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Die Wahrheit · 1899-08-11 · Heft 26 (11.8.1899) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 26 (11.8.1899)
Date
1899-08-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Ais Wahrheit Redaclion «. Administration: Wien, II/ZTocaragaffc 27- K. k. östrrr. Postfparcaffa Check-Conto Nr. 846.251. Inserate 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. fnr jnöische Bezugspreis: Ganzjährig.fl. 6.— Halbjäprig.fl. 3.— Für Lnltusbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit! Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Nr. 26. Wien, 11. August 1899. Inhalt: Religions-Unterricht und Jugend-Gottesdienst. — Ein Theilnehmer des Friedenscongresies über den Antisemitismus und Zionismus. — Ein Brief von Prof. vr. David Kaufmann. — Jonathan Eibenschitz. — Die jüdischen Colonien in Palästina. — Gemeinde- und Vereinsbote. — Ignaz Neumann. — Zum jüdischen Synagogen- und Gemeindeleben im Mittelalter. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Heimweh. Religions-Unterricht nutz Ängend- Gottesdienst. Die Klagen über die Mängel des jüdischen Religionsunterrichts, sowie des Jugend-Gottesdienstes sind ebenso alt wie berechtigt. Jedermann weiß, dass die Resultate des ersteren sehr dürftig, wenn nicht gleich Null sind, sowie dass letzterer fast immer seinen Zweck verfehlt, und es fehlt auch nicht an Vorschlägen, dem Uebel abzuhelfen, aber es ist noch bis jetzt Keinem gelungen, die Klagen verstummen zu machen. Warum wohl? Wenn ein Riese sich das Gewand eines Zwerges ausborgt und sich beklagt, dass ihm dieses Gewand nicht paffen will, so werden wir diesen Riesen gewiss anslachen und jeden dazu, der sich herausnehmen wollte, das Zwerggewand dem Riesen anzupassen. Aber der Riese „Judenthum" darf sich die lächerlichsten Zwerggewänder aneignen, und die Weisen schütteln den Kopf und wollen es nicht begreifen, warum sich dieser Riese in den erborgten Gewändern nicht bequem »lachen kann. Sollen wir uns deutlicher ausdrücken? Man wird uns dann erst recht nicht verstehen wollen. Aber es sei drum, gesagt muss es doch einmal werden, und vielleicht kommt doch Mancher zur Einsicht, dass ein Kleid nach Maß am besten passt. Das Judenthum ist schon als Riese zur Welt gekommen, die ganze Welt trägt es ans seinen Schultern. Gott ist einer, das Weltall eine Schöpfung, die Menschheit eine Familie — das lehrt schon das erste Blatt der Thora. Kein Mensch hat noch die Tragweite dieser Riesengedanken voll ausgedacht, und die Gesammtmenschheit ist noch weit davon entfernt, sie zu verwirklichen. Liebe zu Gott und Liebe zu den Menschen, Freiheit, Gerechtigkeit, Keuschheit, Reinheit, Gesundheit, Fröhlichkeit, Rücksicht, Ehrerbietung, Mitgefühl selbst mit dem Thier — kurz, was lehrt das Judenthum nicht? Und eine solche Religion will gelernt sein, das Lernen ist das Hauptgebot der jüdischen Religion. 2^12 *1:133 min na^ni Aber gerade deswegen ist ein jüdischer Religionsunterricht, so paradox es klingen mag, eine große Lächerlichkeit, ein gedankenlos geborgtes Gewand einer Zwerg-Religion, der es genügt, einige Wundergeschichten nebst ein paar unverstandener Glaubenssätze den Kindern in zwei Stunden wöchentlich beiznbringen. Wohl lässt sich das übergroße Gebiet der jüdischen Religion auf wenige Grundprinzipien, wie Liebe zu Gott und den Menschen, zurückführen. Aber ebenso wie Derjenige noch kein Naturkenner ist, der die Haupteintheilung der gesummten Natur in organische und anorganische Wesen kennt, ebensowenig kann Jemand über eine Religion unterrichtet sein, der nur jene Grundprinzipien der Liebe kennt. Das war ein verhängnisvoller Jrrthum des Christenthums, der es auch verschuldet hat, dass die Lehre der Liebe sich im Leben so wenig bewährt hat, und die Wortführer des Judenthums sollten sich hüten, in denselben Jrrthum zu verfallen. Der Jude muss die Thora im Original kennen, er muss das Wesen, die Bedeutung seiner Propheten, seiner Weisen verstehen, ihm darf seine Vergangenheit nicht gänzlich unbekannt bleiben — und zu alledem muss ihm Zeit und Gelegenheit gegeben werden, sonst nutzt Euch aller „Religionsunterricht" sammt allem „Jugend-Gottesdienst" blutwenig! Jugend-Gottesdienst — wie schön, wie bezaubernd schön klingt doch dieses Wort! Die Jugend, unsere Freude, unser Stolz und unsere Hoffnung, versammelt sich im Gotteshause, um andachtsvoll zu beten und den Worten des Lehrers zu lauschen. Müssen wir nicht mit stolzer Freude aus diese — Errungenschaft blicken? Jawohl, Errungenschaft! Denn der Jugend-Gottesdienst ist nicht jüdisch, sondern ein ebenso erborgtes Zwerggewand, wie der Religionsunterricht. Im Judenthum sollen die Erwachsenen Gott dienen, die Jugend aber muss erst darauf vorbereitet, darin unterrichtet werden! Der Lehrbursch darf nicht gleich den Meister spielen wollen, oder er bleibt ein Stümper sein Leben lang. Ja, es ist nun einmal so, und kein Weiser auf der Welt wird die Thatsache aus der Welt schaffne, dass die Theilnahme am jüdischen Gottesdienst eine gründ-

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