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Die Wahrheit · 1899-08-21 · Heft 27 (21.8.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 27 (21.8.1899)
Date
1899-08-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Hesterr.-ungar. Kcrntoren-Ieitung. Nr. zi. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". A gahrg. Imitation. Von Obercantor Jos. Singer, Wien. Die treffliche Studie in einem Wiener Blatte „Ueber die Reform der Kirchenmusik" drängt unwillkürlich zum Vergleiche, dass, wie in der Kirche, auch in der Synagoge ein bedauerlicher musikalischer Niedergang platzgreift; man braucht nur bei der Ueberschrift statt „Kirchenmusik" „Synagogenmusik" zu setzen, und der Inhalt des betreffenden Aufsatzes passte auf unsere synagogalen Verhältnisse voll und ganz. Der Charakter dieser Erscheinung auf kirchlichem wie auf synagogalem Gebiete findet namentlich in dem bemerkenswerthen Satze erschöpfenden Ansdruck, den wörtlich anzuführen, wir uns nicht versagen können: „Der k ü n st l e r i s ch e Dilettantismus, der nirgends so weit um sich gegriffen hat, wie in der Tonkunst, ist hoch ehrenwerth und in gewissem Sinne gemeinnützig, aber als allgemeine Basis für die Veredlung der Kirchenmusik unbrauchbar u. s. w. Dringend nothwendig wäre es jedoch, der musikalischen Verrohung Einhalt zu thun u. s. w." Auch wir würdigen den musikalischen Dilettantismus im weiteren Sinne, denselben jedoch als Werthmesser künstlerischer Bestrebungen oder Verbesserungen auf synagogal-gesanglichem Gebiete gelten zu lassen, wäre ein Missgriff, vor welchem allen Ernstes gewarnt werden muss. Dilettantismus setzt allerdings irgend eine umfassendere Naturbegabung voraus, entbehrt jedoch jedweder sachlichen Vorbildung und dementsprechend auch jedweden künstlerisch-reifen Zielbewusstseins. Der Dilettant sollte daher niemals aus dem Rahmen seines nur für Liebhabereien ausreichenden Könnens — hinausgreifen, sowohl der ausübende, wie der beurtheilende Dilettant, weil hüben und drüben der Erfolg stets nur eine Schädigung bedeutet. Welch' segensreiche Thätigkeit wäre beispielsweise von einem durch Zufall zu Amt und Stellung gelangten jüdischen Cantor zu erwarten, der weder mit der Geschichte und Vergangenheit seines Berufes vertraut, noch über die allerersten Elemente der Musiktheorie, Stimmbildung rc. verfügt? Welch' ersprießliche Erfolge hätte weiters ein Synagogenvorsteher für die gesanglichen Verhältnisse der Synagoge zu verzeichnen, der, wenn auch mit allgemeiner Bildung ausgerüstet und von den edelsten Absichten erfüllt, auf musikalischem Gebiete nur ein Laie, oftmals auch nur ein herrschsüchtiger Laie ist? Steht nun der Cantor auf der Höhe seines idealen Berufes, so wird und muss es ihm gelingen, den über die Verhältnisse gebietenden, doch immerhin nur irrig strebenden Laien-Vorsteher über die Unzulänglichkeit seiner Doctrinen zweckdienlich auszuklären. Was geschieht jedoch, wenn der betreffende Cantor mehr als ein Stümper, zudem noch ein serviler Augendiener seines von den redlichsten Absichten, aber von vollständig unhaltbaren Voraussetzungen erfüllten Herrn Vorstehers ist und Alles gedanken- und willenlos übt, was Jener von ihm verlangt? Das Resultat ist an den Fingern abzuzählen. Ohne Hinblick auf jahrhundertlange Gepflogenheit, ohne Rücksichtnahme auf bestehende, mit der Weihe eines gewissen Heiligenscheines umgebene Gewohnheiten werden von solch' fachmännisch unreifen Cantoren mit rauhen Händen die Traditionen angegriffen und selbst Heiiigthümer erbarmungslos über Bord geworfen. Und was wird hiefür geboten? „So viel als nichts, so viel als nichts l" könnte man, vom Unmuthe über diese Brutalität ergriffen, ausrufen. Forschen wir nun nach den trüben Quellen für diese bedauerlichen Geschehnisse seitens gewisser Cantoren, so werden wir alsbald gewahr, dass dieselben lediglich in der leidigen Nachahmungssucht (Imitation) ihren Ausgangspunkt haben. Ueberzeugt von der Unzulänglichkeit des eigenen Schaffens, von der Seichtigkeit des eigenen Wissens und von der Ohnmacht des eigenen Könnens, sehen sich solche Cantoren nach irgendeinem sie über Bord zu haltenden Nettungsankerchen um und glauben, dasselbe in der Imitation der Aeußerlichkeiten berühmter Vorbilder gefunden zu haben. Der Eine lässt sich für seinen Tallis eine ganz außergewöhnlich ornamentirte Goldborte wirken und glaubt, hiedurch in directer Linie mit dem jerusalemitischen Hohepriester verwandt zu sein; der Andere trägt beim Hintreten zum Omed seinen Siddur gleich einer Monstranze mit beiden Händen vor sich und lebt der sicheren Ueberzeugung, dass bei der nächsten Besetzung eines hohen Kirchenfürsteusitzes die Wahl zuversichtlich auf ihn fallen müsse; der Dritte gar findet in der Imitation Sulzer's sein Heil. Nicht etwa die künstlerisch bedeutsame Wortbehandlung, oder gar die blendende musikalische Modulation des Meisters verleitet ihn zu dieser unglückseligen Tändelei, er fühlt es ja selbst, dass es bei seiner mehr als oberflächlichen Vorbildung ihm stets verwehrt bleibt, solch' ideale Bahnen zu wandeln; doch wie der verewigte Meister gehustet, das ist doch leicht zu erreichen, und wenn er gar in schwindsüchtigen Fisteltönen das von Sulzer in gesättigtem Brustfalsett vorgetragene „Schiro" seiner Gemeinde credenzt oder gar das inhalts- und bedeutungslose Wörtchen „Li" mit hektischem Fisteltremolo illustrirt, so schwört er heilig daraus, dass er nicht allein die Begabung der Sulzer'schen Vortragsweise (sic.') geerbt, sondern überhaupt der einzige würdige Nachfolger desselben sei und für alle Zeiten bleiben werde. Imitation muss es auch genannt werden, wenn man erlauschte Aeußerungen eines Anderen sür eigene Gedankenblüthen aus den Markt bringt; sei es im Leben, sei es in der Synagoge, im Hause wie aus der Straße, und nackte Imitation ist es sicherlich, wenn man die hingeworfene Aeußerung eines Vorstehers ohne Bedenken als Offenbarungen anerkennt, und statt des altehrwürdigen Chasonus ein Gemengsel von mit falschem Pathos gesprochenen und mit falschen Tönen gesungenen Worten hinauspoltert und in der beglückenden Ignoranz noch vermeint, dem mit lächerlicher Betonung und mit noch lächerlicherer Handbewegung begleiteten gesprochenen Worte in der Synagoge einen Platz gesichert zu haben. Von Dowidel Brod bis zu dem erst letzthin verstorbenen Goldstein finden wir ähnliche Vorkommnisse nicht. Wohl musste Dowidel Brod dort anknüpsen, wo sein Vorgänger ausgehört, und selbst der reformirende Meistersänger Sulzer musste auf den geistigen Inhalt der damaligen Synagogengesünge Rücksicht nehmen, um bei aller fortschrittlichen Selbstständigkeit immer

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