Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 26 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 26. Die Wahrheit. reiche clavierpädagogische Schriften, zum Theil periodischer Natur, wie seine Wochenschrift „Der Clavierlehrer", bezeugten sein Wissen und sein Lehrtalent. Für sein Werk „Die technische Grundlage des Clavierspiels" erhielt er den Professortitel. Die Beerdigung des als Mensch und Forscher hochgeachteten Mannes fand am 30. Juli unter reger Theilnahme in Weissensee statt. Nachdem der von Breslaur früher geleitete Chor mit der von ihm componirten Motette: „Du, Herr, bist unsere Zuflucht für und für" die Trauerfeier eingeleitet hatte, hielt Prediger 1)r. Klemperer, anknüpfend an die Worte „Gott hat gegeben, Gott hat genommen", die Gedächtnisrede. Hierauf entwarf der Redner in großen Zügen ein treues Bild des Entschlafenen und stattete ihm, der so unendlich viel zur Hebung des Gottesdienstes der Reformgemeinde beigetragen hatte, den Dank der Mitglieder dieser Gemeinde ab. Ratibor. Von unserem Obercantor und Gesangslehrer, Herrn Simon Tonnenberg, wurden zwei sehr gelungene Musikstücke componirt und veröffentlicht: 1. „Die venetianische Fischerserenade" für Bariton: 2. „Intermezzo" für Clavier. Herr Tonnenberg, in Warschau 187l geboren, genoss durch Unterstützung des Grafen Zyszerski durch sechs Jahre Gesangsunterricht und war für die Opernlaufbahn bestimmt. Auf Wunsch seines seligen Vaters, der selbst ein Cantor war, musste er die Bühue aufgeben und widmete sich dem Cantorate. Nachdem er bei Obercantor Bauer in Wien seine cantorale Ausbildung erlangt hatte, wurde er vor ungefähr einem halben Jahre in der hiesigen Gemeinde angestellt. London. (Die Prinzessin von Wales im jüdischen Krankenhaus.) Bei einem Besuch, den die Prinzessin von Wales dieser Tage dem Londoner Krankenhaus abstattete, hat sie auch die beiden im Alexandraslügel belegenen jüdischen Abtheilungen, die „Rothschild"- und die „Goldsmid-Stiftung", mit der dazugehörigen jüdischen Küche in Augenschein genommen. Unter den Pattenten, mit denen die Prinzessin sich auf das Liebenswürdigste unterhielt, befand sich auch eine polnische Jüdin, der die Aerzte soeben eine zweite Operation angerathen hatten. Die Prinzessin nahm herzlichen Antheil an der Krankheit der Polin, redete ihr gut zu, in Allem dem Rath der Aerzte zu folgen, deren Geschicklichkeit mit Gottes Hilfe ihr bald Genesung bringen würde. „Kol Rinnoh". Das neueste Werk des Chormeisters Professor Adolf Grünzweig in Arad ist nunmehr erschienen und bietet eine reiche Auslese trefflicher Synagogen-Compositionen, die wir in Anbetracht der herannahenden Feiertage wärmstens anempfehlen können. Vakanzen. Klattau (Böhm.). Borbeter,Schochet. Gehalt fl.500. Offerte mit Zeugnisabschriften an den Vorstand der Cultusgemeinde. — W i e n. Der Vorstand des Leopoldstädter Kranken-Unterstützungs-Vereines „Nächstenliebe" sucht vier ttichtige Vorbeter für Schachreßim und Muffofim. — Lemberg. Leiter der israelitischen Volksschule für Knaben. Gehalt fl. 900, Wohnungsbeitrag fl. 300, Directionszulage fl. 100, fünf Quinquennalzulagen ä fl. 45. Bewerber, die die Qualificatton eines Bolksschullehrers allsweisen, melden sich, in der Kanzlei der Cultusgemeinde Lemberg, Fleischhackergasse 5. — Heidelberg (Deutsch!.). Bezirksrabbiner. Gehalt 3600—4800 Mark, Wohnung, Nebeneinkünfte, nach 5 Jahren Pensionsberechtigung. Gesuche an den großherzogl. Oberrath der Israeliten in Carlsruhe. — Coblenz. Cantor und Religionslehrer, musikalische und seminarisch gebildete Bewerber deutscher Nationalität senden Offerte an den Vorsitzenden des Vorstandes Raphael Loeb. — Stoly i. Pommern. Rabbiner und Religionslehrer. 1. Jänner 1900 zu besetzen. Anfangsgehalt 3000 Mark. Religionsunterricht am Gymnasium 300 Mark. Bewerber, an deutscher Universität promovirt, richten Gesuche bis 1. September an den Vorstand. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulte. (12. Fortsetzung.) Deshalb sagte sie entschieden: Mutter-Leben, red' nichts mehr, und Du, Vater-Leben, sei stat, und thut Euch gegenseitig nicht das Leben verbittern. Was wollt Ihr haben? Was ist denn geschehen? Weil Jossef einmal über Nacht nicht daheim ist? Und was ist? Paketel! Verloren wird er sich haben? Warum? Ein kleines Kind ist er? Gestern Nacht ist er aus der Wieg' herausgesallen? Setzt Euch lieber nieder und thut frühstücken. Und Jossefen werd' ich bringen. Ich werd' ihn suchen geh'n und ich werd' ihn finden. L»eite 11. Ob Finkel in dem Augenblicke, da sie diesen Entschluss fasste, gewusst hat, wo sie hinzugehen habe, um den Bruder zu finden? Ja und nein. Gesagt hat ihr's Niemand, aber ihr Gefühl, ihr mädchenhafter Jnstinct war Leiter und Wegweiser genug. In der „Gasse" ist Jossef nicht, in der „Gasse", wo er bei seinen Eltern daheim war, kann er nicht über Nacht geblieben sein in einem fremden Hause, ohne zu den Eltern heimzukehren. So viel Zartsinn konnte sie dem Bruder zutrauen, dass er seine Eltern nicht in so gröblicher Weise verletzen werde. War er über Nacht außer dem Hause, so war er auch außerhalb der „Gasse", ja außer dem Orte. Wo er hingegangen, das war hiemit freilich noch nicht aufgeklärt, allein dem Auge einer Schwester entgeht es nicht leicht, wenn der Bruder ein Mädchen schön findet! Hatte Jossef seine Schwester in Bezug auf seine Herzensangelegenheiten auch nicht in's Vertrauen gezogen, hatte er ihr auch nicht die Tiefe seiner Neigung für die schöne Tochter des Fleischhauers erschlossen, so war ihr doch manches hingeworfene Wort, manche absichtslos gemachte Andeutung Fingerzeig genug, um sich an die Dorfschönheit mit mehr als gewöhnlicher Theilnahme zu erinnern; und wenn es ihr vollends auch nicht in den Sinn kam, an eine ernste Absicht ihres Bruders in Bezug auf die blonde Marie zu denken, so war es ihr doch mehr als bloße Vermuthung, dass er nach dem gestrigen unangenehmen Vorfälle im elterlichen Hause für den ersten Augenblick bei ihr sich trösten werde. So machte sie sich denn auf und ging hinaus in das Dorf, wo sie den Bruder zu finden hoffen durfte. Es war ein schöner Herbstmorgen. Der Nebel, der über die Landschaft hin ausgebreitet lag, hatte sich zerstreut, und die Sonne schien glänzend vom Himmel hernieder; aber sie that nicht weh, sie drückte die Wandernde nicht, sie goss wohlihuende Wärme auf sie hernieder und belebte ihren Muth und ihre Hoffnung. Ist der Bruder nur da, wo sie ihn zu treffen glaubte, dann bedarf es ja nur einer gütlichen Zurede, nur eines Wortes, und der Sohn kehrt wieder zurück in das Haus der Eltern, und Alles ist wieder gut. Den fernen Horizont begrenzten bläulich gefärbte Bergesreihen auf der einen und goldig beschienene Waldungen auf der andern Seite. Sie sah nach rechts und links, der Anblick der Landschaft that ihr wohl, und der frische Hauch des Morgens erquickte sie. Die Vermuthung, dass sie den Bruder am Ende doch nicht in dem Dorfe finden werde, dass er bereits weit weg, weit hinter jenen Bergen und diesen Waldungen sein möchte, stieg wohl hie und da in ihr auf, allein sie verscheuchte solch' bange Ahnungen mit Gewalt, schalt sich selbst ein kindisches Mädchen und schritt nur mit um so größerer Zuversicht weiter und weiter. Das arme Mädchen ahnte nicht, dass sich zwischen dem Bruder und dem elterlichen Hause in dem Augenblicke stärkere und unübersteigbare Schranken aufgerichtet hatten, als Waldungen und Bergesreihen. Wie hätte sie an solche Schranken auch nur denken sollen! Eine alte Zigeunerin kam ihr entgegen und hielt sie auf. Sie wollte ihr die Karten aufschlagen und ihr die Zukunft Voraussagen. Das Mädchen wollte sich nicht darauf einlaffen und eilte weiter. Erzürnt rief ihr die alte Zigeunerin nach: Eil' nicht so, närrische Judenmagd! Du holst ihn doch nicht ein! Hat er Dich einmal verlassen, so kommt er Dir nicht zurück! — Die Worte des alten Weibes schnitten dem Mädchen in's Herz, sie blieb stehen und wendete sich um. Die Zigeunerin stand ebenfalls stille. Das Mädchen näherte sich dem Zigeunerweibe und nahm einen Groschen aus der Tasche und reichte ihr die Gabe. Was weißt Du von ihm? — fragte Finkel. Darüber werden Dir meine Karten Auskunft geben! — sagte die Zigeunerin und fing an die Karten zu mischen. Sie verrichtete dies mit großer Kunstfertigkeit und mit allerlei geheimnisvollen Bewegungen und unverständlichen Worten und brach endlich, indem sie mit dem Zeigefinger auf eine Karte hinwies, in die Worte aus: Armes Kind! Wen such' ich? — fragte Finkel und blickte sie strenge an. (Fortsetzung folgt.)