei, der in längerer j Rede auf die großen Fortschritte des Zionismus und bei Gründung 1 großer Colonien auf die Notwendigkeit gesetzlichen Schutzes hinwies. „Was mich anbetrifft", sagte der Redner, „so glaube | ich nicht, dass die Weltgeschichte von einem Unternehmen zu [ berichten weiß, das eine größere Begeisterung hervorgerusen hat." \ Lebhaft acclamirt wurden auch die Schlussworte: „Ich bin vom; ganzen Herzen und von ganzer Seele mit Ihnen; denn seit meiner frühesten Jugend, wo ich meinen seligen Oheim, Sir Moses Montefiore (die Versammlung erhebt sich), über dieselbe Sache - habe sprechen hören, habe ich stets das lebhafteste Interesse für Alles empfunden, was das Heilige Land betrifft."! Hierauf wurde die Debatte über den Organisations-Entwurf j fortgesetzt. Namens des Culturausschusses referirte vr. Kahn j über die Culturfrage. Alle Redner bewegten sich nur im alls gemeinen Rahmen, zu positiven Vorschlägen kam es nicht und \ wurde gewissermassen diese Frage mit Rücksicht auf die Ortho- I boxen von der Tagesordnung des Congresses abgesetzt. » In der Nachmittagssitzung wurden zunächst die Wahlen in > das Actionscomit6 vorgenommen. In das Wiener Actionscomit6 9 wurden gewählt: vr. Herzl, vr. Kokesch, vr. Kahn, »