Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 26 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 26. gestaltet, dass er sie Alle, freilich im Gewände und Gehaben der pilpulistischen Zeitgenossen, förmlich vor sich stehen sieht. Dazwischen hebt er auch das gedankenschwere Haupt empor, umkost von schmeichelnden Zukunftsbildern. Er sieht sich da mit befriedigtem Lächeln als einstigen Lehrer zahlreicher Schüler, welchen er die Tiefen dieses Gesetzes aufrollt, als Prediger in großer Versammlung, die er zu den Himmelshöhen der jüdischen Gotteslehre emporhebt. Als elternlose Waise von der Milde edler Menschen erhalten, erachtet er sich wie aus schwankendem Kahne ohne Lenker aus dem wogenden Lebensocean hingetragen; ihm schwebt aber sein Ideal, der gelehrte, fromme Vater vor, der in ihm einst fortleben soll. Dieses Lebensbild des jungen Eibenschitz ist jedoch durchaus nicht so ganz aus purer Phantasie gewoben: aus der Einleitung zum Krethi und Plethi, welches Werk R. Jonathan erst im späten Lebensalter herausgegeben hat, ergeben sich für dasselbe die maßgebenden Anhaltspunkte. Die hochfliegenden Zukunftsträume des jungen Eibenschitz sind wohl berechtigt. Wenn sich der Lehrsaal des berühmten R. Meir Eisenstadt füllt, entsteht nur beim Eintritte zweier Personen eine besondere Erregung. Zuerst bei dem Rufe: „Der Eibenschitzer kommt!" Es ist der angestaunte Jünger. Sodann bei dem Rufe: „Der Rabbi kommt!" Es ist der bewunderte Meister und Lehrer. Wenn dann R. Meir lehrte, und der Eibenschitzer dessen Worte entweder bekräftigend ergänzte oder beweifelnd zergliederte, schaute der Lehrer mit Ueberraschung auf diesen Hellen Kopf, die Schüler horchten wie gebannt. Eine väterliche Liebe zu diesem wunderbaren Talente erwachte im Herzen des Lehrers. Im 21. Lebensjahre, 1811, finden wir Jonathan Eibenschitz in Prag, in der Stadt der großen berühmten Bibliothek des Oberrabbiners David Oppenheim. Er wird wohl damals noch nicht, wie Grätz in seiner Geschichte der Juden schreibt, daselbst bereits angestellt, aber doch schon als ein Meister des Vortrages in der Mitte der sich an ihn herandrängenden Mitschüler anerkannt gewesen sein. Dort in Prag kam nun auch sein Lebensnachen, der bis dahin so geschmeidig und anmuthig dahinfuhr, in's erste bedenkliche Schwanken. Er kam in Verkehr mit verkappten und und offenen Sabbathianern. Was es mit diesen für Bewandtnis hatte, braucht wohl nicht erst des Weiten nnd Breiten auseinandergesetzt zu werden. So ungefähr, wie in unserer Zeit der Schreckensruf erklingt: Der junge, hoffnungsvolle Mann sei unter die Anarchisten oder in eine der schlechteren Strömungen der Socialisten gerathen, so mag in jener Zeit der Ruf geklungen haben, er pflege Umgang mit den Sabbathianern, den sogenannten „Schöpsen". Es klang wie der schrille Ton einer gesprungenen Seite, bedeutete, er sei verloren für den gesitteten Lebenslauf, für die Familie, für das zarte, keusche Sehnen, das sich im Herzen hochsinniger Jungfrauen für den schönen Mann in seiner prachtvollen Entwicklung regt. So hat jedes Jahrhundert auf seiner Bergeshöhe auch den steilen Abhang, von welchem vorwitzige, namentlich junge Geister jählings hinab in den Abgrund stürzen. Was heute Anarchie oder Socialismus im schlimmeren Sinne heißt, hat damals in jüdischen Kreisen Sabbathianismus geheißen. Die Sabbathianer, so genannt von ihrem Messias Sabbathi Zewi aus Smyrna, hatten die Kabbalah missbraucht, um die Glaubenshoheit, das stets in allen Lagern hochgehaltene ernste Gottesgesetz, die tausendjährige seit Moses gepflegte, durch Roth und Weh erzielte Bescheidenheit der gottesfürchtigeu jüdischen Nation, deren sittlichen Ernst und besonnenes Streben zu entwurzeln und mit sich selbst vergötterndem Hochmuth, der verwegen die Schranken der Gesittung niederreißt, die Wege der liebevollen Gottheit verwirrt, mit messianischen Hirngespinsten zu vertauschen. Der Sabbathianismus begann mit Schwärmerei und Asketik, um mit Zügellosigkeit, Unzüchtigkeit und Gräuel aller Art zu enden. Das ist immer wieder nur die in der menschlichen Geschichte so oft ausbrechende beseelte Sinnlichkeit (^esoliarnotll sotiebe^uk), welche den sonst majestätisch dahinfließenden, breiten und tiefen Lebensstrom über die anmuthigen Gefilde menschlicher Entwicklung in Gerechtigkeit und Erkenntnis zerstörend sich ergießen lässt. Das große, alle Fasern des jüdischen Herzens erregende Drama, welches wir hier vorzuführen haben, bewegt sich allzusehr im sabbathianischen und kabbalistischen Fahrwasser, als dass wir es uns ersparen könnten, einige Worte der Aufklärung über das Verhältnis des Sabbathianismus zur Kabbalah vorauszuschicken. Die Kabbalah hat gleichzeitig mit der Philosophie ihre Ausbreitung in den jüdischen Gedankenkreisen gefunden. Philosophie und Kabbalah haben sich seit jener glanzvollen Literaturperiode dem Judenthume angeheftet und es fast bis auf den heutigen Tag nicht mehr losgelassen. Die Philosophie, ursprünglich und bis auf Bacon von Berulam der Inbegriff aller Wissenschaften überhaupt, konnte für sich allein dem so schwer bedrängten und für die ganze Wissenschaft so bedeutungsvollen jüdischen Standpunkte nicht genügen. Die Philosophie vermag ja selbst beim besten Gelingen doch nur einen dürren, wesenlosen, mathemathischen Gott darzustellen, gleichsam ein künstlich construirtes geometrisches Netzwerk farbloser Linien. Das ganze Judenthum mit seinem riesigen Lehrgebäude, mit seinen tief eingreifenden Lebenseinrichtungen, mit seiner Furcht, seiner Zuversicht, seinen Erwartungen hat aber doch nur diesen Gott zu seiner einzigen Grundlage, von welcher Alles getragen werden muss, und diese Grundlage muss deshalb stark und gewaltig genug erscheinen, um völlige Beruhigung einzuflößen. Der Gottesbegriff der Juden müsste sozusagen Hand und Fuß haben. Die Kabbalah unternahm es, ihn zu geben. Sie suchte bis in's Himmelreich selbst vorzudringen. Sie stützte sich auf das gewaltige Buch des Sohar, welches wir keineswegs als das zusammengeschmiedete Machwerk eines einzigen Menschenalters, des Moses de Leon nnd noch weniger als unbedeutend hinstellen dürfen. An Poesie, lebhafter Darstellung, erschütternden Gemälden, weicht es durchaus nicht hinter Dante's Divina Comedia zurück, an tiefsinniger Psychologie, Weltvergeistigung, Ausweitung der Bibel und talmudischer Ausgestaltung Gottes ist er geradezu fascinirend. Da er Gott und All durchaus in der Bibel untergebracht wissen will, ist er bemüssigt, bis zur Unendlichkeit zu dehnen und zu strecken. (Fortsetzung folgt.) Die jn-ifthea Colomen in Palästina. Von Generalmajor Wilson in London. Mein Besuch in den jüdischen Colonien des heiligen Landes bereitete mir soviel Vergnügen und Belehrung, dass ich mich entschloss, unmittelbar nach meiner Rückkehr in die englische Heimat von alledem zu sprechen, was ich dort gesehen. Die erste Colonie, die ich besuchte, war die Ackerbauschule bei Jaffa. Mikweh Israel ist eines der ältesten Etablissements dieser Art in Palästina und seine Wirksamkeit in der That eine ausgezeichnete. Nahezu 250 Schüler besuchen