Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 25 (1.8.1899)
- Date
- 1899-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 25. Die Wahrheit. Gebete nicht kennen? Der Religionsunterricht hat die Aufgabe, so viel er an Zeit erübrigt, immer und immer wieder sich mit dem Hinweis auf den Gottesdienst und feine wichtigsten Handlungen zu befassen. Jede Gelegenheit muss benützt werden, um auf die Bräuche der Synagoge, auf die Gebete, auf die Thora- und Prophetenlection hinzuweisen. So bleibt der Schüler im fortwährenden Contact mit der Religionsübung. Täuschen wir uns nicht, das Haus lässt uns nach dieser Richtung hin sehr oft im Stiche, der gewissenhafte Lehrer aber hat die Pflicht, hier in die Bresche zu treten und zu bessern, was auf der anderen Seite unterlassen wurde. Der Schüler soll über Alles im Klaren sein, was im Gottesdienste vorgeht, dann wird sein Interesse erregt und auch wach erhalten werden. Auch über den Inhalt des aus der Thora Vorgelesenen unterrichte man die Schüler. Dadurch wird man ihn auch mit dem Kalender bekannt machen. Das wichtigste Mittel aber, das aus der Thora und den Propheten Vorgelesene zu erklären, zu erläutern, ist die Exhorte. Die Exhorte muss sich ihrem Inhalte nach der Thora- Lection zunächst anschließen. Man gebe also eine kurze Uebersicht des in dem betreffenden Abschnitte Enthaltenen. Kurze, markante Sätze mögen besonders hervorgehoben werden; auch eine öftere Wiederholung wird sich empfehlen, damit der Kernsatz dem Geiste der Jugend sich fest einpräge. Mit der Thora- Vorlesung bringe man die aus den Propheten in einen sinnigen, organischen Zusammenhang. Vielleicht empfiehlt es sich auch, die Haphtaras, besonders wenn sie passend sind, in guter, deutscher Uebersetzung vorzulesen. Die Exhorte sei knapp, nicht weitschweifig, vermeide jede geistreich sein sollende Verkrüppelung der Bibelverse, folge der natürlichen Auslegung und passe sich der Auffassungsgabe der Jugend an. Ein geistvoller Midrasch wird gewiss die Jünglinge anziehen, aber weit herbeigeholte Vergleiche, unklare Bilder, unserer Zeit nicht angemessene Deutungen, Erklärungen, welche das Bibelwort auf den Kops stellen, sind auf alle Fälle zu vermeiden. „Gott hat den Menschen gerade erschaffen, sie aber dachten sich viele Krümmungen aus," dies Wort des weisen Kohelet beherzige jeder Prediger, besonders aber der, welcher der Jugend das Wort Gottes kündet. Die Exhorte bilde überhaupt das Herz des Gottesdienstes. In schöner, klarer, einfacher Sprache erläutere sie auch der Jugend die Bedeutung des jeweiligen Sabbaths oder Festes, sie bilde eine Ergänzung des Religionsunterrichtes, sie verkläre unsere Geschichte und Morallehre, kurz, sie soll das lebhafteste Interesse des Jünglings erregen. Wir wollen dabei nicht außer Acht lassen, dass ein weihevoller Gesang gewiss die Andacht im Gottesdienste sehr erhöht. Aber wie schwer ist es, diesen durchzusühren. Und wieder kehren wir zu unserem Ausgangspunkte zurück. Die Schüler anderer Bekenntnisse werden im Gesänge der Kirchenlieder unterrichtet, wie sehr im Argen liegt der Tempelgesang bei unserer Jugend. Schon der selige Prediger Dr. Adolf Jellinck drang auf einen Unterricht unserer Jugend in den wichttgsten Tempelgesängen. Wie oft denken wir der Worte des großen Redners, wenn wir die schrillen Töne in unserem Jugend-Gottesdienste hören. „Wonne und Freude wird darin gefunden, Dank- und Lobgesaug," wie werden doch diese Worte unseres Trostes-Propheten oft ad absurdum geführt! Israel, das Volk des Gesanges, sollte nicht im Stande fein, in seinen Gemeinden für einen erhebenden Gesang seiner Jugend zu sorgen? Vor Allem also eine Beaufsichtigung durch die Lehrer ihrer Confession, Verständnis der Gebete und Handlungen des Gottesdienstes, eine richtige Abhaltung der Exhorte und erhebender Gesang, das wären die Mittel, um dem Jugend-Gottesdienste die Wirkung zu verleihen, die er ausüben kann. Im anderen Falle wird er doch nur eine fremde Ckukkat nachahmen, er wird fremder Sitte Nachfolgen. Rabbiner, Vorbeter, Religionslehrer, Vorsteher, sie alle mögen sich vereinigen, um dem Jugend-Gottesdienste die Stellung zu geben, die er verdient. Wir sind überzeugt, die Schulbehörden werden uns dienstwillig an der Seite stehen. „Für die Jugend ist das Beste grade gut genug," dies Wort Goethe's wollen wir beherzigen, indem wir unsere Jünglinge zur Religion und zum Dienste Gottes erziehen. Dr. M. G-. David Kaufmann. (Sin Nachruf.) Stille herrscht um das Grab, das sich um ihn geschlossen hat, unterbrochen blos von Seufzern, die sich der schwer belasteten Brust Derjenigen entringen, die von dem harten Schlage eines unerbittlichen Geschickes zunächst getroffen worden sind. Sich von so viel Liebe, Güte und Treue trennen zu müssen, scheint ihnen schier eine Unmöglichkeit. Er war so gut und hingebungsvoll; nichts für sich, Alles für sie war sein Denken und Fühlen, sein Dichten und Trachten. Welch' ein Sohn und Gatte war er! Und wie verstand er es, Freund zu sein! Wie ein elektrischer Strom durchzog es ihn, wenn Name und Interesse des Freundes auf dem Spiele standen. Es vibrirte mächtig in ihm und erregte ihn, wie der Wind das Espenlaub, wenn er glaubte, dass demselben eine Unbill widerfahren sollte. Mit allen ihm eigenen Mitteln stellte er sich in diesem Falle zur Verfügung, und den ganzen großen Reichthum seines Wissens und Könnens bot er auf, um erfolgreichen Beistand zu leisten. Sie Alle umringen nun tiefgebeugt die Stätte, die ihm gebettet ward. Sie finden keinen Ausdruck für die unsäglich tiefe Trauer, die sie erfüllt. Um so lauter und vernehmlicher sind die Wehklagen ans jenen Kreisen, über die sich, wie ein immer mit neuer Kraft hervorsprudelnder Quell, sein Geist ergoß: aus der schriftstellerischen Welt und der Hörerschaft der Anstalt, welcher er als Lehrer angehörte. Fast alle modernen, alt-classischen und orientalischen Sprachen beherrschend, schrieb er in diesen seine gelehrten Arbeiten, selbstständig oder in zahllosen Zeitschriften des In- und Auslandes. Die Correspondenz, die er mit hervorragenden Männern der Wissenschaft und des Judenthums pflegte, beträgt Bände, und nur sein immenser Fleiß und unermüdlicher Studiendrang können es erklären, dass er für all' seine Beschäftigung Zeit fand. Zeit war für ihn Wissenschaft. Selbst wenn er anderweitig beschäftigt schien, war er mit seinen Gedanken bei dem Gegenstände, der gerade den Vorwurf seines Studiums bildete. Auf diese Weise wurde er ein Nabob an Gelehrsamkeit. Das trat in jeder seiner Conversationen hervor. Mochte sie welches Thema immer betreffen, immer und überall zeigte er sich zu Hause. Auch bei Unterhaltungen, die das Praktische Leben betrafen, war dies der Fall. Sein gründliches und vielseitiges Wissen verleugnete sich nie.