Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 26 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10. „Wahrheit." Nr. 26. Vorsteher — Parneß — der Rendant — Gabai — und die Vornehmsten der Gemeinde als Beisitzer, deren Zahl gewöhnlich sieben war, auch der Rabbiner und seine zwei Gehilfen, die erst seit dem dreizehnten Jahrhundert Gehalt zu beziehen anfingen. Zu den besoldeten Beamten einer Gemeinde gehörten: der Vorbeter, der Schächter, der Lehrer und der Gemeindediener. Als Muster für die ganze Judenheit diente die Gemeindeverfassung im jüdischen Babylonien, die sich theilweise bis auf die neueste Zeit behauptet hat. Jedoch das jüdische Gemeindewesen, der exilarchatische Staat in Babylonien (bis gegen Ende des zehnten Jahrhunderts), so abhängig er auch von den Launen der islamitischen Statthalter und der Willkür der eigenen Träger war, erglänzte in der Ferne mit dem Glorienscheine von Macht und Größe, beinahe ohne Gleichen in den späteren Zeiten. Das Leben der Gemeinde im weiteren Mittelalter in Europa wurde durch die vielen verschiedenen „Tekonoth" — Verordnungen — geordnet. Zu jeder Verordnung war zuerst die Genehmigung des Rabbiners erforderlich, und nachdem sie auch die Vorsteher der Gemeinde billigten, wurde sie in der Synagoge einmal proelamirt und, sobald sogleich kein Einspruch dagegen sich erhob, obligatorisch festgesetzt. So bedacht und vorsichtig gingen unsere Alten an's Werk. (Am Ende des 12 ba ed 1526.) Des Rabbiners Machtbefugnis über seine Gemeinde war hauptsächlich durch seine Autorität, durch seinen bekannten Ruf, nicht durch seine officielle Stellung bestimmt, denn nur bis zum Schluss des dreizehnten Jahrhunderts war der Rabbiner von seiner Gemeinde nicht abhängig und waltete seines Amtes unbesoldet. Seitdem waren meist auch äußere Einflüsse bei Ernennung des Rabbiners und seiner Verwaltung geltend, uud zuletzt musste dazu die Bestätigung der Regierung eingeholt werden. Den Häuptern der Diaspora in Persien und den Negidim in Afrika ertheilte die Regierung die weiteste Machtbefugnis, die keinem Rabbiner in Europa zutheil war. In Polen war der Rabbiner unter Sigismund I. (sechzehntes Jahrh.) vom König bestätigt und gewissermaßen war er auch Regierungsbeamter, da er für die Krone die Kopfsteuer einzog und noch die richterliche Befugnis besaß. Zu gleicher Zeit existirte in Polen die berühmte Vier Länder- Synode, die einzige in ihrer Art, über die ich im weiteren Verlauf dieser Abhandlungen noch Näheres mittheile. Napoleon I. ordnete die Angelegenheiten des französischen Judenchums so, dass selbst jetzt die Rabbiner Frankreichs Regierungsbeamte sind. Im Mittelalter aber war es den Juden gar nicht recht, dass die Rabbiner eine andere äußere Macht zur Verwaltung hätten, als die der freie Gemeindewille ihnen einräumen mochte?) Rabbi Simon ben Zemach Duran (geb. 1361, gest. 1444) ist nur unter der Bedingung zum Rabbiner von Algier gewählt, dass er von der Regierung keine Amtsbestätigung nachsuchen durste, vermuthlich weil sein Vorgänger zu selbstständig aufgetreten war. Simon Duran, ein auch mit den profanen Wissenschaften vertrauter Mann, war der erste Rabbiner, der aus besonderen Gründen von der Gemeinde Sold bezog, was bis dahin in spanisch-jüdischen Gemeinden ohne Beispiel war?) ') Responsen des Rabbi Meir v. Rothenburg. Nr. 190. 8) Grätz, Bd. VIII, p. HO. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien, 9. August. Gestern ist in Baden bei Wien der durch seine Frömmigkeit und seinen Wohlthätigkeitssinn in den weitesten Kreisen der österreichisch-ungarischen Judenschaft bekannte Herr Heinrich Bergerim 77. Lebensjahre gestorben. Der Verblichene war der Gründer der Schönlatern-Schule und langjährige Präses der Talmud-Thoraschule in Wien. Auch in Pressburg, seiner Vaterstadt, hat er ein Beth-Hamidrasch gegründet, welches er auf eigene Kosten erhielt. Die Pflegestätten jüdischer Wissenschaft, ebenso die humanitären Institutionen fanden an ihm einen eifrigen Förderer. Ein Sohn des Verblichenen ist der Vorsteher der Wiener Cultusgemeinde, vr. A. Berger, ein Schwiegersohn der bekannte Professor vr. Guido Adler. Das Leichenbegängnis fand Donnerstag, IO Uhr Vormittags, in Baden statt. N"2"L"2"N. Wien. Dienstag, den 15. August, 1 Uhr Nachmittags, findet im Leopoldstädter Tempel die Trauung des Fräulein Elise Kühner mit dem k. k. Postofficial Herrn Josef Weil statt. Die Braut ist eine Tochter des Mitgliedes des Chorpersonales an der k. k. Hofoper, Herrn Heinrich K u h n e r, der durch viele Jahre auch dem Chorpersonale an der Lcopoldstädter Synagoge angehörte. Bisenz. Vor Kurzem hatte ich auf meiner Durchreise hier Gelegenheit, das schöne Gotteshaus sowohl Freitag Abends als auch Samstag Vormittags zu besuchen und zu meinem Erstaunen sah ich einen 8Ojährigen Mann, den Cantor Josef Kühner, den Gottesdienst verrichten. Die körperliche Rüstigkeit des Functionärs, die noch immer sympathische Stimme und sein weihevoller Bortrag steigerten mein Interesse und ich suchte nähere Details über seine Person zu erfahren. Dabei wurde mir mitgetheilt, dass man diesem alten Manne heute noch Functionen und Pflichten auferlegt, an deren Erfüllung selbst ein jüngerer Beamter mehr als genug hätte. Es wäre wohl human und gerecht, wenn man, falls die Gemeinde nicht in der Lage ist, ihren Beamten nach mehr als 3Ojährigem Dienste mit einem anständigen Ruhegehalte zu pensioniren, ihm nur die Hauptfunctionen überließe und die anderen Functionen einer jüngeren Kraft zutheilte. — Linm68. Piesling. Das der hiesigen Cultusgemeinde incorporirte Dorf Slavatheir hat am 25. Juli l. I. einer Leichenfeier beigewohnt, welche nicht sobald aus der Erinnerung schwinden wird. Die Gattin des, in der ganzen Runde wegen seines biederen Charakters und wegen seiner Philantrophic bekannten und hochgeschätzten Herrn I. Spitz, Grunduud Brauereibesitzer in Slavathen, hat ihre Augen für immer geschlossen. Ein großer Kreis von Freunden und Verehrern des Hauses Spitz aus Wien, Waidhofen a. d. Thaya, Zlabing und Neu-Bistritz gab der Heimgegangenen das letzte Geleite, aber auch eine sehr bedeutende Zahl von Christen hatte sich eingefunden, um der guten Frau Spitz, die bei den christlichen Bewohnern des Ortes sehr beliebt war, die letzte Ehre zu erweisen. Zur Leichenfeier wurden die Herren Rabbiner Dr. Frankl, Cantor Thal er aus Piesling nach Slavathen berufen. Vor dem Hause wurde die Bahre, welche sieben erwachsene Söhne uud der Bruder der Heimgegangenen umstanden, aufgestellt und nachdem Cantor Thaler die Sterbegebete verrichtet hatte, schilderte Rabbiner vr. Frankl mit beredten Worten das stille Wirken der Verewigten als Gatttn, Mutter und als Wohlthäterin. Hierauf wurde der Sarg auf den Leichenwagen gehoben und eine lange Reihe von Wagen gab ihr das Geleite nach Piesling, wo die Verewigte ihre Ruhe gefunden hat. Möge ihr die Erde leicht sein. Prag, 31. Juli 1899. In der heutigen Generalversammlung der Mitglieder der Klaus-Synagoge wurde Herr Obercantor Sigmund Schwarz vom Orthodoxentempel in Pressburg, zum Obercantor gewählt. Berlin. In der Nacht auf den 26. Juli ist der bekannte Musikpädagoge, Professor Emil Bres laur, der sich um den Unterricht in der Musik und speciell um die Synagogenmusik große Verdienste erworben hat, nach langem Leiden gestorben. 1836 zu Kurnik geboren, besuchte er zuerst das Gynniasium, dann das Seminar zu Neuzelle und wurde, nachdem er die Lehrerprttsimg abgelegt hatte, Prediger und Religionslehrer der jüdischen Gemeinde in Kottbus. Aber seine Befähigung und seine Liebe zur Musik führten ihn Anfangs der Sechzigerjahre nach Berlin, wo er sich schnell als Lehrer der Musiktheorie und Praxis einen anerkannten Namen machte. Mit unermüdlichen: Eifer übte er seine Begabung nach den verschiedensten Richtungen aus. 1883 wurde Breslaur Chordirector an der hiesigen jüdischen Reformgemeinde, in tvelcher Stellung er bis in die letzte Zeit hervorragend wirkte. Er nahm an allen Angelegenheiten des Judenthums regen Antheil und entwickelte außer seiner pädagogischen auch eine reiche schriftstellerische Thätigkeit. Zahl-