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Die Wahrheit · 1899-08-11 · Heft 26 (11.8.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 26 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26. Die Wahrheit. Seite r>. Wenn man über Zionismus debattiren hört, so bekommt man alle möglichen philosophischen und soeialpoliiischen Dinge zu bedenken, dass aber Hunderttausende von armen Menschen, die im tiefsten Jammer schmachten, gerettet werden können — werden müssen, daran denkt man nicht." „In der That. Am häufigsten wird, und besonders in unseren dem Chauvinismus abholden Kreisen, das folgende Argument vorgebracht: Seien wir froh, dass wir in den Juden ein kosmopolitisches Element besitzen, dass die Gelehrten und Künstler und Denker unter ihnen außerhalb der nationalistischen Ideen wirken und schaffen. —" „-Als ob atie Stuben naä) Palästina gehen müssten", unterbrach ich — „wenn es für die Verfolgten unter ihnen eine Zufluchtsstätte gäbe l" „Das Argument ist noch nach anderer Richtung falsch", versetzte Bonogeois. „Man könnte hoffen, dass die humanitärkosmopolitischen Principien, die einen Theil der Judenschaft beseelen, zum Allgemeingut werden könnten, wenn die Juden stark und zahlreich genug wären, um die anderen zu absorbiren; das ist aber nicht der Fall." „Gewiss. — Und um mit Nachdruck Kosmopolit sein zu können, das heißt zu erkennen, dass die Interessen der Menschheit die Interessen des Vaterlandes überragen, oder vielmehr in sich begreifen, muss man —" „Muss man vor Allem ein Vaterland haben", ergänzte Bourgeois. „Beklagenswerth ist es, dass jetzt in Frankreich die Presse eine so hetzerische Rolle übernommen hat, nämlich jene Presse, die das Volk liest..." „Das ist nicht so schlimm. Nirgends liest das Volk — namentlich die Arbeiter — so viel Zeitungen wie bei uns — aber man glaubt nicht an sie. Der französische Arbeiter kauft ein Blatt, liest es, „blaguirt" es, schwört aber nicht darauf. Sein Sinn ist offen, geweckt und dürstet nach Allem, was frei und was gerecht ist. Die Racenhetze ekelt ihn an. Ich weiß doch, wie man in Arbeiterkreisen denkt und fühlt — ich stamme ja selber daraus..." Lin Lriefnon Prof. Di. David Kaufmann. Was die Wissenschaft an Pros. Kaufmann verloren hat, ist mit Recht in den verschiedensten Zeitschriften hervorgehoben worden; einen Punkt aber vermissten wir in den Nekrologen, der nicht minder von Bedeutung ist. Prof. Kaufmann, welcher hohe Gelehrsamkeit mit bestrickender Liebenswürdigkeit in sich verenüe, verstand es, strebsame Talente zu wissenschaftlicher Thätigkeit anzufeuern und Anregungen auf den verschiedensten Gebieten zu geben. Man lese nur seine eigenen Worte in der Vorrede zu Seligm. Heller's „Hebräische Melodien", wo er bemerkt: „Ich habe es stets als ein Glück und einen Gewinn meines Lebens betrachtet, Seligmann Heller zu dem nach Gestaltung rufenden Horte der mittelalterlichen jüdischen Dichtung hindrängen zu dürfen, so unvergänglich herrlichen Schöpfungen durch mein unablässiges Mahnen und Wecken in's Dasein verhelfen zu können. Es ist mir vergönnt gewesen, dem Meister das Handwerkzeug zu reichen, Zug um Zug an seinem Kunstwerke entstehen zu sehen und bei tausend Einzelheiten mitzuberathen, ehe die letzte Hand an die Arbeit gelegt wurde." Wie sehr Kaufmann aufrichtiges Streben, etwas zu leisten, würdigte und anerkannte, möge auch folgender Brief beweisen, den er an den Unterzeichneten richtete, ein Brief, der charakteristisch dafür ist, wie Kaufmann Liebenswürdigkeit mit wissenschaftlicher Genauigkeit verband und mit wenigen Worten neue Anregung zu geben verstand. Ich sandte Kaufmann meine Gymnasial- Programmarbeit: „Biblische Sprache und biblische Motive in Wieland's Oberon" ein. worauf ich folgenden Brief erhielt. Sehr geehrter Herr Rabbiner! Erst heute gelange ich dazu, dafür aber aus der vollen Kenntnis Ihrer trefflichen Arbeit heraus, Ihnen dafür herzlichen Dank zu sagen. Geschmack und Urtheil werden bei solcher Siebearbeit auf eine harte Probe gestellt. Sie sind aber der Gefahr, Mücken zu feigen und Kameele zu schlucken, glücklich entgangen. Bis auf p. 21, wo die Hand von einem ziehen andersher genommen ist, habe ich von Ihren frischen Blättern keinerlei Geziefer abzulesen gefunden. Einzelnes ist geradezu prächtig und nnfschlnssreich. aber auch das Ganze entschieden verdienstlich. Ich hoffe, dass Ihnen viel Zustimmung und Anerkennung auch von Berufeneren zugekommen sind und noch zu Theil werden dürften. Haben Sie L. Geiger, Berlin, Schagerstraße 5, die Schrift geschickt 'i Schade, dass Rnd. Hildebrand sie nicht mehr lesen kann. Die Hebung der Blindheit hätten Sie auf Tobit zurückführen sollen.?. 25, Z. 23 l je, p. 28 Z. 10 Wasserströme, p. 29 n. 4 Z. 4, die leihweise Ueberlassung — Wustmann über Dich, Samson! — Erfreuen Sie mich bald mit der Mittheilung, dass Sie unsere alten jüdisch-dentschen Bibelübersetzungen u. s. w. zu studiren angefangen haben. Leben Sie wohl ohne Beben und arbeiten Sie frohgemuth weiter zur Freude Ihres Ihnen aufrichtig und mit besten Grüßen ergebenen B u o a p e st, 9/11. 1897. D. K a n f m a n n. Eines weiteren Commeutares bedarf dieser Brief nicht, er gibt ein anschauliches Bild von dem edlen Charakter Kaufmann's, der weder mit Lob noch mit Tadel zurückhielt: für mich wird dieser Brief ein kostbares Kleinod bleiben für mein ganzes Leben. Brüx, den 30. Juli 1899. Rabbiner Di. Adolf B i a ch. Jonathan Eibenschitz. Bon Dr. M. 5f. Stern, Ung.-Brod. Ein junger Mann in den Zwanziger-Jahren tritt auf den Plan. Es ist der neue Rabbiner von Bnnzlau in Böhmen. Eine bestrickende Erscheinung voll angestaunter Kenntnisse, gehüllt in einen Ruhmesmantel, wie er selbst in den an überraschenden Talenten keineswegs armen Kreisen der jüdischen Schriftgelehrten nur selten vorkommt. Es ist R. Jonathan Eibenschitz! Polen halte das scharfsinnige Geisteskind zur Welt gebracht, das feiner geschliffene mährische Judenthum hat ihm die einnehmenden Nmgangsformen verliehen, der ungarische Talmndmeister Gemüthstiefe verliehen. In Krakau 1690 geboren, erhielt er im mährischen Orte Eibenschitz, allwo sein Vater Rate Nathan Rabbiner war, die ersten Jugendeindrücke. Früh verwaist, kam er zunächst zu seinem Verwandten, dem hochgelehrten Jsak Spiro, in Schule und Pflege. Bei Meramasch, R. Meir Eisenstadt, hat er seine immensen Talmudkenntnisse erworben. Da uns anderweitige ungetrübte Bericht über die Jugend- und Studienzeit R. Jonathan's fehlen, suchen wir zunächst das Bild dieses Jüngers mit der Feder zu zeichnen, welche wir den Schwingen unserer angeregten Phantasie entlehnen, mit Farben, die wir aus unseren eigenen Herzenstiefen holen. Wir sehen da den jungen Mann in stiller Klause nächtlich bei spärlichem Lichte über den heiligen Folianten gebeugt, aus welchen er nicht nur das Gesetz enträthselt, sondern auch die vergangenen Zeiten und deren Geisteshelden erforscht, die er sich so klar und lebensvoll

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