Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 25 (1.8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 25. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. (11. Fortsetzung.) Am End' meint's der Honza nicht schlecht! und das muss ich sagen: Wenn der Jossef sich taufen lassen möcht', ich gab' ihm meine Marie mit tausend Freuden; denn ein Bursch ist er, wie man kein' zweiten findt; aber so ein Gedanke müsst' in ihm selber kommen! so was muss man Niemandem in den Kopf setzen! Warum nicht? — fragte die alte Brigitte. — Die Marie ist's vielleicht nicht werth, dass er sich ihrethalben taufen ließ? Darüber kann kein Anderer entscheiden als er allein! Wenn Einer entscheiden soll — sagte Brigitte — so wird man ihm doch die Frage vorlegen müssen! Ich thu's nicht — sagte Niederhuber und zuckte mit den Achseln. Aber ich — sagte Brigitte — mir thut das Herz weh', wenn ich sehen soll, wie die Marie sich das Herz abessen soll. Gleich jetzt geh' ich hinein. Nur stat — sagte Mederhuber — es brennt nicht; überschlaft es eine Nacht, Brigitte, es wird morgen auch noch ein Tag sein! * * * Es war ein schöner klarer Herbstmorgen, der dem geschilderten Abend folgte; da wanderte desselben- Weges, den Jossef gestern mit so viel Bekümmernis im Herzen zurückgelegt, eine andere Gestalt, nicht minder bekümmert und besorgt, aber ohne schwankende Gedanken, sondern mit einem festen Ziel im Auge, mit dem Ziel, den verlorenen Sohn in das elterliche Haus zurückzuführen; es war Finkele, Jossefs Schwester. Der Entfernung des Sohnes aus dem Hause der Eltern wurde daheim anfänglich keine besondere Beachtung geschenkt. Er hatte eben die Stube verlassen, weil er es vermeiden wollte, sich von den Eltern Vorwürfe wegen seiner Weigerung machen zu lassen, oder weil er gegen die von den Eltern angeführten Gründe, welche für die Verbindung mit dem Mädchen aus der „Gasse" sprachen, nichts zu erwidern vermochte. Er werde schon wiederkehren, meinten die guten Leute. Jossef kehrte aber nicht wieder. Die Nacht brach herein und Jossef kam nicht nach Hause. Sie warteten mit dem Nachtmahl, er kam nicht. Finkele deckte den Tisch und stellte wie gewöhnlich auch für den Bruder ein Gedeck hin, denn sie erwartete seine Wiederkehr. Sie trug die Speisen auf; die Eltern und die Tochter setzten sich zu Tische, der Sitz des Sohnes blieb leer. Finkele theilte vor, sie hatte der Mutter dies Geschäft, um ihr — wie sie sagte — bei Tische Ruhe zu gönnen, längst abgenommen, sie legte auch auf Jossefs Teller ein Stück von dem Braten und deckte die Speise mit einem darübergestürzten Teller zu, Den Eltern wie der Tochter war die Mahlzeit verbittert, sie genossen nichts von der köstlichen Speise; Finkele trug das Essen wieder vom Tische. Sie schwiegen alle Drei, Jeder machte sich im Stillen seine Gedanken. Es ward spät, Jossef kam noch immer nicht. Finkele machte die Betten auf, sie richtete auch das Lager des Bruders zurecht. Er wird schon noch kommen! — tröstete sie sich; vergebens, er kam nicht. Sie warteten lange, ehe sie daran dachten, sich niederzulegen. Die Hausthüre war noch nicht versperrt, denn Jossef war ja noch nicht zu Hause. Finkele ging endlich hinaus, sperrte die Hausthür und dachte: er wird schon anklopfen! Ich werd' ihn hören und werd' ihm aufmachen. Die Eltern legten sich nieder, Finkele nahm eine Nähterei zur Hand und setzte sich an den Tisch, um noch zu bleiben und auf den Bruder zu warten. Der Vater schlief nicht ein, die Mutter auch nicht. Er wälzte sich im Bette hin und her, von einer Seite auf die andere; die Mutter ließ von Zeit zu Zeit einen schweren Seufzer vernehmen, den sie nicht zurückzudrängen vermochte und der der Tochter in's Herz hineinschnitt. Finkele sah oft nach der Wanduhr hinauf. Die beiden Zeiger rückten unaufhörlich weiter und weiter, sie zeigten beide sehr hoch nach oben, der eine wird den anderen bald eingeholt haben, jetzt hat er ihn erreicht; es war Mitternacht, und Jossef war noch immer nicht da! Ein Hund schlug auf der Gasse an: Finkele horchte auf. Sie vernahm Tritte — sie kamen immer näher, ihr Herz pochte, ihr Busen wogte; das ist er! Jetzt, jetzt wird er an die Thüre klopfen! Sie hatte sich von ihrem Sitze bereits erhoben, sie hatte den Hausschlüssel schon in der Hand, bereit, dem Pochenden die Thüre zu öffnen: aber nein, die Tritte verhallten wieder, der Mann war an dem Hause vorübergegangen, ohne anzuklopfen; das war nicht der Bruder, das war nicht Jossef. Leg' Dich nieder, Finkel! flüsterte es vom Bette der Mutter herüber, und Finkel that, wie die Mutter gebot. Sie entkleidete sich nur halb und legte sich nieder; sie schlief aber so wenig wie Vater und Mutter. Sie lag noch wach und horchte auf jeden Laut, der sich vernehmen ließ. Lange lag sie so da in Gedanken an den Bruder, ihre Seele füllte sich mit düsteren Bildern; endlich schlummerte sie ein wenig ein, erwachte aber nach kurzer Zeit wieder, sprang vom Bette empor, denn es schien, als hätte sie klopfen gehört. Sie eilte zur Thüre. Jossef, bist Du's? Keine Antwort erfolgte. Sie drehte den Schlüssel, den sie bereits in's Schloss gesteckt hatte, herum und öffnete die Thür. Sie öffnete sie weit; Niemand trat ein. Sie setzte den Fuß auf die Schwelle, trat auf die Gasse hinaus, sah links und rechts und rechts und links, ob er von irgendeiner Seite komme. Vergebens, Jossef kam nicht. Das arme Mädchen! Während sie seiner harrte, hatte sich in der Seele des Bruders eine große, mächtige Wandlung vollzogen. Auch er hatte nämlich Honza's Ruf, welcher dem alten Niederhuber zu der Aeußerung, dass der Honza mit ihm es nicht eben schlecht meine, Veranlassung gegeben, durch das ein wenig geöffnete Fenster hindurch vernommen, und er ward mächtig von demselben ergriffen. Ein Licht ging ihm auf, das ihm leuchtete und den Weg wies, heraus aus seiner Finsternis und Bedrängnis, und in der leidenschaftlichen Erregung, in der er eben die Worte gerufen hatte: Marie, ich kann nicht, ich kann Dich nicht verlassen! rief er jetzt: Nein, Marie, ich werde Dich nicht verlassen! Ich sehe den Weg, der uns zusammenführt und uns verbindet für die Ewigkeit! Ich sehe ihn und ich werd' ihn geh'n! Die arme Finkel! Wenn sie das gewusst hätte! Vieles ging ihr durch den Kopf, an so was aber konnte sie nicht denken, dass ihr Bruder damit umgehe, sich von seiner Religion, von seiner Familie — denn Eines hing mit dem Anderen zusammen — eines Mädchens wegen loszusagen! Der Tag brach an. Jossef war noch immer nicht zu Hause. Nun begannen die beiden Eltern sich gegenseitig mit vorwurfsvollen Blicken anzusehen, und den vorwurfsvollen Blicken folgten bald vorwurfsvolle Reden. Die Mutter meinte, der Vater sei gegen den Sohn zu heftig gewesen, der Vater hingegen meinte gerade dasselbe von ihr. Man hätte ihm nicht müssen so scharf zu Leibe gehen, man hätte bedenken müssen, dass er ja kein Kind sei, das man zu einer Sache zwingen kann, und wenn er nun einmal durchaus nicht will, so will er nicht, und es sei unrecht, ihm eine Braut, für die er keine Neigung hat, durchaus und mit Gewalt aufdringen zu wollen, und Finkele habe eigentlich ganz Recht, und wenn man es überlegt, so sieht man es auch gleich, dass sie Recht hat mit dem, was sie schon gestern gesagt hat, dass Jossef und Mirl Asrieles nicht für einander passen. Von dieser Ueberzeugung waren sie jetzt Beide durchdrungen, von derUeberzeugung, dass dem Sohne Unrecht widerfahren sei, nur wollte weder Vater noch Mutter das Unrecht begangen haben, sondern Jeder schob es auf die Seite des Anderen. Finkele konnte das nun länger nicht mehr ertragen. Der Bruder war davongelaufen und sie wussten nicht, wohin; jetzt noch überdies Zank und Streit zu Hause, Uneinigkeit zwischen Vater und Mutter; es that ihr zu wehe, dies mit anzusehen und anzuhören. (Fortsetzung folgt.)