Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 25 (1.8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hesterr.-ungdr. Hctnloven-Deilung. Nr. 25. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". A Zahrg. Znm jüdischen Synagogen-und Gemeindeleben im Mittelalter. Von Leon Scheinhaus-Memel. (Fortsetzung.) Den Verkauf der „Alioth" und übrigen gottesdienstlichen Functionen an den Meistbietenden nahmen die Juden an, vom Wunsche beseelt, mit ihrem Hab und Gut die Ehrfurcht vor Gott zu bekunden. Dieser Handel im Gotteshause verursachte manche Unregelmäßigkeiten, sogar, wenn auch selten, manche unerquicklichen Conflicte. Wir müssen aber berücksichtigen, dass die Bequemlichkeit, die die Juden sich im Gottesdienste nahmen, und dass sie die Synagoge für ihr Zweites Wohnhaus hielten, aus den Gefühlen wahrer Frömmigkeit entstammt, aus dem Herzensgrund einer biederen Seele. Der Rabbiner (Or-Sarua), der sich besonders über den Verkauf der „Alioth" freute, gab sonst die strengsten Anordnungen, den hohen Werth des Synagogenheiligthums wahrzunehmen. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts, als die Juden den Standpunkt zwischen alter und neuer Weltanschauung einnahmen, begannen sie in der besonderen Behaglichkeit, die man sich im Gotteshause erlaubt, als Art snp ‘rfcn zu betrachten, als Einmischung des Profanen in die Rechte des Heiligthums, denn jene echte Biederkeit der Alten ist den Späteren abhanden gekommen, jene Frömmigkeit, die den Allgegenwärtigen überall erblickt, in jedem Ort und in jeder Sache, auch als Mitwirkender in allen gewöhnlichen Lebensdingen, und nicht blos als weite erhabene Schöpfung, der man nur mit festgesetzter höchster Etikette nahen darf. Die Unterhaltung in der Synagoge ist zur Nothwendigkeit geworden, weil sie der Hauptversammlungspunkt der Gemeinde war; jedoch nebensächliche Unterhaltung, die als weniger wichtig erscheint, wurde nicht im Hause selbst, sondern im Tempelvorhof geführt. Und so ist es sogar bei den sehr Frommen Brauch geworden, nach dem Gottesdienste im Hanse und im Vorhof eine Zeit zu verbleiben, und über allerhand Neuigkeiten, die in der Welt Vorgehen, Rücksprache zu halten, über Krieg und Frieden, Handel und Wandel u. s. w?) Die Absonderung der Frauen in der Synagoge war die Folge ihrer abgesonderten Stellung im gesellschaftlichen Leben; doch sehen wir, dass bis zum 13. Jahrhundert das so sehr nicht beobachtet worden ist. Erst im 13. Jahrhundert begann man, gesonderte Abtheilungen für die Frauen in der Synagoge einzurichten, oben als Galerie oder nebenbei. In manchen Orten hielten die Frauen selbständig Andacht, wo Vorbeterinnen fungierten, von denen manche sogar rühmlichst bekannt waren. Die Gotteshäuser waren im Mittelalter herrliche Bauten, sie überragten alle Gebäude des Ortes und waren durch imposante Höhe so hervorgethan, dass unter Jnnocenz HI. die Christen einer Stadt Beschwerde führten, dass die Synagoge höher als die Kirche dastehe. Besonders reich waren die Synagogen in Spanien und Italien. Hervorzuheben ist die im Jahre J) Joel Müller, Einleitung in die Responsen. p. 21. cfr. 61 nann jann» 1357 vollendete Prachtsynagoge in Toledo, die der jüdische Finanzminister Samuel Abulafia, der Günstling Don Pedros, erbaute. Diese abulafianische Synagoge in Toledo, die noch heutigen Tages als Kirche eine Zierde dieser Stadt ist, war halb im gothischen, halb im maurischen Stile erbaut. Sie bestand aus mehreren Schiffen, die durch Säulen von einander geschieden waren. Feingeschnitzte Arabesken verzieren den oberen Theil der Wände ringsherum. Innerhalb der Arabesken ist auf grünem Grunde und weiß hervortretend der 84. Psalms in hebräischer Schrift zu lesen. Auf der Nord- und Südseite sind Inschriften in halberhabener Arbeit angebracht, die in 12 langen Linien die Verdienste des Fürsten Samuel Abulafia verewigen. Die Gemeinde dankt darin Gott, „der seine Gnade seinem Volke nicht entzogen und Männer erweckt hat, die sie aus Feindeshand erretteten. Wenn es auch keinen König mehr in Israel gibt, so hat Gott einen Mann seines Volkes Gunst in den Augen des Königs Don Pedro finden lassen, der ihn über alle Großen erhoben, zum Rathgeber in seinem Reich ernannt hat". Der Name des Königs ist mit großen Buchstaben hervorgehoben, als sollte es in die Augen fallen, dass dieser Fürst in einem innigen Verhältnis zu den Juden stand, gewissermaßen zur Synagoge gehörte. Zuletzt ist der Wunsch ausgesprochen: Samuel möge die Wiederherstellung des Tempels erleben und darin mit seinen Söhnen als Leiter fungiren. Große und prachtvolle Synagogen ließ dieser Samuel auch in den anderen Gemeinden Castiliens erbauen. Die Verzierung der Synagogen, trotzdem es nicht jüdische Art war, ist doch innen und außen herrlich gewesen. In Köln waren die Fensterscheiben mit allen möglichen Bildern illustrirt, häufig waren auch die Wände mit Bildern, namentlich aus der Zoologie, sowie aus der biblischen Geschichte, bemalt. Gegenstände wurden so zahlreich den Synagogen geschenkt, dass man sich genöthigt fühlte, in der Annahme der frommen Schenkungen sehrwühlerisch zu sein. Eine „Menorah" — achtrohriger Leuchter — ist nur mit besonderer Genehmigung des Vorstandes als Schenkung angenommen, (68 -vir mn) und die freiwillige opferfreudige Versorgung des Gotteshauses allsabbathlich mit Licht und Wein war ein beneidetes Privilegium einzelner Mitglieder, das vererbt worden ist (Responsen n"-n I 387). In Asten dienten die Synagogen bis zum 10. Jahrhundert auch als Absteigequartier für jüdische Reisende, sie wohnten und speisten da auf Kosten der Gemeinde. Der Brauch des Kidusch in der Synagoge, der noch heute zurückgeblieben ist, war hauptsächlich nur ein Theil des Sabbathmahls, das in der Synagoge selbst oder im Hofraume für Reisende aus der Fremde ausgerichtet worden. Nun zum jüdischen Gemeindewesen im Mittelalter. Nichts war damals im europäischen Judenthum, das mit der christlichen Hegemonie identisch wäre; es konnte auch gar nicht möglich sein, denn die Bischöfe hatten ja eine politische, beinahe unbeschränkte Machtstellung, die der Rabbiner in dem Maße nie besessen. Dieser Wad) Grätz, 99b. VII, p. 415, dem ich in dieser Schilderung folge, ist Psalm 80 angegeben. Dr. M. Levin aber, der „Jberia" persönlich besuchte, gibt in seinen Anmerkungen zur Gedichtsammlnng „Jberia" (Brl. 1885) den 81. Psalm an, was wahrscheinlicher ist.