Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 28 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. Seite 5. Die Wahrheit. erklärte ausdrücklich, dass er die Colonisation der Bank nur auf Palästina und Syrien beschränkt wissen will, trotzdem heißt es im Bankstatut Absatz III, ulinea. 1, dass der Aufsichtsrath in gewissen Fällen berechtigt ist, auch „in irgend einem anderen Theile der Welt und an irgend einem Orte oder in irgend einem Lande sich auch mit Colonisation zu befassen." Redner wendet sich hierauf gegen die Uebertreibungen der zionistischen Führer. Di-. Herzl habe auf einer kürzlichen Versammlung in London gesägt, dass Leute unseres Alters das Endziel unserer Bewegung noch erleben werden. Redner bedauert diesen Ausspruch, da doch noch gar keine Gewissheit vorhanden sei, ob wir Palästina auch in absehbarer Zeit haben werden. Er bemerkt sodann, dass die Mitglieder des Actionscomito's, die doch alle verantwortlich seien, nicht immer zu Rathe gezogen werden, und spricht von einer „Dictatur Herzl's". Das Uebergewicht Herzl's muss ganz legal sein, eine Dictatur würde nicht gut für unsere Bewegung seip. Nach einer längeren Rede vr. Herzl's, welcher die gegen das Actionscomito und gegen seine Person erhobenen Vorwürfe zu widerlegen sucht, wird die Vormittagssitzung geschlossen. In der Nachmittagssitzung kam es noch zu stürmischen Auseinandersetzungen, doch wurde schließlich das vom Actionscomits geforderte Vertrauensvotum einstimmig angenommen. Hierauf folgte der Bericht über die jüdische Colonialbank durch den Berichterstatter Wolffohn (Köln): „Die Bank soll wohl ein commercielles Unternehmen sein, aber einen hochidealen Zweck haben; die Geschäfte sollten international, die Bank selbst aber jüdisch-national sein. Die Gründer haben von Vorneherein auf jeden Gewinn verzichtet. Die Bank soll für ewige Zeiten Zionistisch bleiben, selbst wenn die Actien einmal in nicht zionistische Hände kommen sollten. Die Eintheilung der Shares in 100 Gründeractien bietet uns die beste Gewähr, dass die Bank stets zionistisch geleitet wird. Sie steht ja auch unter der Controls des Congresses, also des ganzen jüdischen Volkes. Das alljährlich zu wählende Actionscomiiö wird der höchste Aufsichtsrath sein. 200 Bankparagraphen sind aufgestellt worden. Morgen Abend kann bereits über eine Aenderung dieser Paragraphen in der ersten Generalversammlung der Bank berathen werden. Trotzdem wir nur auf Zionisten angewiesen waren, gewährleisteten doch bereits 100.000 Aktionäre den Bestand der Bank. Am 20. März ist die Bank in London amtsgerichtlich eingetragen worden. Im Namen des Bankcomitö's sagen wir Ihnen hiermit für Ihren Beistand unfern Dank. Das zu Ende gehende Jahrhundert hat unserem Volke zwei große Errungenschaften gebracht, die erste war der Basler Kongress, die zweite, durch die wir hauptsächlich unser Ziel zu erreichen hoffen, ist die jüdische Nationalbank." Nach 10 Uhr Abends begann die Debatte über das Referat. Professor Bielkowsky brachte die Anträge der russischen Landsmannschaft betreffs der Aenderung der Bankstatuten vor den Congress. Die Aenderungen betrafen hauptsächlich den Punkt 1 von Nr. 3 der Statuten, in dem namentlich gegen die Worte „in irgendeinem Theile der Welt und an irgendeinem Orte oder in irgendeinem Lande" Verwahrung eingelegt wurde. Der zweite Hauptpunkt des Referates des Professors Bielkowsky betraf die geplante Ueberlassung von Gründeractien durch das Actionscomite an einzelne Personen auf Lebenszeit. In dem dritten Hauptpunkte wurde namentlich über die Clausel berichtet, welche die Gruppe wünsche, um den Vertrag der einzelnen Gründer der jüdischen Nationalbank mit dem Actionscomito, respective der einzelnen Mitglieder untereinander, zu sichern. Es schloss sich eine lange Debatte an diesen Antrag an und die Debatte war noch nicht abgeschlossen, als die Sitzung um 1% Uhr geschlossen wurde. Am dritten Verhandlungstage (17. August) wurde mitunter in großer Erregung über die Frage discutirt, ob die sieben Bankgründer Gründershares erhalten sollen, vr. H e r z l erklärte, das Actionscomito habe einer Anzahl von Personen, die sich um die Bankgründung besonders verdient gemacht haben, je einen Gründerschein zugesagt. Es sind das die Herren: David Wolffsohn, Köln, Jacob Kann, Haag, Samuel Hey mann, London, Samuel Barbasch, Odessa, Gregor Lourie, Pinsk (Russland), Salomon F. Sachs, Dünaburg (Russland), Heinrich R o s e n b au m, Jassy (Rumänien). Das sind die sieben Directoren der Bank, die eigentlichen Gründer. Diese Herren haben nicht, wie bei anderen Bankgründungen, irgend welchen Gewinn erhalten, sondern im Gegentheil noch nennenswerthe persönliche Opfer gebracht. Mit der Verleihung der Gründeractien soll den Herren ein dauernder Einfluss auf die Bank eingeräumt werden. Mit dieser Anerkennung erfüllen wir einen Act der Dankbarkeit und Gerechtigkeit. Ich bitte Sie um Annahme dieser Bestimmung. Andererseits kann ich die Versicherung abgeben, dass diese Herren ohne diese Anerkennung von der Bank sich zurückziehen werden. (Beifall.) Rabbiner S e f f, Uman (Russland), ist gegen die Verleihung von Gründeractien. Rechtsanwalt Dr. Iassinowski, Warschau, redet den Delegirten eindringlich zu, zu den Männern, die sie an die Spitze gestellt hätten, auch einiges Vertrauen zu haben, da nur so das große Unternehmen gelingen könne. Man habe es hier doch nicht mit Capitalisten zu thun, sondern mit Männern, welche bewährte Zionisten seien. (Großer Beifall und heftiger Widerspruch.) Wolffsohn, Köln, gibt als Obmann des Bankcomitö's die Erklärung ab, dass dieses auf die Gründerscheine Verzicht leiste, und dass es das Actionscomits von dem ihm fest gegebenen Versprechen entbinde. Sie seien nicht für die Bank eingetreten, um Ehrenbezeugungen zu erhalten oder in den Besitz von Gründeractien zu gelangen, wie einzelne Herren ihnen unterschieben wollten, sondern aus innerer Ueberzeugung für den Zionismus. vr. Herzl: Das Actionscomitö glaubte den Gründern im Namen des Congresses eine feste Zusicherung geben zu dürfen und glaubte sich Ihrer Zustimmung sicher. Ich beantrage, die Verleihung der Gründerscheine bis zum nächsten Jahre zu vertagen. Sonst müssten wir unsere Conseguenzen daraus ziehen. Weiters erklärte vr. Herzl, dass das Actionscomitö einen Antrag, keine Gründeractien auszugeben, nur mit der Einschränkung annehmen könne, dass die versprochenen sieben Actien zur Ausgabe gelangen. Unter großer Erregung wird die Abstimmung bis zur Nachmittagssitzung vertagt. In der Nachmittagssitzung wurde endlich der Antrag des Actions-Comitö's mit großer Majorität angenommen und den Gründern der Bank der einstimmige Dank des Congresses ausgesprochen. Zum folgenden Punkt der Tagesordnung, „Cnlturaufgaben des Zionismus", sprach vielfach ncclamirt Vicepräsident vr. G a st e r aus London: „Meine Damen und Herren! Ich hatte eigentlich erwartet, dass unsere Frage der Cultur ein Theil der Organisation sei; denn thatsächlich handelt es sich doch darum, nicht blos die materielle Kraft unseres Volkes zu organisiren, sondern besonders die geistige Kraft unserer Nation zu wecken und zu organisiren. Ich sehe aber, dass ich jetzt das Wort ergreife, um Ihnen mitzutheilen, was die Culturcommission Ihnen mitzutheilen Hütte, eigentlich wenig und doch viel, wenig von dem, was geleistet, viel von dem, was erhofft wird." „Unsere Culturfrage", so führte der Redner aus, „ist der große prophetische Traum unseres Volkes, das große Ideal, welches das Leben desselben tief beeinflusst hat. Wir haben aber immer ein großes Ideal vor Augen gehabt, unvergleichbar mit den Idealen, welche andere Völker beeinflusst haben, und wir verfolgten das Ideal unverzagt durch die Jahrtausende. Denn wir träumen, träumen von einem eigenthümlichen Reich auf Erden, wo Gerechtigkeit und Liebe herrschen sollen, und wir nennen das ,Gottesreich auf Erden' das Ideal des jüdischen Volkes." „In welchem Zusammenhang steht dieses Gottesreich auf Erden mit der zionistischen Bewegung? Natürlich im innigsten Zusammenhang. Das eine ist das Hoffen, das andere die That. Wir haben stets vor unserem geistigen Auge das Bikv der glorreichen Zukunft, und das ist das Geheimnis unserer Ewigkeit