Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 28 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die WayrHsit Ncdaction n. Administration: Wien, Hl\f Novaragasse 27• Anabhängige Keilschrift für Mische Bezugspreis: Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig.fl. 3.— K. f. österr. Postsparcassa Chcck-Conto Nr. 846.251. Interessen. Für Lultusbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— Inserate 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeden achten Tag. Für Ausland: Abonnements- und Jnsertions- Ganzjährig.12 Mark betrage sind in Wien zahlbar. 6 Rubel oder 16 Frcs. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Nr. 28. Wien» 1. September 18W. Inhalt: NeujahrSbelrachtungen. — Eine Audienz beim Großherzog von Baden. — Der Zionisten-Congress in Basel. — Jonathan Eibenschitz. — Feuilleton: Heiniweh. — Drucksehler-Berichtigung. — Ignaz Holzer, weiland Rabbiner in Znaim. — Zum jüdischen Synagogen- und Gemeindeleben im Mittelalter. — Verschiedene Nachrichten. — Geschäftliche Notizen. Allen geehrten Mitarbeitern, Freunden und Gönnern unseres Blattes wünschen wie zum Jahreswechsel ♦Dibt&i pD*in D^n rw Aie Htedcrction. llenjahrsbetrachtnngen. Wenn der Sommer uns seine letzten Scheidegrüße sendet und überall in der Natur bereits herbstliche Stimmung waltet, da dringt alltäglich aus den jüdischen Gotteshäusern der Klang des Schofars und verkündet den Glaubensbrüdern, dass die Zeit der hohen Feste herannaht. Die langgezogenen Töne üben nicht nur auf die Frommen und Gläubigen eine mächtige Wirkung aus, auch die Indifferenten und Lässigen werden aus ihrer Gleichgiltigkeit aufgerüttelt, und mit unwiderstehlicher Gewalt zieht es sie in den Kreis der jüdischen Gemeinschaft, dem sie das ganze Jahr hindurch ferngestanden sind. Die losgelösten Glieder rücken näher aneinander, Parteizwist und Hader werden bei Seite gelegt, ein allgemeiner Gottesfrieden herrscht in der Gemeinde und die religiöse Weihe umschlingt Alle mit einem einigenden Band. So sehen wir von Jahr zu Jahr immer wieder einen Verjüngungsprocess sich vollziehen, der für den Fortbestand des Judenthums von großer Bedeutung ist und dem auch von den Führern der jüdischen Gemeinden die größte Aufmerksamkeit zngewendet werden sollte. Die erhöhte Empfänglichkeit, die sich znr Zeit der hohen Festtage für religiöse Uebungen kundgibt, muss auch für den übrigen Theil des Jahres wach erhalten und mit weiser Vorsicht auf alle Erscheinungen und Bethätigungen des jüdischen Lebens gelenkt werden. Nur so kann der jüdische Sinn wieder geweckt, das tief darniederliegende jüdische Bewusstsein gekräftigt, das Interesse an unseren allehrwürdigen Institutionen und Traditionen gehoben und die Gemeinde wieder zu einem Brennpunkte des jüdischen Lebens gestaltet werden, der uns in der gegenwärtigen Zeit der inneren Zerfahrenheit und äußeren Bedrängnis mehr denn je Noch thut. Freilich ist die Aufgabe, die da an unsere Führer herantritt, keine geringe. Wir brauchen zur Bewältigung derselben Männer, die mit feinem Verständnis auf alle Strömungen der Zeit lauschen, die tiefgehende Bewegungen nicht unbeachtet lassen und denen die Bedürfnisse aller Schichten der Bevölkerung nicht fremd sind; Männer, die sowohl ihre eigenen Fähigkeiten nicht überschätzen, als auch die der Gemeinde jeweilig zu Gebote stehenden geistigen und materiellen Kräfte genau abzuwägen wissen, um sie zum Wohle derselben richtig verwerthen zu können; Männer der That, nicht Männer der Phrase; Männer, die nicht, hart nach unten und biegsam nach oben, nur dem Augenblicke dienen, sondern charakterfest gegenüber allen Personen und Verhältnissen, treu und unentwegt jene Ziele vor Augen haben, welche den erhabenen Traditionen des Judenthums entsprechen und deren Erfüllung Pflicht eines jüdischen Gemeinwesens ist — mit einem Worte Männer, die wirklich Führer und nicht die Geführten sind. Mit solchen Männern an der Spitze unserer Gemeinden würden wir, gestählt und gefestigt im Innern, erfolgreich den Kampf nach außen bestehen und das Judenthum müsste überall an Achtung gewinnen. Aber leider macht sich, soweit das Auge auch blickt, zumeist die gewöhnliche Mittelmäßigkeit breit, und selbst das größte jüdische Gemeinwesen unseres Vaterlandes bietet keinen erfreulichen Lichtpunkt in der traurigen Flucht der Erscheinungen. Auch hier sind wie anderwärts die Kleinlichkeitskrämereien an der Tagesordnung. Die großen schöpferischen Ideen, durch welche die Wiener Cultusgemeinde ihr Ansehen begründet hat, scheinen ausgestorben oder auf dem materiell dürftig gewordenen Boden keine Pflegestätte zu finden, und in dem großen Gemeinwesen, das fiüher nach jeder Richtung tonangebend gewesen ist, lauscht man mit angehaltenem Athem auf die Offenbarungen von aus-