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Die Wahrheit · 1899-08-21 · Heft 27 (21.8.1899) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 27 (21.8.1899)
Date
1899-08-21
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. „Wahrheit." Nr. 27. doch die Beziehungen zum Gewesenen aufrecht zu erhalten. Wie Sulzer selbst die von ihm verworfene alte Institution des Chasen mit Meschorerim trotzdem zu würdigen verstand, finden wir in der charakteristischen Bearbeitung einschlägiger PiLcen, wie m'loeü al kol lioolom, se'ehor a'donoj 2c. gekennzeichnet; wir fühlen den mächtigen Flügelschlag seines Genius uns umrauschen, wie diese altehrwürdigen Klänge zuvor sein geistiges Eigenthum geworden sein mussten, um dann im modernen Lichte als Originalarbeit aus seinem Herzen wieder herauszustrahlen; unternahm es Sulzer je, Dowidel Brod zu imitiren? Noch mehr! Stand der verewigte Goldsteiu nicht bewundernd und anerkennend vor Sulzer, lauschte er nicht mit zurückgchaltenem Athem seinen Tönen und Worten? Doch kam es ihm jemals in den Sinn, den Meister imitiren zu wollen? Haben Weintraub, Naumburg, Deutsch 2c. es jemals versucht. Jemanden zu imitiren? Oder setzten sie vielmehr nicht ihre ganze Kraft daran, den Sulzer'schen Geist zu erfasseu, und dieser geistigen Anregung folgend, ihren Schöpfungen das Gepräge der eigenen Originalität aufzudrücken? Durch Nachhilfe und Friseurgeschicklichkeit kann es wohl gelingen, die Maske, vielleicht auch den ganzen interessanten Kopf irgend eines llemerkenswerthen Mannes zu imitiren, jedoch, man merke es sich, stets nur die Aeußerlichkeiten, die Maske; niemals jedoch kann der geistig bedeutungsvolle Blick, welcher als Ergebnis eines tiefen Seelenlebens das Gesicht verklärt, imitirt werden. Im Gegentheile! Je gelungener die Contouren des nachgebildeten Kopfes sind, desto eindringlicher starrt uns die geistige Hohlheit desselben aus dem nichtssagenden, matten Auge entgegen und mahnt uns daran, dass es doch mit dem Nachahmen der Aeußerlichkeiten nichts sei und dass man als gewöhnlicher, aber selbstständiger Mensch besser fortkäme, wie als falscher — Prophet. Wir föunten den Faden dieser unerquicklichen Geschehnisse noch in's Unendliche forlspinnen, vermeinen jedoch, durch die angeführten, der Wirklichkeit entnommenen Thatsachen die Nichtigkeit der Imitation auf jüdisch-cantoralem Gebiete erschöpfend nachgewiesen zu haben, und möchten, namentlich für Cantorats- Eleven, aus dieser Studie die Nutzanwendung folgernsich gleich vom Anbeginn ihrer Laufbahn von der Imitation fern zu halten. Die Compositionen unserer Meister müssen studirt und ihrem Geiste nach erfasst werden; nach diesen Musterbildern muss jeder Anfänger versuchen, etwas Selbstständiges zu schaffen. Wenn diese eigenen Producte Anfangs auch etwas kläglich ausfallen, so gebührt ihnen trotzdem der Vorrang all' denen gegenüber, die aus Unwissenheit und der aus derselben resultirenden Lässigkeit zum Beispiel den Sulzer'schen mah godlu Note für Note studirt haben, ihr ganzes Leben in dieser Zwangsjacke stecken und selbst als ergraute sogenannte Cantoren nicht vermögen, eine Note dieses Recitativs selbstständig zu ändern. Vollendung kann allerdings nicht ohne Kampf und Mühe erreicht werden, doch verlohnt es des Fleißes der redlich Strebenden, in dieser selbstschöpferischen Thätigkeit auszuharren, damit man nicht vor das Betpult hintrete mit dem Bewusstsein der eigenen Unfähigkeit, aus einer Tonart in die Nächstliegende moduliren zu können, sondern mit der festen Zuversicht auf sein Wissen und Können dem Genius der momentanen Eingebung folgen zu dürfen. Die musikalisch tüchtigen Cantoren und Cantorats-Eleven werden diese Erörterung wohl zu würdigen verstehen und bei strenger Befolgung derselben wohl nach Jahren die Zweckmäßigkeit derselben an sich selbst erfahren. Verschiedene Nachrichten. Wien. In den Tempeln der israelitischen Cultusgemeinde und der Türk. Gemeinde, sowie in den Bezirks-Bethäusern fanden anlässlich des Allerhöchsten Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers feierliche Gottesdienste mit Festpredigten statt. Wien. Baronin Charlotte Freiin von K ö n i g s w a r t e r, geborene von Wertheimstein, wurde vom Kaiser der Elisabeth-Orden II. Claffe verliehen. Die hohe Auszeichnung, die dieser ob ihrer edlen Herzensgute und Wohlthätigkcit allverehrten Dame zu Theil wurde, wird in allen Kreisen der Residenz mit großer Freude vernommen werden. Baden, 10. August. Ein ausgezeichneter Jude im edelsten Sinne des Wortes ist heute hier zu Grabe bestattet worden, Herr Heinrich Berger aus Wien. Alle erhabenen Traditionen, die das Judenthum seit Jahrtausenden fortpflanzt und welche die Basis zu seiner Erhaltung, Entwickelung und Erhebung bilden, hat dieser Verblichene in sich in hervorragender Weise vereinigt. Fest im Glauben, treu zu seinem Stamme, bescheiden in seinem ganzen Wesen, anspruchslos wie der Aermste im Volke war Heinrich Berger und in ihm schlug ein Herz, das der Milde und Wohlthätigkcit zu jeder Zeit sich angelweit aufthat und das ihn bei jeder veranstalteten Humanitären Unternehmung zu bedeutender Betheiligung hinlenkte. Wohl war er vom Allgütigen mit irdischen Gütern reichlich gesegnet, aber sein Wohlthun soll sein Können überwogen haben, und das muss ein großes Ausmaß gewesen sein. Wie er für die erhabene Lehre seiner Väter begeistert war, bekundete er in seiner Hingebung für die in Wien so glänzend bestehende Talmudthora- Schule, deren Mitbegründer er war und die zu erhalten und zu fördern er sein Bestes einsetzte. Trotz seiner großen geschäftlichen Werkthätigkeit hat er es doch nie an Zeit und Mühe fehlen lassen, diesem für die Wiener jüdische Jugend so ausgezeichneten Institute mit Rath und That beizusiehen. War doch die jüdische Jugend, ihr Gedeihen und Wachsen in der Moral und echten Religiosität der eigentliche Springpunkt seines Denkens und Empfindens. Wie freute er sich, wenn ein Talmudthora-Schüler durch Fleiß und Kenntnisse sich auszcichnete, wie pries er ihn vor Jedermann und wurde nicht müde, einen solchen mit kleinen Aufmerksamkeiten zu erfreuen. Und diese seltenen Eigenschaften krönte eine Bescheidenheit, wie sie nur Einzelnen eigen ist und in der heutigen so gern großthuendeu Zeit besonders hervorgehoben zu werden verdient. Obwohl er „Ben-Thora" nach allen Anforderungen war, verordnete er doch vor seinem Tode, dass ihm von keiner Seite irgend ein officieller Nachruf gehalten werden solle, da ein solcher nur, wie er meinte, einem „Talmud-Chacham" geziemt. Sein Leichenbegängnis aber zeugte von der hohen Achtung, die er in den weitesten Kreisen genoss, denn von allen Seiten strömten die achtbarsten Männer herbei, um diesen edlen, wahrhaft gottergebenen Manne die letzte Ehre zu erweisen. J. Stellen Veränderung. Cantor D. Friedwald wurde einstimmig zum ersten Cantor in Balassa Gyarmat gewählt. Znaim, 15. August- Unsere Gemeinde ist vorige Woche Donnerstag durch das plötzliche Hinscheiden unseres Rabbiners, Obercantors und Religionslehrers Herrn Ignaz Holzer in tiefe Trauer versetzt worden. Beredten Beweis der Hochachtung, die ihm allerseits gezollt wurde, lieferte das Leichenbegängnis, welches Sonntag, den 13. d. M. stattgefunden hat. Sämmtliche Honoratioren unserer Stadt, der Vicepräsident des Kreisgerichtes, Oberlandcsgerichtsrath Jaschke, Bezirkshauptmaun Werner mit dem Ober-Bezirksarzt Dr. Wolfenstein, der Bürgermeister Brantner mit mehreren Gemeinderäthen, Realschul-Director Seeberger mit sämmtlichen hier anwesenden Gymnasial- und Realschul-Professoren, Bürgerschul-Director Böhm rc. re., Deputationen der benachbarten Gemeinden von Schaffa, Mislitz, Retz und Jamnitz, sowie sämmtliche Gemeindemitglieder von hier und Umgebung hatten sich in dem schwarz drapirten Tempel, wo die- Leiche aufgebahrt wurde, zur Trauerfeier eingefunden. Nachdem der Cultusvorstand mit dem Gesammtausschusse um die Bahre Aufstellung genommen hatte, hielt Rabbiner Dr. Pollack aus Trebitsch eine ergreifende Trauerrede. Hierauf recitirte ein Schüler des Verstorbenen, Cantor Lustig aus Ung.-Hradisch, und der Sarg wurde vom Vorstande aus dem Gotteshause getragen. Den Trauerzug, der sich nach deni Friedhose in Bewegung setzte, eröffnete die Schuljugend. Am Grabe hielt Vorsteher-Stellvertreter Dr. jnr. Sigmund Rosenfeld im Namen der Gemeinde dem Verblichenen einen warmen Nachruf, und gab das Versprechen, dass die Gemeinde den Dank, den der Dahingeschiedene sich um die Schule und das Gotteshaus erworben hatte, an die trauernd Hinterbliebene Witwe nach Kräften abstatten werde. Sodann sprach ein Jugend-

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