Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 28 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 28. wärts, um durch Surrogate den getrübten Glanz der Institutionen wieder aufzufrischen. Welcher Wandel der Zeiten! Unter solchen Verhältnissen ist es eine heilige Pflicht der jüdischen Publicistik, mit der möglichsten Deutlichkeit auf die offenen Wunden hinzuweisen, aus welchen unser Gemeindewesen blutet, und unbeirrt, ob die warnende Stimme gefällig oder missliebig Ohr tönt, wollen wir uns dieser Pflicht unterziehen. Der Schofar mahnt uns an den „Tag der Erinnerung". Möge sein Klang auch die Führer in Israel aus ihrem lethargischen Schlafe wecken und ihnen Allen zum Bewusstsein bringen, dass schwere Zeiten ganze Männer brauchen und Jedermann die Würdigkeit für einen Ehrenplatz durch Thaten beweisen muss. Eine M-iery beim Großhenog von Laden. Wir haben in voriger Nummer berichtet, dass vor Kurzem dem Professor am Berliner Rabbiner-Seminar, vr. A. B e r l i n e r, die hohe Ehre zu Theil wurde, vom Großherzog von Baden in Audienz empfangen zu werden. Der Verlauf dieser Audienz war ein so bemerkenswerther, dass wir uns veranlasst sehen, den authentischen Bericht, den Herr vr. Berliner in der „Berl. isr. Wochenschr." veröffentlicht, wortgetreu wiederzugeben: Geehrter Herr Redacteur! Sie wünschen von mir einen authentischen Bericht über die Audienz, zu welcher der Großherzog von Baden am 25. vorigen Monats in St. Moritz mich befohlen hatte. Indem ich alle Details über die huldvolle Ehrung, welche ich hiebei persönlich erfahren habe, übergehe, will ich nur dasjenige zur Darstellung bringen, welches allgemeines Interesse hat. Am 19. vorigen Monats hatte ich dem Großherzog bei dessen Anwesenheit in St. Moritz mein Buch: „Geschichte der Juden in Rom" eingesandt, „dem Fürsten, dem so viele Herzen im deutschen Vaterlande voller Liebe entgegenschlagen". Am 24., Abends, ließ mir der Geheime Legationsrath Babo melden, dass Seine königliche Hoheit der Großherzog mich am folgenden Tage um 12 Uhr in besonderer Audienz zu empfangen wünsche. Der hohe Herr empfing mich zur festgesetzten Stunde mit freundlichen Dankesworten für mein Buch und lud mich sofort zum Sitzen ein. Er ließ sich hierauf die Quellen näher angeben, aus denen ich die Materialien für mein Geschichtswerk gewonnen habe. Dann ging er zu Georg Eber's Forschungen über, indem er mir seine persönliche Bekanntschaft mit dem Verfasser schilderte. Hierauf fragte er mich nach meinen Personalien, nach dem Rabbiner-Seminar, an welchem ich seit 25 Jahren lehre, und ließ sich von den bisher erzielten Resultaten dieses Institutes unterrichten. Ganz außer dem Zusammenhang fing er hierauf an, von der zionistischen Bewegung zu sprechen, „die Sie sicher kennen, wie auch den Führer derselben, Dr. Herzl, ein edler Mann, der ohne alle Selbstsucht, aus den reinsten Motiven, an die Spitze dieser Bewegung sich gestellt hat. Sie wird ja allerdings noch viel gebessert werden müssen; sie bedarf daher einer kräftigen Unterstützung — und sie ist auch derselben werth —, damit sie in die richtigen Wege gelenkt werde. Leider hat man in Constantinopel noch nicht das rechte Verständnis hierfür; hoffen wir aber, dass dorthin bald mehr Licht dringen werde. Sie missverstehen mich nicht, Herr Doctor; für unsere deutschen Juden braucht man keine Zufluchtsstätte zu schaffen. Aber dort im Osten und Norden, wo nicht Ihre Glaubensgenossen allein, sondern auch evangelische Christen in bedrängter Lage sich befinden. Sie wissen, Herr Doctor, wie sich auch in unserem Vaterlande eine gewisse Partei zusammengethan hat, um sich politisch aufzuspielen, aber nur aus Eigennutz und speciellem Interesse, ein Verderbnis unserer Zeit, aber sie wird nicht mehr schaden; denn sie hört auf und verschwindet." Dann erkundigte sich der Großherzog nach der Zahl der Gotteshäuser in Berlin, erzählte mir, wie er und die Großherzogin die Synagoge in Amsterdam besucht und mit welcher Aufmerksamkeit sie die altjüdischen Gesänge des Vorbeters gehört haben, wie auch die jüdischen Demantschleifer ihr Interesse erregt hoben. „Es find brave und fleißige Arbeiter, intelligente Menschen." Hierauf sprach er zu mir über die geordneten staatlichen Verhältnisse der Judenschaft Badens, über die Gemeinden und Synagogen in CarlSruhe, über das neue Gotteshaus in der Stadt Baden, welches der fremden Glaubensgenossen wegen erbaut worden ist, die dorthin kommen und für die das bisherige Gotteshaus nicht mehr ausreichend war, und noch über verschiedenes Andere. Am Schluffe reichte mir der Großherzog wiederholt die Hand, wünschte mir gesundes Wiedersehen und entließ mich in der huldvollsten Weise. vr. A. Berliner. Der Iiomjtm-Congress in Lasel. (Schluss.) In der Vormittagssitzung des zweiten Verhandlungstages (16. August) bittet zuerst vr. Herzl, dass der Congress der lebenslänglichen Ueberlassung von Gründershares an die sieben hochverdienten Bankgründer, wie es denselben vom Actionscomitö versprochen wurde, seine Zustimmung ertheile. — Mozkin Berlin (wendet) sich dagegen; im Interesse der Sache will er das demokratische Princip nicht verletzen lassen. Lebenslängliche Rechte sollen nicht verliehen werden. Die erregte Debatte führt zu keinem Resultate, und wird hierauf die Discusston über den Bericht des Actionscomitö's fortgesetzt. Als Delegirter der galizischen Juden verlangt vr. Menczel (Czernowitz) ausgiebige Hilfe für Galizien und die Bukowina. Das Elend daselbst lasse sich gar nicht in Worten ausdrücken, und er könne dem Actionscomitö den Vorwurf nicht ersparen für Galizien zu wenig gethan zu haben. Das sei umso bedauerlicher, als in Galizien Alles zionistisch ist. Dr. Werner (Wien) wünscht Aufklärung über einen Passus in der Eröffnungsrede vr. Herzl's und fragt, ob dieser Passus eine Verengung des Programmes bedeute, da er (Herzl) nur von einem „türkischen Charter", das Basler Programm aber von öffentlich garantirten Rechten spricht, unter denen doch alle Mächte zu verstehen feien 1? Im ferneren Verlauf seiner Rede bemängelt der Redner die ungenauen Daten im Berichte des Actionscomite's und wünscht die Errichtung besonderer Localcomitös. Er kam auch auf den Verein „Ahawath Zion" zu sprechen und fordert die ganze Darstellung der Streitigkeiten mit dem „Ahawath Zion", um den Congress aufzuklären und den Zionismus von dieser Landplage zu befreien. Birk enstein (Frankfurt a. M.) ist der Ansicht, das Actionscomitö hätte gar zu wenig in Deutschland agitirt, Deutschland solle das erste Ziel der Agitation sein, denn wenn erst die deutschen Juden gewonnen seien, wird uns auch ganz Westeuropa zufallen. Redner drückt den Wunsch aus, dass der Congress im nächsten Jahre in einer anderen Stadt abgehalten werde. Dr. Weizmann spricht über das Verhältnis des engeren Actionscomitö's zum größeren. Die Verbindung der leitenden Männer in den verschiedenen Ländern mit dem Actionscomite sei zu locker und erstere zu wenig selbstständig. Auch werden deren Wünsche zu wenig berücksichtigt. vr. Ts ch len off ist vom Berichte des Actionscomite's befriedigt, besonders weil es den Cassabericht specificirt habe. Er will, dass der Schekel nur von denen genommen werde, die mit unserer Sache sympathisiren. Er wünscht, dass die Zahl der Vereine angegeben werde. Mozkin tadelt, dass die Beschlüsse des Congresses in Bezug auf die Bank nicht eingehalten wurden, der Congress