Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 26 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Hesterr.-ungar. Kantoren-Ieitung. Nr. 26. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit".!y. Jahrg. Lguly Nenmaim Cantor der israelitischen Cultusgemeinde St. Pölten. Am 1. August ist der langjährige Cantor der israelitischen Cultusgemeinde in St. Pölten, Herr Ignaz Neu mann, im 57. Lebensjahre in Wien gestorben, wo er Heilung seines schweren Leidens suchte, das ihn ungefähr vor Jahresfrist befiel und den früher so kräftigen Organismus rasch Zerstörte. Der Verblichene war ein pflichteifriger Beamter, der seine Lebensführung stets mit seinem heiligen Amte in Einklang zu bringen wusste, ein fürsorglicher und aufopfernder Familienvater, und seine seltene Berufstreue, wie sein biederer Charakter erwarben ihm die üngetheilte Sympathie und Anerkennung seiner Gemeinde, die sein Andenken jederzeit Hochhalten wird. Auch in den weitesten Kreisen seiner Berufsgenossen erfreute sich der Heimgegangene durch seinen scharf ausgeprägten und vielfach bethätigten collegialen Sinn großer Beliebtheit, und so oft der Oesterreichisch-ungarische Cantoren-Verein, dessen Mitglied er seit der Gründung des Vereines war, irgend eine Versammlung veranstaltete, konnte man mit voller Sicherheit auf Cantor Neu mann aus St. Pölten rechnen, der, jeder Phrase abhold, mit markigen Worten warm und entschieden für die Interessen der Berufsgenossenschaft eintrat und, von Allen wohl gelitten, etwa entstandene Differenzen leicht schlichtete. Die israelitische Cultusgemeinde in St. Pölten ließ die irdische Hülle des Verblichenen nach St. Pölten, an die Stätte seiner langjährigen Wirksamkeit überführen, woselbst am 3. August das Leichenbegängnis vom Tempel aus unter überaus zahlreicher Theilnahme stattfand. Rabbiner Or. Schächter hielt eine tiefempfundene Trauerrede, Cantor-Stellvertreter Rabinowitsch recitirte die üblichen Psalmen. Ehre seinem Andenken! ♦n u2 "jr “3 nn Zirm jüdischen Synagogennnd Gemeindeleben im Mittelalter. Von Leon Scheinhaus-Memel. (Fortsetzung.) Selbst die Goanim, die Großrabbiner, die dank ihrer großen Gelehrsamkeit den größten Einfluss besaßen und somit die einzigen Machthaber im jüdischen Volke waren, machten davon ohne die Gemeindeverwaltung keinen Gebrauch, und selbst in der eigenen Gemeinde schritten sie selten ein, bevor sie ersucht waren. Gegen feststehende Gebräuche haben sie nur in seltenen Fällen Stellung genommen, sie haben sogar für Beibehaltung mancher alten Gebräuche sich ausgesprochen, wenn sie auch ihnen im Princip nicht gefielen (Müller, Einleitung in d. Responsen p. 211). Immer zahlreicher wurden die verschiedenen localen Bräuche, die jede Gemeinde sich aneignete; die Folgen dieser verschiedenartigen Minhagim, die eine Spaltung in der Einheit der Gemeinden hervorriefen, waren besonders bemerkbar, wo die Gemeindemitglieder aus verschiedenen Städten stammten und ein jedes an den hergebrachten Bräuchen seiner Heimat festhielt. Jedoch auch dieser verschiedenartigen Mischung sind Grenzen gelegt worden, denn ab und zu gab es Rabbiner, deren hehre Persönlichkeit so bedeutend, deren Autorität so geltend war, dass ihre Satzungen freiwillig von vielen Gemeinden während mehrerer Generationen einheitlich angenommen wurden. Es ist wichtig zu wissen, dass es große Gemeinden im heutigen Sinne überall nicht gegeben hat. Sie standen im Verhältnis zu der übrigen Bürgerschaft, die in den großen Städten gleichfalls nicht so zahlreich war, als man nach ihrem heutigen Umfange vermnthen möchte. Ein neuerer Forscher schätzt die gesammte Einwohnerschaft von Frankfurt a. M. im Jahre 1410 auf nicht ganz 9000 Seelen. Man kann sich denken, dass die jüdische Gemeinde daselbst, die in der Geschichte zu den tonangebenden zählt, ein nach unseren heutigen Begriffen sehr kleines Contingent zu der Einwohnerschaft stellte. In Mainz, wo schon in den ältesten Zeiten die „Leuchte des Exils" zuerst die Kenntnis des Talmud über ganz Deutschland verbreitete, bewohnte gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts die ganze Gemeinde 54 Häuser. Auf den sehr mäßigen Umfang der Gemeinden jener Zeit weisen auch die erhalten gebliebenen Synagogen, wie in Prag und Worms. Was im Allgemeinen die jüdische Bevölkerungsstatistik betrifft, so muss man freilich in Betracht nehmen, dass die Ortschaften, in denen Juden wohnten, ungemein zahlreich waren. In Niedersachsen, in Steiermark, Kärnthen u. s. w., wo heute wenig oder gar keine wohnen, gab es überall Indens) Vor den Kreuzzügen lebten die Juden Deutschlands nicht in einem Zustande des Druckes. So glaubte in Speier zu Anfang des elften Jahrhunderts der Bischof Rüdiger das Ansehen der Stadt nicht besser heben zu können, als wenn er den Juden darin die weitgehendsten Privilegien einräumte. Neben Handelsfreiheit räumte er den speierischen Juden eigene Gerichtsbarkeit ein, und ihr Synagogenvorsteher sollte dieselbe Befugnis haben, Processe zu schlichten, wie der Bürgermeister. Der Kaiser Heinrich IV. bestätigte diese Privilegien durchwegs und fügte noch neue günstigere Bestimmungen hinzu?) Mit dem Ende des elften Jahrhunderts ist es aber schlechter geworden. Der erste Kreuzzug begann das blutige Werk des Plünderns und Mordens an den hilflosen Juden auszuüben. Und in diesen Zeiten der Gefahr, als heftige bösartige Stürme das Haus Jacob zu vernichten drohten, wirkte das innere Leben der jüdischen Gemeinden wohlthuend, erhaltend: der Zusammenhalt sämmtlicher Gemeindemitglieder, die Einigung der zersplitterten Kräfte zur Wahrung der theuersten Güter. Die Leitung der Gemeinden und Vereine des Judenthums hatte schon in den ältesten Zeiten einen demokratischen Anstrich, wie aus den Wahlen der Gemeinde-Repräsentanz deutlich zu ersehen ist. Die Wahlen erfolgten durch directe geheime Abstimmung, keine Classenwahl; nur die Majorität war entscheidend. Die gewählten unbesoldeten Beamten waren überall: der erste l) Güdemann, HI, p. 126. -) Grätz, Bd. VI. p. 99.