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Die Wahrheit · 1899-08-11 · Heft 26 (11.8.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 26 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 26. im vollen Kampfe mit den Insekten, um die Kartoffelernte zu vertheidigen. Trotz der furchtbaren Hitze und der Sonnengluth der Mittagssonne arbeiteten die Leute mit einem Eifer auf dem Felde, als gälte es ihr Leben. Man sagt, die Juden geben keine guten Bauern ab; ich dagegen kann nach dem, was ich selbst gesehen habe, speciell auch in Machnaim, behaupten, dass die jüdischen Eolonisten so gut arbeiten, wie die besten englischen Feldarbeiter nur es leisten können. Ich vergass noch zu erwähnen, dass die Colonisten ihre Geräthe selbst anfertigen und ihre Wagen allein bauen. Als ein Beispiel des Erfolges der jüdischen Landwirthe will ich eines erwähnen, das mir gerade einfällt. Die Olivenpflanzung ist eine äußerst delicate und schwierige Arbeit. Die Eingeborenen des heiligen Landes haben bei dieser Pflanzung 25 Procent Verlust, die Juden dagegen nur 3 oder 4 Procent, und ich glaube dies der größeren Sorgfalt der Juden zuschreiben zu sollen, von der ich mich selbst überzeugt habe und die über jedes Lob erhaben ist. Schließlich besuchte ich noch die Colonie Mischmar Hajarden, welche, wie man mir sagte, aus dem Fond des Baron Hirsch unterstützt wird. Von dort ans überschritt ich den Jordan und sah u. A. die Colonien des Baron Rothschild in Hauran. Leider muss ich sagen, dass, obgleich das Land außerordentlich fruchtbar ist, der türkische Gouverneur die Eolonisten chikanirt, und zweifellos wird einige Zeit vergehen, ehe sie sich wieder dort niederlassen dürfen. Bevor die jüdischen Eolonisten dorthin kamen, lagen auch diese Striche wüst. Es dauert natürlich lange, bis ein Land, das derartig vernachlässigt war, wieder zu dem alten Culturzustand emporgehoben wird. Sicher sind auch Fehler vorgekommen, wie dies der Fall sein muss, wo Experimente gemacht werden. Aber die Fehler sind nicht arg und können bald verbessert werden. In der Zeit von wenigen Jahren werden, dessen bin ich sicher, die meisten jüdischen Ansiedlungen sich selbst erhalten. Es kann kein Zweifel mehr bestehen, dass die Eolonisten Außerordentliches leisten und wenn ihnen irgendwie Unterstützung seitens des englischen Publicums gegeben werden kann, so darf ich ruhig sagen, dass kein Geld besser verwendet werden kann, und dass es für die Eolonisten eine entscheidende Hilfe sein wird. Gemeinde- und Vereinsbote. Wien. Vom Vorstande der israelitischen Cultusgemeinde wurden in diesem Monate ausgeschrieben: die „Heinrich S. Reichlinger'sche Stiftung" für eine fromme, arme Familie 1 Platz fl. 100; die „Adam H e rz fe l d's ch e Stiftung" für eine mit dem Stifter verwandte arme Braut 1 Platz fl. 120; die „Josef und Cäcilie Adler'sche Stiftung" für Wohnungsmiethe - Beiträge 4—6 Plätze ä fl. 20—30. Sämmtliche mit dem Einreichungstermine bis 31. August 1899. Näheres bei der israelitischen Cultusgemeinde Wien (I., Seitenstettengasse 4). Brünn. (Eine Baron Hirsch-Stiftung.) Vor einigen Jahren las man: Der selige Philantrop Baron Hirsch habe auch die mährisch-schlesische Lehrerschaft mit einem Legate von 11.000 fl. bedacht. Dem wurde gleich bcigefügt, dass dieser Betrag wahrscheinlich von den Testaments-Vollstreckern dem mährischschlesischen Lehrerverein überwiesen wurde. Weil aber dieser Verein, dessen Nothwendigkeit aus der elenden socialen und materiellen Stellung der jüdischen Lehrer in der vormärzlichen Zeit abgeleitet wurde, nur aus einigen wenigen Mitgliedern bestand, brach sich die Idee Bahn, das genannte Legat der Gesammtlehrerschaft israelitischer Konfession in Mähren zukommen zu lassen. Ja, es hieß damals, in kurzer Zeit werde eine Enquöte zusammentreten und die Angelegenheit in Fluss bringen. Seit dieser Zeit ist aber viel Wasser in die Donau geronnen und man spürte bei der in Rede stehenden Affaire kein greifbares Resultat. Die Sache schien in den Sand verronnen zu sein, und Skeptiker erkühnten sich sogar, der Meinung Raum zu geben, die wenigen Mitglieder des ehemaligen Mährisch-schlesischen Lehrervereins reclamiren das Legat für sich, weil es ihnen die Testamentsvollstrecker gnädiglich zugewiesen haben und finden sich dabei mit ihrem Gewissen ganz gut ab. Da bringt die „Wahrheit" in der Nummer 25 d. I. — wie ein Blitz aus heiterem Himmel — die Nachricht, der „Lehrerverein" habe sich aufgelöst und an seine Stelle sei der Jubiläums-Stiftungsverein getreten. Derselbe bilde eine Schülerstiftung und alle Lehrerkinder haben auf eine Unterstützung Anspruch. Das klingt sehr schön, und Eingeweihte wollen wissen, dass die genannten 11.000 fl. in den Schoß dieser Stiftung fielen. Am erfreulichsten ist dabei, dass das Privatinteresse dem allgemeinen Wohle unterordnet wurde und keiner der Lehrervereins-Mitglieder egoistische Zwecke verfolgte. Es ist nur nicht aufgeklärt, ob denn nur verwaiste Lehrerkinder unterstützt werden, indem die in der „Wahrheit" erschienene Notiz in dem Wunsche ausklingt: „Möge der Verein wie bisher nur Gutes stiften und trauernde Herzen erfreuen!" Prag. Sonntag, den 13. und Montag, den 14. August d. I. findet die 26. ordentliche General-Versammlung des israelitischen Landeslehrer-Vereines in Böhmen (Verein der Rabbiner, Neligionslehrer, Cantoren) statt. Verhandlungsgegenstände: 1. Begrüßung durch den Obmann. 2. Vorlage des Geschäfts- und Caffaberichtes. 3. Wahl des Vorstandes. 4. Vortrag des Rabbiners Herrn H. Kohn, Reichenau a. K.: Ueber die Lesemaschine von H. K. 5. Vortrag des Rabbiners A. Stein: Aus der jüdischen Geschichte. 6. Freie Anträge. 7. Regelung des Religionsunterrichtes an den öffentlichen Volks-, Bürger- und Mittelschulen. Prag. Aus Anlass der jüngsten Berathungen über die Abfassung eines neuen Statutes war von der Statthallerei als Vertreter der nicht berücksichtigten böhmischen Israeliten der Prager Gemeindeverordnete Dr. Ruzieka delegirt worden. Derselbe stellte nun bei der Berathung eine Anregung auf Einführung der sprachlichen Gleichberechtigung, welche aber von der Majorität abgewiesen wurde. Nun hat die Prager Ortsgruppe der „Närodni Jednota ceskozidovskä“ an die k. k. Statthalterei ein Memorandum gerichtet, in welchem um die Durchführung der sprachlichen Gleichberechtigung bei der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde gebeten wird. Es wird in dem Memorandum darauf verwiesen, dass in allen Synagogen bloß deutscher Gottesdienst stattfindet, und die Amtirnng im jüdischen Rathhause, sowie die Verwaltung der diversen Fonds mit Ausschluss jedweder sprachlicher Gleichberechtigung erfolgt. Berlin. Vor Kurzem wurde dem Docenten am Berliner Rabbinerseminar, Herrn Dr. A. Berliner, von dem in St. Moritz zur Cur weilenden Großherzog von Baden eine fast einstündige Audienz gewährt. Der hohe Herr hatte die „Geschichte der Juden in Rom" von Dr. Berliner dankend entgegengenomrnen und folgte mit großem Interesse den Schilderungen des Autors aus dem jüdischen Leben in Italien. Besondere Bedeutung erhielt die Audienz durch die Aeußerungen des Fürsten über die schwebenden Zeitfragen. Der Großherzog sprach mit freundlicher Anerkennung von den Juden in Deutschland, besonders in Baden, beklagte die Unterdrückungen unserer Glaubensbrüder in den östlichen Ländern und verurtheilte das Treiben der Antisemiten. „Die antisemitische Bewegung," meinte er, „wird nicht mehr schaden, sie hört auf und verschwindet." Dann erkundigte sich der Großherzog noch nach den Berliner Gemeindeverhältnissen, erzählte von seinem Besuch in der Synagoge in Amsterdam, ließ sich von Herrn Dr. Berliner die besonderen Verhältnisse der jüdischen Separatgemeinden in Berlin und Karlsruhe, der jüdischen Hochschulen und Seminarien eingehend schildern. Von großem Interesse waren namentlich die Aeußerungen des Fürsten über den Zionismus, da man ihn ja bekanntlich als einen besonderen Gönner dieser Bewegung auszugeben versucht hat. Aber es ging aus diesen Aeußerungen mit voller Klarheit die Thatsache hervor, dass der Großherzog die Frage einzig und allein im Sinne der Colonisation Palästinas als einer Zufluchtsstätte für die unglücklichen Juden des Ostens anfzufassen geneigt war.

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