Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 26 (11.8.1899)
- Date
- 1899-08-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seile 4. Die Wahrheit. Nr. 26. liche Vorbereitung erfordert, ohne welche der Gottesdienst im besten Falle ein werthloses Lippenwerk bleibt. Dabei können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, dass manche Gebete gerade von Denen andachtslos verrichtet werden, welche sie nicht verstehen, und würden von ihnen vielleicht gar nicht gesprochen werden, wenn sie ihre Bedeutung wüssten. Wir wollen hier nicht an das bekannte Jekum purkan erinnern, welches der orthodoxe Jude jeden Sabbath andachtsvoll heruntersingt, ohne zu ahnen, dass er um langes Leben für Menschen betet (babylonische Exilssürsten u. s. w.), die mindestens seit tausend Jahren im Grabe schlummern! Aber fragt doch die jüdischen Beter, was sie eigentlich unter den Worten verstehen: Die Räder (Opkanint) und heilige Thiere erheben sich in großem Sturm gegenüber den Brennenden re., ob Euch Einer unter Tausend eine richtige Antwort geben wird? Vollends aber der Schüler, der eben erst aus der Schule kommt, wo er keineswegs der Sabbathruhe Pflegen konnte, wie soll er mit aufrichtiger Andacht die Worte sprechen: „Unser Gott und Gott unserer Väter! Habe Wohlgefallen an unserer Ruhe?" Bleibt nun die Exhorte, in der so Viele das Heil der Jugend erblicken. Aber man gestalte sie noch so einfach und klar, der unreife Gymnasiast hört nicht auf sie, und der Volksschüler versteht sie nicht. Unzählige Proben haben mich davon überzeugt. Wenn sich der Schüler nicht bewusst ist, dass er über das Gehörte Rechenschaft geben muss, zwingt er seine Gedanken nicht zum Hören, und manchen Ausdruck, den wir für so einfach halten, versteht er einfach nicht. Darum soll der Schüler unterrichtet, auf echt jüdische Weise unterrichtet, nicht aber auf christliche Weise — erbaut werden. Der Jugend- Gottesdienst, das erborgte, unpassende, unnütze Gewand, muss eingetauscht werden für das echte, altjüdische Verhören. Was der Schüler im Laufe der Woche, oder sagen wir des Monats, gelernt hat, darüber soll er öffentlich verhört werden, das würde ein nützlicher Prüfstein werden für die Schüler und — für die Lehrer, und würde unbedingt viel Segen stiften. Wollte man an das Verhören ein Mussaph- oder Mincha-Gebet verrichten — warum nicht? Sollen die Kleinen sehen, wie die Großen beten. Aber beten, regelrecht beten soll nur drr Große, das heißt Derjenige, der für das Beten gründlich vorbereitet wurde. Darum rufen wir Allen, denen das Judenthum nicht im unverstandenen Lippenwerk aufgeht, zu: Schaffet Zeit für echten jüdischen Unterricht, schaffet aber ab den unnützen und schädlichen Jugend-Unterricht! 1. Elul, 5659. Rabbiner Di'. I. Kahan Lin Lheilnehmer des Friedeuscongreffes über den Antisemitismus und Zionismus. Zu den markantesten Persönlichkeiten des vor Kurzem beendigten Haager Friedenscongresses gehörte unstreitig der Vertreter Frankreichs, Mr. Leon Bourgeois, der trotz seiner verhältnismäßig jungen Jahre— er ist im Jahre 1851 geboren — bereits verschiedene Minister-Portefeuilles innehatte, auch schon an der Spitze der französischen Regierung gestanden ist und bei der Bildung des letzten Cabinets eine hervorragende Rolle gespielt hat. In den Eongresstagen war nun eines Abends in den Salons der bekannten Baronin Snttner eine illustre Gesellschaft versammelt, deren Mittelpunkt Air. Bourgeois bildete. Man discutirte verschiedene Congressfragen und kam im Laufe der Unterhaltungen auch auf die „Affaire Dreyfus" zu sprechen. „Es ist mir unbegreiflich", meinte Baronin Suttner, die das nachstehende Gespräch in der „Welt" wiedergibt, „wie jetzt gegenüber der Evidenz die Antirevisionisten noch immer bei ihrer Meinung bleiben und wie überhaupt Menschen, die doch sonst Verstand und Herz haben, sich in so ungerechte und harte und, man kann sagen, brutale Haltung verrannt haben!" Bourgeois erklärte das so: „Aller Ehrgeiz der Menschen gipfelt in dem einen Bestreben: ,plaire ä ses pairs:, nämlich, es denen recht zu thun, zu denen man gehört. Jeder Stand, jede Gesellschaftsklasse, jede Bildungskategorie hat ihr verschiedenes Jugendideal — das ist das Geheimnis des Corpsgeistes. Ueberall liegt Einem nur an dem Beifall, an der Achtung der Gesinnungsgenossen." „Der ganze Process hat seine Quelle doch zumeist im Antisemitismus", bemerkte ich. „Was sagen Sie zu diesem?" Bourgeois antwortete nur mit einem Wort, in leidenschaftlichem Tone: „ Abominable!" „Ist Ihnen bekannt, dass es eine Bewegung gibt — sehen Sie, unser Tischgenosse drüben — er kann uns nicht hören, er ist in's Gespräch vertieft, Dr. Herzl, steht an der Spitze-eine Bewegung, durch welche sich die Juden der Verfolgung entziehen wollen-— " „Der Zionismus" unterbrach Bourgeois — „gewiss ist mir der bekannt. Man muss ihn ermuthigen. Denn —" Und Bourgeois fuhr fort, mir mit Feuer die Gründe auseinanderzusetzen, aus welchen, seiner Ansicht nach, die Bewegung unterstützt werden solle. Die volle Assimilation — nach langen Zeiten zwar nicht unmöglich, liege noch in zu weiter Ferne; bis dahin müssten noch, wenn sie sich nicht losreißen, zu viele Individuen leiden. „Das Individuum ist doch überall die Hauptsache — Allgemeinheit ist nur ein abstracter Begriff . .. Bis jetzt ist die Judenheit noch zu sehr charakteristisch von den Uebrigen verschieden, als dass sie unbemerkt sich amalgamiren könnte. Sowohl an ihren Fehlern, wie an ihren hervorstechenden Tugenden erkennt man sie. Verschiedenheit bedeutet nicht Minderwerthigkeit — Niemand soll es sich gefallen lassen, wegen seiner Zugehörigkeit zu dieser oder zu jener ethischen Gruppe insultirt zu werden. Zionist sein, heißt: gegen den Antisemitismus Front machen. Und mehr noch fast, als die Juden, wird die übrige Bevölkerung durch den Judenhass geschädigt — er wirkt verrohend, er wirkt culturhemmend, namentlich hemmt er die Verwirklichung der Ideale, in deren Namen wir im Haag versammelt sind .. . Freilich bringt die Cultur nach und nach doch alle ihre Aufgaben zuwege — sie hat ja die endlose Zeit vor sich — aber um was es sich bei aller Wohlfahrtsthätigkeit handelt, das ist die Beschleunigung des Fortschrittes — darum willkommen alle frische, kühne Bethütigung der Energie! Von einer neu znsammengeschlossenen Nation, die sich zu bejahen wagt, und die aus so intelligenten, erwerbsklugen und talentvollen Elementen zusammengesetzt ist, ließe sich eine Bereicherung der allgemeinen Culturarbeit erhoffen, und dem Antisemitismus wäre sein Hauptactionsfeld entzogen, das Hauptobject seiner Schmähungen — nämlich „ein versprengtes Volk". Ich bleibe dabei, man soll den Zionismus encouragiren." „Sie vergessen Eines in Ihrem Plaidoyer. Es handelt sich vor Allem, Bedrängten und Unglücklichen Hilfe, rasche Hilfe zu bringen." „Natürlich — dies in erster Linie. Das ist aber selbstverständlich — ich wollte nur diejenigen Seiten der Frage beleuchten, die entfernter liegen, nur solche Argumente Vorbringen, die man bestreiten könnte." „Selbstverständlich — naheliegend... ach, das ist's, was gewöhnlich am schwersten verstanden, am wenigsten beachtet wird!